Analyse Schach-WM Kramnik beweist Nervenstärke

Niederlage gut verkraftet: Wladimir Kramnik zeigte sich in der vierten Partie der Schach-WM gut erholt von seiner Pleite am Freitag. Nun haben er und Weltmeister Viswanathan Anand einen Tag Zeit, ihre Taktik zu überdenken. Großmeister Dorian Rogozenko analysiert exklusiv für SPIEGEL ONLINE das vierte Spiel.


In der vierten Partie zwischen Wladimir Kramnik und Vishy Anand stand bereits nach 15 Zügen eine ausgeglichene Stellung auf dem Brett – weitere 14 Züge später teilten sich die beiden den Punkt.

Ein für Anand etwas enttäuschendes Ergebnis und ein wichtiges Remis für Kramnik, der sich nach der gestrigen Niederlage in der dritten Partie in einer psychologisch unangenehmen Situation befand. Er hätte gerne etwas mehr Zeit gehabt hätte, die weitere Wettkampftaktik mit seinen Sekundanten in Ruhe zu bedenken. Am Sonntag hat er dazu Gelegenheit - dann ist Ruhetag.

1.d4

Entweder möchte Anand seine eigentliche Hauptwaffe - 1.e4 – erst in der entscheidenden Phase am Ende des Wettkampfes einsetzen oder er hat wirklich 1.d4 als Hauptzug für diesen Wettkampf vorbereitet. Eines ist jedoch klar: in den restlichen Partien des Wettkampfs muss Kramnik mit beiden Möglichkeiten rechnen.

1...Sf6 2.c4 e6 3.Sf3

Keine Nimzo-Inder wie in der zweiten Partie, in der 3.Sc3 Lb4 geschah.

3...d5

Nach 3...Lb4+ hätte Weiß die Möglichkeit, 4.Ld2 zu spielen, um so den aktiven Läufer des Schwarzen sofort zu tauschen.

4.Sc3 Le7

Kramnik hat auf Nimzo-Indisch verzichtet und entscheidet sich für eine andere klassische Eröffnung – das Damengambit. Tatsächlich ist dies die meist gespielte Eröffnung in allen Weltmeisterschaftskämpfen der Vergangenheit. Weiß hat es nicht leicht, hier nachhaltige Aktivität zu entfalten.

5.Lf4

Die andere Hauptfortsetzung ist 5.Lg5.

5...0–0 6.e3

ChessBase

6...Sbd7

Eine kluge Entscheidung. Die Alternative 6...c5 führt zu langen theoretischen Varianten, die Anand vermutlich vor dem Wettkampf analysiert hat.

7.a3

Wenn Weiß 8...c5 verhindern will, dann kann er selbst 7.c5 spielen. Aber das hat andere Nachteile, denn Schwarz kann den Bauern c5 mit b7-b6 später angreifen.

7...c5 8.cxd5 Sxd5 9.Sxd5 exd5 10.dxc5

Sonst muss Weiß mit 10...c4 rechnen, was Schwarz entgegenkommt. Aber jetzt kann Schwarz seine Figuren bequem entwickeln und alle Eröffnungsprobleme lösen.

10...Sxc5 11.Le5 Lf5 12.Le2 Lf6 13.Lxf6 Dxf6 14.Sd4

14.Dxd5 Dxb2 15.0–0 Tac8 16.Dxf5 Dxe2 führt zu einer vollkommen ausgeglichenen Stellung.

14...Se6 15.Sxf5 Dxf5 16.0–0

ChessBase
Wegen des isolierten Bauern auf d5 (der von keinem anderen Bauern verteidigt werden kann) verfügt Weiß über einen geringfügigen Vorteil. Aber ein so erstklassiger Großmeister wie Kramnik sollte kaum Probleme haben, hier Remis zu erreichen, denn keine seiner Figuren steht schlecht.

16...Tfd8 17.Lg4 De5 18.Db3 Sc5 19.Db5 b6 20.Tfd1

Anand versucht, mit allen Figuren Druck auf den Bauern d5 auszuüben. Das ist der einzige Plan, mit dem Weiß versuchen kann, sich einen Vorteil zu verschaffen.

20...Td6 21.Td4 a6

Nach 21...Se6 kann Weiß nicht nur 22.Td2, sondern auch 22.Lxe6 fxe6 23.Tc1 in Betracht ziehen, wonach ihm die Kontrolle über die offene c-Linie einen kleinen Vorteil sichert.

22.Db4 h5 23.Lh3 Tad8 24.g3

ChessBase
24...g5

Dieser unerwartete, scheinbar aggressive Zug hat einen tiefen positionellen Grund: Kramnik sichert sich das Feld e6 für seinen Springer. Dort greift der Springer den weißen Turm auf d4 an. Wenn der Turm wegzieht, dann kann Schwarz den Vorstoß d5-d4 durchsetzen und sich seiner Bauernschwäche entledigen.

25.Tad1 g4 26.Lg2 Se6 27.T4d2 d4

Weiß konnte diesen Vorstoß nicht verhindern. Die Stellung war einfach "zu trocken" für irgendwelche kreativen Ideen.

28.exd4 Txd4 29.Txd4 Txd4

Der isolierte Bauer ist abgetauscht und die Stellung dadurch vollkommen ausgeglichen. Deswegen: Remis

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