Analyse Schach-WM Remis nach inszeniertem Angriff

Weltmeister Anand hat erneut bewiesen, wie gut er sich auf diesen Wettkampf vorbereitet hat. Mit einer Neuerung in einer bekannten Stellung erreichte er dynamischen Ausgleich und kompensierte seine geschwächte Bauernstruktur mit aktiven Figuren. Großmeister Dorian Rogozenko analysiert exklusiv für SPIEGEL ONLINE das achte Spiel.


1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 d5

Mit der Slawischen Verteidigung hat Anand in diesem Wettkampf 2,5 Punkte aus 3 Partien geholt. Dennoch greift der Weltmeister in dieser Partie zum Damengambit.

Herausforderer Kramnik (l.): Bessere Bauernstruktur verhalf nicht zum Sieg
REUTERS

Herausforderer Kramnik (l.): Bessere Bauernstruktur verhalf nicht zum Sieg

4.Sc3 dxc4

Die scharfe Wiener Variante, die bei vielen Großmeistern hoch im Kurs steht. Sie führt zu Stellungen, die gründlich vorbereitet werden müssen, denn sie sind so komplex, dass man Fehler oft erst erkennt, wenn es schon zu spät ist.

5.e4

Die einzige Fortsetzung, mit der Weiß um Eröffnungsvorteil kämpfen kann. 5.e3 c5 6.Lxc4 a6 führt zu einer bekannten und ausgeglichenen Stellung des Angenommenen Damengambits.

5...Lb4

Schwarz muss aktiv spielen, denn wenn Weiß den Bauer auf c4 ungestört schlagen kann, dann steht er wegen seines starken Bauernzentrums klar besser. Mit 5...Lb4 greift Schwarz den Bauer e4 an.

6.Lg5 c5 7.Lxc4 cxd4 8.Sxd4 Da5

Die erste kleine Überraschung. Gebräuchlicher ist 8...Lxc3+.

9.Lb5+

9.Ld2 ist der einzige Zug, mit dem Weiß versuchen kann, die gegnerische Zugfolge auszunutzen. Doch laut moderner Theorie hat Schwarz nach 9...Dc5 10.Lb5+ Ld7 11.Sb3 De5 Ausgleich. Mit 9.Lb5+ möchte Kramnik in bekannte Stellungen der Variante mit 8...Lxc3 überleiten. Anand hat jedoch andere Dinge im Sinn.

9...Ld7 10.Lxf6

ChessBase

10...Lxb5

Wieder ein neuer Zug von Anand! Bislang hat Schwarz entweder 10...Lxc3+ oder 10...gxf6 gespielt. Nach 10...gxf6 11.0–0 Lxb5 nimmt Weiß den Läufer b5 mit dem Springer c3: 12.Scxb5. Spielt Schwarz nicht 11...Lxb5, sondern 11...Lxc3, dann entsteht nach 12.Lxd7+ Sxd7 13.bxc3 die Hauptstellung der Variante mit 8...Lxc3+, die Kramnik offensichtlich gerne spielen wollte. Doch nach Anands Neuerung kommt es zu einer Stellung, die in der Praxis noch nie vorgekommen ist.

11.Sdxb5

11.Lxg7 verliert sofort wegen 11...Lxc3+ 12.bxc3 Dxc3+, aber 11.Sb3 war eine wichtige Alternative zur Partiefortsetzung. Dann führt 11...Db6 12.Lxg7 Tg8 13.Ld4 Dc6 14.Df3 Sd7 zu einer Stellung, in der Schwarz dank seiner aktiven Figuren über Kompensation für den geopferten Bauern verfügt.

11...gxf6 12.0–0 Sc6 13.a3 Lxc3 14.Sxc3 Tg8

ChessBase

Anand hat in diesem Wettkampf gute Erfahrungen mit der g-Linie gemacht und verzichtet zugunsten einer aktiven Fortsetzung auf 14...0–0.

15.f4

Weiß muss versuchen, Spiel gegen den König im Zentrum aufzuziehen. Außerdem nimmt der Vormarsch des f-Bauern Schwarz zwei wichtige Felder: e5 und g5.

15...Td8

Die Kontrolle über die d-Linie kompensiert die leicht geschwächte Bauerstruktur des Schwarzen – die Stellung befindet sich im Gleichgewicht.

16.De1 Db6+ 17.Tf2

17.Df2 wäre unlogisch, denn im Endspiel hat Schwarz keine Probleme (wenn die Damen vom Brett verschwinden, dann steht der schwarze König im Zentrum ideal). Außerdem hat 17.Df2 taktische Nachteile: Nach 17...Td2! 18.Dxb6 Tgxg2+ wird Weiß Matt gesetzt!

17...Td3

Anand nutzt die Felder d3 und d4, um seine Figuren zu aktivieren. Die Alternative war 17...Ke7 oder sogar 17...Kd7 nebst Kc8-b8, um sich mit dem König am Damenflügel zu verstecken.

18.De2 Dd4

Mit 18...De3 scheint Schwarz den prinzipiell günstigen Damentausch erzwingen zu können, aber nach 19.Dxe3 Txe3 20.Td1 ist der schwarze Turm plötzlich im weißen Lager gefangen: 20...Ke7 21.Tfd2 nebst Kf2 mit Gewinn für Weiß.

19.Te1

Nach 19.Sb5 De3 20.Dxe3 Txe3 21.Td1 Tb3 ist das Endspiel ausgeglichen. Auch nach 21.Sd6+ (statt 21.Td1) 21...Ke7 22.Sxb7 Txe4 23.Tc1 Tb8 24.Sc5 Td4 25.Sxe6 fxe6 26.Txc6 Td1+ 27.Tf1 Txf1+ 28.Kxf1 Txb2 29.Tc7+ Kd6 sichert der aktive König Schwarz ausreichend Gegenspiel.

19...a6 20.Kh1 Kf8

Weiß hat die bessere Bauerstruktur und sein König steht sicher, aber solange die gegnerischen Figuren so aktiv sind, kann Kramnik kaum etwas unternehmen. Außerdem hat Anand einen einfachen Plan, um seinen König in Sicherheit zu bringen: er stellt ihn nach h8.

21.Tef1

Weiß bereitet den Vormarsch des f-Bauern vor. Damit sichert er seinem Springer das Feld d5 oder es gelingt ihm, die f-Linie zu öffnen. Die schwarzen Figuren mit dem unerwarteten 21.Sa2 von ihren aktiven Positionen zu vertreiben, kann kaum gut sein. Schwarz zieht 21...Dd7 22.Sc1 Td6 und der Springer auf c1 steht zu passiv.

21...Tg6

Anand reagiert umsichtig. Nach dem geplanten 21...Kg7 22.f5 Kh8 (oder 22...exf5 23.Txf5 Td2 24.De1 Kh8 25.T5f2 mit weißem Vorteil) 23.fxe6 fxe6 spielt Weiß 24.De1 (viel stärker als 24.Txf6 Td2 25.Df3 Se5) mit starkem Druck auf der f-Linie.

22.g3

Nach 22.f5 exf5 kann Weiß nicht mit dem Turm auf f5 nehmen, da Schwarz 23...Td2 antwortet. Und nach 23.exf5 Tg4 hat Weiß mit dem Vormarsch des f-Bauern nicht viel erreicht.

22...Kg7 23.Td1

Erneut hätte 23.f5 Weiß nicht viel gebracht, da Schwarz den Bauern f6 gut verteidigt hat. So ist nach 23...exf5 das Schlagen mit dem Turm sogar schlecht für Weiß: 24.Txf5 Td2 25.De1 Txb2 und Schwarz gewinnt einen Bauern. Deswegen ändert Kramnik seinen Plan und versucht den Umstand auszunutzen, dass Schwarz viel Zeit braucht, um den Tg6 ins Zentrum zu bringen – er sucht sein Heil in der Mitte.

23...Txd1+ 24.Sxd1 Kh8

Doch der schwarze Turm kommt rechtzeitig zurück. Schwarz plant Tg8-d8.

25.Sc3

Auch nach 25.Dc2 Tg8 26.Td2 Db6 27.Dc3 Kg7 spielt Schwarz als nächstes ...Td8 mit Ausgleich.

25...Tg8 26.Kg2 Td8 27.Dh5 Kg7

ChessBase

Allen Versuchen von Kramnik zum Trotz ist die Stellung immer noch ausgeglichen. Weiß hat nicht genug Figuren um einen gefährlichen Angriff zu inszenieren.

28.Dg4+ Kh8 29.Dh5 Kg7 30.Dg4+

Mit der Zugwiederholung will Kramnik Zeit gewinnen, aber mehr als Remis hat Weiß in dieser Stellung nicht.

30...Kh8 31.Dh4 Kg7 32.e5

Kramnik unternimmt noch einen letzten Versuch...

32...f5

...und Anand reagiert präzise. Nach 32...fxe5 kann Weiß versuchen, mit 33.Dg5+ Kh8 34.f5 auf Gewinn zu spielen. Die Stellung abzuriegeln ist sicherer.

33.Df6+ Kg8 34.Dg5+ Kh8 35.Df6+ Kg8 36.Te2 Dc4 37.Dg5+ Kh8 38.Df6+ Kg8 39.Dg5+ Kh8

Weiß kann seine Stellung nicht verbessern – deshalb: Remis.0,5:0,5.



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