Frühes Aus in Paris Die Luft wird dünn für Kerber

Angelique Kerber ist bei den French Open schon in der ersten Runde ausgeschieden. Die Deutsche steckt in der schwersten Krise seit dem Aufstieg in die Weltspitze. Hilft nun eine Tennislegende?

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Angelique Kerber war am Ende ihrer Kräfte. Verzweifelt richtete sich die Tennisspielerin in einer letzten Spielunterbrechung an ihren Trainer Torben Beltz. "Ich kann mich nicht mehr bewegen, ich bin bei jedem Ball zu spät. Es geht nicht mehr." Wenig später verlor die Weltranglistenerste ihr Finale bei den WTA-Finals in Singapur gegen Dominika Cibulkova in zwei Sätzen. Die Niederlage nach einer kräfteraubenden Saison liegt mittlerweile über ein halbes Jahr zurück - und dennoch scheint es, als wären ihre Worte von damals aktueller denn je.

Kerber steckt in der schwersten sportlichen Krise seit ihrem Aufstieg in die Weltspitze 2011. Die Saison der Weltranglistenersten, die im vergangenen Jahr in fünf von sechs wichtigen Finals gestanden und zwei davon gewonnen hatte, hat mit der Erstrunden-Niederlage bei den French Open einen neuen Tiefpunkt erreicht. Gegen Ekaterina Makarova, eine ehemalige Top-Ten-Spielerin und Doppel-Olympiasiegerin aus Russland, ließ sich Kerber phasenweise vorführen und gewann am Ende nur vier Spiele.

Zugegeben, der rote Sand in Paris ist Kerbers schwächster Untergrund, auch im erfolgreichsten Jahr ihrer Laufbahn war die Deutsche nicht über die erste Runde hinausgekommen. Doch die Statistik offenbart das wahre Ausmaß der Krise: Zum ersten Mal in der Geschichte hat eine Weltranglistenerste ihre Auftaktpartie bei den French Open verloren, Kerber unterliefen gegen Makarova vier Doppelfehler. Wenn der ohnehin schwächelnde Aufschlag im gegnerischen Feld landete, ging der Punkt nur in 49 Prozent der Fälle an die Deutsche, zudem leistete sie sich mehr vermeidbare Fehler als ihre Gegnerin. Ihr geduldiges und fehlerloses Spiel von der Grundlinie scheint der Vergangenheit anzugehören.

Kommt es zur Zusammenarbeit mit Steffi Graf?

Zwar beteuerte Kerber nach dem Spiel, dass sie stets an den Sieg geglaubt habe. Ihre Körpersprache wirkt im Vergleich zum Vorjahr allerdings zunehmend ratlos. Die Rolle als offiziell beste Spielerin der Welt scheint ihr seit dem Jahreswechsel Probleme zu bereiten. Kerbers Gegnerinnen haben sich mittlerweile auf ihr Spiel eingestellt. Nun werden erstmals Gerüchte laut, dass Kerber die langjährige und erfolgreiche Zusammenarbeit mit ihrem Trainer beenden könnte.

Boris Becker, der der 29-Jährigen nach dem Spiel gegen Makarova taktische Fehler vorgeworfen hatte, sprach sich kürzlich für eine Zusammenarbeit mit Steffi Graf aus. Wie keine andere Spielerin wisse Graf mit dem Druck umzugehen, so Becker. Insgesamt stand die 22-fache Grand-Slam-Siegerin 377 Wochen an der Spitze der Weltrangliste. Auch Kerber, die sich schon in der Vergangenheit mit Graf in deren Wahlheimat Las Vegas ausgetauscht haben soll, schloss eine Verpflichtung eines "Super-Coaches" zuletzt nicht mehr aus.

Laut Becker befindet sich Kerber am "Scheideweg" ihrer Laufbahn. "Möglicherweise braucht sie neue Impulse und neue Trainingsmethoden. Sie muss sich weiterentwickeln, ich hoffe, sie trifft die richtigen Entscheidungen", sagte Becker.

In der Tat hat Kerber es nicht geschafft, erfolgreich an ihren Schwächen zu arbeiten. Ihr zweiter Aufschlag lädt ihre Gegnerinnen auch in diesem Jahr noch zu häufig zum Angriff ein, zudem gilt ihre Vorhand als zu harmlos. Wenig Spin in ihren Grundschlägen machen sie bei Sandplatzturnieren grundsätzlich zur Außenseiterin. Sollte es Kerber vor der Rasen- und Hartplatzsaison nicht schaffen, eine Trendwende herbeizuführen, droht ihr ein schneller Absturz in der Weltrangliste. Bei den Turnieren in Wimbledon und New York muss die Deutsche insgesamt 3000 Punkte aus dem Vorjahr verteidigen.

In seiner Analyse verglich Becker den Aufstieg der Deutschen im vergangenen Jahr mit der Besteigung des Mount Everest. Doch an der Spitze des höchsten Berges der Welt scheint ihr allmählich die Luft auszugehen.

insgesamt 11 Beiträge
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susybntp11-spiegel 29.05.2017
1. Sie ist...
...nur aus Versehen die Nr. 1 geworden. Darüber ist sie so geschockt, dass sie darüber ihre Leichtigkeit verloren hat. Denn nichts ist schwieriger auch da oben zu bleiben, das haben auch schon andere so erfahren müssen. Die wird erst wieder kommen wenn sie die Last abschütteln kann. Jetzt ist das Mentale im Trainer gefragt technisch kann sie es, ohne Zweifel.
Tavlaret 29.05.2017
2. Muss man sein wie Steffi Graf?
Sie ist eine gute Tennisspielerin, war Nr. 1, jetzt ist sie in einem Tief. Ob sie wieder herauskommt? Vielleicht, vielleicht nicht. Ist ihre Sache. Welche Tennisspielerin aus Deutschland, außer Steffi Graf, hat mehr große Turniere gewonnen? Kerber ist eine großartige Sportlerin!
dirk.resuehr 29.05.2017
3. Falscher Maßstab
Eine Nr.1, die sang-und klanglos gegen die Nr 40 baden geht, muß alzeptieren, daß die Meßlatte zu hoch ist.Grundschläge so lala, reicht nicht.Nicht einmal für die nationale Nr 1, außerdem, sie muß ja auch nicht.Wen juckts ?
hansriedl 29.05.2017
4. Nicht jammern
Angelique Kerber befindet sich im absoluten Tiefpunkt, den jeder Spieler mal durchmacht. Sicherlich ist ihre Psyche verantwortlich, nun muss sie kämpfen, sie hat das können. Wenn sie ihre Nerven wieder im Griff hat kann sie neue Höhen erklimmen.
200MOTELS 29.05.2017
5. Sie ist und war die Nummer 1
Das kann ihr niemand mehr nehmen ! Schlimm wärs gewesen wenn sie es bis zur 2 geschafft hätte und dann versagt... Druck ist relativ !
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