Analyse Schach-WM Kein Sieg trotz Mehrbauern

In der siebten Partie gelang es Anand erneut, Druck auf seinen Gegner auszuüben. Doch dieses Mal war die schwarze Stellung sehr solide und durch genaue Verteidigung konnte Kramnik ohne große Probleme Remis halten. Großmeister Dorian Rogozenko analysiert exklusiv für SPIEGEL ONLINE das siebte Spiel.


1.d4 d5 2.c4 c6

Endlich greift Kramnik mit Schwarz zu der von ihm meist gespielten Eröffnung – der Slawischen Verteidigung.

3.Sf3 Sf6 4.Sc3 dxc4

Die Klassische Variante. Als Anand in dieser Stellung in der dritten und in der fünften Partie mit Schwarz am Zug war, entschied er sich für 4...e6. 5.a4

Um den Bauer zurück zu gewinnen, muss Weiß zunächst den Vorstoß b7-b5 verhindern. 5.e4 b5 führt zu scharfem Spiel, das Schwarz laut aktueller Theorie gute Chancen bietet.

5...Lf5

Verhindert 6.e4. Schwarz kann den Bauer c4 sowieso nicht lange halten, also versucht er, seine Entwicklung schnell zu beenden.

6.e3 e6 7.Lxc4 Lb4 8.0–0 Sbd7 9.De2 Lg6 10.e4

Ein bekanntes Bauernopfer, dessen Annahme für Schwarz gefährlich ist.

10...0–0

Nach 10...Lxc3 11.bxc3 Sxe4 12.La3 kann Schwarz nicht rochieren und viele Partien haben gezeigt, dass Weiß über mehr als ausreichende Kompensation für den Bauern verfügt. Doch nach Kramniks Zug steht Schwarz bereit, auf c3 und e4 zu schlagen und deswegen verteidigt Weiß den Bauern auf e4.

11.Ld3 Lh5

Da der Bauer auf e4 jetzt gut verteidigt ist, stellt Kramnik seinen Läufer auf eine andere Diagonale.

12.e5

Wie fast jeder Zug in einer Schachpartie hat dieser Vormarsch Vor- und Nachteile. Weiß erobert Raum für seine Figuren, öffnet die Diagonale b1–h7 für den Läufer und nimmt Schwarz zwei wichtige Felder: d6 und f6. Aber zugleich schwächt Weiß die Kontrolle über das Feld d5 und das weiße Bauernzentrum verliert an Mobilität.

12...Sd5 13.Sxd5 cxd5

Dank seines Raumvorteils hat Weiß etwas bessere Aussichten. Doch Schwarz hat keine Schwächen und in solch soliden Stellungen hat sich Kramnik schon immer wohl gefühlt.

14.De3

Damit löst Weiß das Problem der Springerfesselung.

Diese Stellung hat Kramnik schon vor zwei Jahren in seinem Wettkampf gegen den Bulgaren Weselin Topalow auf dem Brett gehabt.

14...Te8

In der zweiten Partie des Wettkampfs Topalow-Kramnik, Elista 2006, geschah 14...Lg6 15.Sg5 Te8 16.f4 Lxd3 17.Dxd3 f5 und Kramnik gewann nach dramatischem Kampf, obwohl Weiß zwischendurch entscheidenden Angriff hatte.

15.Se1 Lg6

In der Stichkampfpartie Topalow-Kramnik, Elista 2006, geschah 15...Tc8 16.f4 Lxe1 17.Txe1 Lg6 und nach weiteren 30 Zügen endete die Partie Remis.

16.Lxg6 hxg6 17.Sd3 Db6

Das Zentrum ist geschlossen und dann gewinnen in der Regel die Springer an Wert. Deswegen hat Kramnik nichts gegen den Tausch seines Läufers.

18.Sxb4 Dxb4 19.b3!

Der einzige Zug, um Fortschritte zu erzielen. Der Läufer will nach d6, wo er wichtige Felder kontrolliert.

19...Tac8 20.La3 Dc3 21.Tac1 Dxe3 22.fxe3

Die Doppelbauern auf der e-Linie sind für Weiß kein Problem, da er sie leicht verteidigen kann. Wichtiger für Weiß ist, dass seinem Turm jetzt die offene f-Linie zur Verfügung steht und er den Bauern d4 zuverlässig gedeckt hat (zum Beispiel, wenn Schwarz Sb8-c6 spielt).

22...f6

Da Weiß Raumvorteil hat, braucht Schwarz mehr "Luft" für seine Figuren. 22...f6 gibt dem schwarzen König das Feld f7.

23.Ld6 g5

Noch mehr Luft für Schwarz – der König bekommt jetzt auch noch das Feld g6.

24.h3 Kf7 25.Kf2 Kg6 26.Ke2 fxe5 27.dxe5

Anand möchte Kd3 nebst a4-a5 (um Sb6 zu verhindern) gefolgt von e3-e4 spielen, um anschließend die d-Linie zu öffnen. Dagegen muss Schwarz sich etwas einfallen lassen. Tut er nichts, dann dringen die weißen Türme oder der weiße König in sein Lager ein.

27...b6

Kramnik verteidigt sich präzise. Er droht Sc5 und provoziert so den Vormarsch des weißen b-Bauern, der wiederum das Feld c4 schwächt.

28.b4 Tc4 29.Txc4 dxc4 30.Tc1 Tc8

Weiß kann den c-Bauern nur gewinnen, wenn er die Türme tauscht. Aber nach dem Turmtausch hat Weiß nicht genug Figuren, um die schwarze Stellung zu durchbrechen.

31.g4

Notwendig, um Kf5 zu verhindern.

31...a5 32.b5

Nach 32.bxa5 bxa5 kommt der schwarze Springer nach b6 und greift von dort aus den Bauern a4 an.

32...c3 33.Tc2 Kf7

Kramniks Verteidigungsplan hat Erfolg. Weiß muss weitere Figuren tauschen.

34.Kd3 Sc5+ 35.Lxc5 Txc5 36.Txc3 Txc3+ 37.Kxc3

Trotz Mehrbauern kann Weiß nicht gewinnen, denn sein König kommt nicht an die schwarzen Bauern heran. Deshalb: Remis. –



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