Andy Murray Nummer eins nach einem perfekten Jahr

Er ist nicht so elegant wie Roger Federer. Er ist nicht so dynamisch wie Rafael Nadal. Er ist nicht so artistisch wie Novak Djokovic. Aber Andy Murray ist der beste Tennisspieler der Welt.

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Von Philipp Joubert


Manchmal muss man bei Andy Murray schon ganz genau hinschauen. Denn ausgelassene Freude fällt dem besten Tennisspieler der Welt nicht leicht. Zwar wird Murrays Ernsthaftigkeit zu Unrecht oft mit Teilnahmslosigkeit verwechselt. Aber auch am Sonntagabend, als der Brite das Jahresendturnier im Herrentennis gewann und damit seine kürzlich eroberte Position an der Weltranglistenspitze bestätigte, blieb er sich weitestgehend treu.

Keine fünf Sekunden dauerte Murrays Jubel nach dem Sieg gegen den ewigen und in der Vergangenheit oft überlegenen Widersacher Novak Djokovic. Eine fallen gelassene Mütze, ein kurzer Fingerzeig, später bei der Trophäenübergabe wenige Anflüge von Lächeln, viel mehr Emotionen zeigte er nicht. Murray ist keiner für die Show, sondern jemand, der auch in der besten Phase seiner Karriere dem eigenen Kompass folgt.

Im Siegerinterview, das eigentlich Murray feiern sollte, betonte der 29-Jährige bewusst die Ausnahmeleistung Djokovics in den ersten sechs Monaten des Jahres: "Was Novak mit seinem Sieg bei den French Open geschafft hat, als erster Spieler seit 40 Jahren alle vier Grand-Slam-Titel am Stück zu gewinnen, ist ein sehr spezieller Erfolg." Trotz des Lobs für Djokovic gehörten die letzten Monate jedoch Murray. Der gewann acht seiner letzten zehn Turniere, darunter Wimbledon und die Olympischen Spiele. In einer Zeit, in der Roger Federer und Rafael Nadal mit Verletzungen zu kämpfen haben und Djokovic nach neuer Motivation sucht, übernahm Murray mit beeindruckender Konstanz das Zepter.

Der Kraftsportler aus Dunblane

Dabei führte der Mann aus dem schottischen Dunblane keine radikalen Veränderungen durch, sondern perfektionierte sein kontrolliertes, physisches Spiel. Murray ist nicht so elegant wie Federer, so dynamisch wie Nadal oder rutscht artistisch über den Platz wie Djokovic. Murray ist Kraftsportler, erarbeitet sich seine Siege aus der Defensive und mit mächtigen Grundschlägen. Auch der Triumph am Sonntag über Djokovic kam eher einem Wettbewerb im Armdrücken gleich. Selbst wenn sich das in den kommenden Monaten wieder ändern mag, Murray ist zurzeit der Beste der Großen Vier, die das Herrentennis im letzten Jahrzehnt dominiert haben.

Murray wird keine spielerische Revolution auslösen. Doch sucht er stets nach neuen Wegen. Mit Ivan Lendl heuerte Murray im Jahr 2011 den ersten Super Coach an. Der achtmalige Grand-Slam-Champion Lendl half Murray, offensiver zu spielen, führte ihn in den Jahren 2012 und 2013 zu Siegen bei den US Open und in Wimbledon. Mittlerweile haben die meisten Topspieler ihren eigenen Super Coach. Nach zwischenzeitlicher, zweijähriger Trennung arbeiten auch Murray und Lendl wieder zusammen. Doch die Rollen sind mittlerweile vertauscht.

Hatten die britischen Medien beim ersten Anlauf noch in großer Aufgeregtheit um jedes Zitat von Lendl gebuhlt, ihn in die Rolle des Hauptdarstellers gerückt, ist der Amerikaner mittlerweile fast zur Fußnote verkommen. Lendl ist Teil des Teams. Er arbeitet seinem Chef Murray und dessen zweitem Trainer Jamie Delgado zu. Murray ist zu einer prägenden Figur geworden und durch seine Gewissenhaftigkeit und Meinungsstärke zum wichtigsten Athleten der Insel aufgestiegen.

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Andy Murray: Der perfekte Jahresabschluss

Die meisten großen britischen Medien fragten am Montag: Ist Murray der größte britische Sportler der Geschichte? In einem Land, das den Sport mit einer Ernsthaftigkeit und Leidenschaft diskutiert, wie sie in Zentraleuropa fast unbekannt ist, blicken viele zu Murray auf. Murray hat sich die Erfolge nicht nur mit Disziplin und Tüchtigkeit erarbeitet, Hohn, Spott und Biss vergangener Jahre mit Gleichmut über sich ergehen lassen. Er hat sich zu einem unabhängigen Wortführer entwickelt, der ernst genommen wird.

Murray positioniert sich öffentlich als Feminist, schreibt Zeitungskolumnen zum Thema. Er beschäftigte mit Amélie Mauresmo bis zum Jahresanfang als einer der ersten Weltklassespieler eine Trainerin. Murray ist meinungsstark, wenn es um das Thema Doping geht. Wie kein anderer bezieht er seit Jahren klar Stellung, kritisierte das laxe Vorgehen der Verbände und das öffentliche in Schutz Nehmen von Marija Scharapowa nach deren Sperre.

Für seine Positionen erntet Murray nicht nur Lob. Im April tadelte ihn Boris Becker öffentlich, forderte eine generelle Unschuldsvermutung für alle nicht positiv getesteten Spieler. Als jemand, dessen Physis so elementarer Teil seines Spiels ist, richtet Murray mit seiner Kritik auch indirekt das Scheinwerferlicht auf sich.

Zusammen mit seinem Familienclan schickt Murray sich zudem an, das britische Tennis über die nächsten Jahre und Jahrzehnte zu prägen. Großbritannien besitzt einen der reichsten Tennisverbände der Welt, allerdings existiert vergleichsweise wenig Infrastruktur. So unterstützt Murray, genau wie sein älterer Bruder Jamie, der in diesem Jahr zwei Grand-Slam-Titel im Doppel gewann, seine Mutter in ihrem zähen Bestreben, neue Tennisplätze und ein nationales Tenniszentrum in Schottland zu bauen.

Einst witzelten viele, dass Murray mit dem ersten Wimbledonsieg 2013 seine Lebensaufgabe schon mit 26 erfüllt hätte. Doch nun ist er dabei, ein historisches Vermächtnis zu schaffen, auf und neben dem Platz.



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