Finale im Turn-Mehrkampf Unterstützung auf Krücken

Dank Andreas Toba hatten es die deutschen Turner ins Teamfinale geschafft. Dort waren sie wie erwartet chancenlos - und hinterher trotzdem glücklich. Toba turnte sogar ein bisschen mit.
Turner Andreas Toba (Mitte)

Turner Andreas Toba (Mitte)

Foto: Lukas Schulze/ dpa

Auf dem Starterbogen stand sie noch, die Nummer 144, doch als die deutsche Turnmannschaft zum Mehrkampffinale in die Rio Olympic Arena einlief, war sie als einziges der acht Teams nur zu viert. Marcel Nguyen, Lukas Dauser, Fabian Hambüchen und Andreas Bretschneider stellten sich neben ihrem ersten Gerät, dem Sprungtisch auf. Die Nummer 144, der "Hero de Janeiro" Andreas Toba, stand 15 Meter Luftlinie entfernt neben den Betreuern und Trainer Andreas Hirsch und streckte mit etwas verkniffenem Lächeln den Daumen in die Höhe, als sein Name vom Hallensprecher verlesen wurde.

Er war zum Zuschauen verdammt, doch viel mehr hätte er sich im Turneinsatz auch nicht verausgaben können. Nach dem Wettkampf, den die deutsche Restmannschaft als siebtes von acht Teams beendet hatte, trat Toba verschwitzt vor die Journalisten, die nach den ersten Worten des 25-Jährigen ihre Aufnahmegeräte und Smartphones noch ein bisschen weiter in seine Richtung reckten: Toba war völlig heiser, so sehr hatte er seine vier Kollegen im aussichtslosen Kampf um eine Medaille angefeuert.

"Ich habe schon ein bisschen Anschiss vom Physio bekommen heute, weil ich die ganze Zeit gestanden habe", sagte Toba. Tatsächlich hatte er sich während seines Rundlaufs als Anfeuerer kaum mal hingesetzt. Nach dem Sprungtisch ging es an den Barren, dann ans Reck, den Boden, dann ans Pauschenpferd und zum Schluss an die Ringe.

"Das war ich der Mannschaft schuldig"

Doch während die Gesunden Handstützüberschläge, Schrauben und Salti zeigten, absolvierte Toba sein Alternativprogramm. Er stemmte sich neben dem Barren auf die Bande, brüllte beim Reck nach jedem gelungenen Element mit vollem Körpereinsatz in Richtung der anderen und rammte anschließend seine Krücken auf den grasgrünen Hallenboden.

"Das war ich der Mannschaft schuldig", sagte Toba, noch immer ganz in der Rolle des Athleten, "ich musste sie unterstützen." Richtig pflichtschuldig klang das. Und vielleicht schwang auch der Gedanke mit: Was wäre gewesen, wenn ich mich nicht verletzt hätte? Denn Toba ist der Mehrkampfspezialist im Team, seinen Platz nahm der Reckspezialist Andreas Bretschneider ein. Der 27-Jährige beherrscht das schwierigste Reck-Element der Welt, einen Doppelsalto mit zweifacher Schraube, den "Bretschneider", oder wie er es nennt: "das Ding". Zumindest beherrscht er es meistens.

Am Montagabend ging das Ding schief, wie schon in der Qualifikation. So wurde es Platz sieben, womit alle Beteiligten gut leben konnten. "Wenn das geklappt hätte, wäre es noch etwas besser gewesen", sagte Cheftrainer Andreas Hirsch: "Jeder hat gesehen, dass wir nicht mit vielen Reserven ausgestattet waren. Insofern und in Anbetracht der Entschlossenheit und des Teamgeistes sind wir sehr zufrieden mit dem Wettkampf."

Andreas Toba

Andreas Toba

Foto: Lukas Schulze/ dpa

Fabian Hambüchen, der in Rio sein letztes großes Turnier absolviert und am Mittwoch noch mal eine Medaille im Einzelwettkampf am Reck holen will, sprach von einem "geilen Wettkampf". Er habe es selten erlebt, "dass wir 18 Übungen turnen und nur eine schiefgeht. Für mich war es wichtig, ein gutes Gefühl für das Reckfinale zu bekommen." 2008 in Peking hatte er Bronze gewonnen, 2012 in London Silber.

In Rio wirkt der 28-Jährige in Top-Form, ausgeruht, konzentriert. Am Startgerät, dem Sprung, holte er die deutsche Höchstwertung, nach guten Leistungen von Nguyen und Dauser lag das Team auf Platz zwei. Die Position behauptete das Quartett auch nach dem Barren, wo Bretschneider Hambüchen ersetzte. Dann folgte das Reck mit Bretschneiders Ausrutscher und die favorisierten Nationen schoben sich nach und nach an die Spitze. Am Ende triumphierte Japan (274.094 Punkte) in einem bis zur letzten Übung spannenden Duell gegen Russland (271.453), China (271.122) gewann Bronze. Dimensionen, in die Deutschland (261.275) auch mit einem fitten Toba und zum Teil etwas gnädigeren Punktrichtern nicht hätte vorstoßen können.

Der große Erfolg war für die deutschen Turner diesmal, trotz des Pechs der vergangenen Tage, im Finale dabei gewesen zu sein.

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