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30. Januar 2016, 16:28 Uhr

Australian-Open-Triumph für Kerber

Willkommen im neuen Leben als Siegerin

Von Philipp Joubert

Angelique Kerber galt lange als Spielerin, die im entscheidenden Moment versagte. Doch die Australian Open zeigten eine andere Kerber: Sie besiegt Serena Williams, rückt auf Platz zwei in der Weltrangliste vor - ein Triumph mit Ansage.

Puh. Angelique Kerber atmete hörbar aus. Das Publikum in der Rod Laver Arena lachte. Angelique Kerber lachte. Wie soll man auch eine Dankesrede beginnen, wenn man die perfekte Leistung im wichtigsten Match der Karriere gebracht hat? "Puh", ist da schon mal ein ziemlich guter Anfang. Einmal noch laut ausatmen. Ein, zwei Sekunden noch, bevor das neue Leben als Grand-Slam-Siegerin endgültig beginnt.

Auch neunzig Minuten später als Kerber die Gratulations- und Medientour übers Gelände beendet hat und im Pressekonferenzraum Platz nimmt, hat sie wohl noch nicht ganz realisiert, was hier an diesem ganz und gar erstaunlichen Abend in Melboune passiert ist.

Zwei verrückte Wochen sind das gewesen. Noch einmal blickt Kerber zurück auf den abgewehrten Matchball in der ersten Runde, den Überraschungssieg im Viertelfinale gegen Victoria Azarenka und natürlich die Finalleistung beim 6:4-, 3:6- und 6:4-Sieg gegen die Weltranglistenerste Serena Williams. "Ich wusste aus der Vergangenheit, dass ich sie schlagen muss. Serena gibt dir das Match nicht, du musst sie schlagen."

Nicht mehr die alte passive Kerber

Das mag sich wie eine Binsenwahrheit anhören, etwas, was Sportler halt sagen. Aber in der Entwicklung von Kerber markiert diese Aussage einen Sinneswandel, der aus einer Kämpferin und Dauerläuferin einen Siegertyp gemacht hat. Die Kielerin brachte schon in der Vergangenheit die besten Angriffsschläge ihrer Gegnerinnen zurück, ließ sie noch den einen zusätzlichen Ball schlagen.

Doch ihre Grundhaltung war passiv, in den entscheidenden Momenten konnte sie meist nicht angreifen. Kerber traute ihrem eigenen Spiel nicht, servierte schwach oder versank in einer Negativspirale. Kerber war hektisch in der Herangehensweise, fast fatalistisch. Wenn sie sich wieder keine Zeit vor dem eigenen Aufschlag nahm, schlug sie regelmäßig vor Ärger auf den Schläger.

All das war in Melbourne nicht zu sehen. "Ich habe einfach versucht, an mich selbst zu glauben," sagte die Deutsche. "Als ich das Match gegen Azarenka und dann hier im Finale den ersten Satz gewonnen habe, wusste ich, dass ich eine wirklich gute Spielerin bin und das auch auf den größten Courts zeigen kann."

"Ich will bei den großen Turnieren angreifen"

Das Erstaunliche ist, dass der Mentalitätswechsel und das neue Selbstvertrauen mit Ansage kamen. Schon vor der Saison hatte die zurückhaltende Kerber mit der Aussage überrascht, sie wolle ab 2016 dabei sein, wenn es darum geht, Grand-Slam-Titel zu gewinnen. "Ich will bei den großen Turnieren angreifen, da soll es endlich krachen!", sagte sie im Dezember der "Süddeutschen Zeitung".

Noch überraschender als die Ansage ist allerdings, wie konsequent Kerber auch Taten folgen ließ. Als Williams bei 4:5 im dritten Satz gegen den Matchverlust aufschlug, glitt Kerber mit dem Selbstvertrauen einer Wissenden aus ihrem Kontermodus. Zwei flache Vorhände schickte sie longline, um sich den Matchball zu erspielen. Es war eine Taktik, die ihr schon im Viertelfinale gegen Victoria Azarenka den Sieg gebracht hatte.

Was diesen Kerber-Sieg so verblüffend macht, ist, dass er keine Freak-Niederlage von Williams war. So wie im Herbst, als die Amerikanierin völlig überraschend im Halbfinale der US Open ausschied. Nur zwei Matches vom Grand Slam entfernt. Nein, die Weltranglistenerste verlor mit Kerber gegen eine Gegnerin, die von Anfang an die solidere, am Ende auch die mutigere Spielerin war.

Nach der Niederlage am Samstag überschüttete Williams, die bisher nur vier von 25 Grand-Slam-Endspielen verloren hatte, die Deutsche wie schon an den Vortagen mit Lob. Wie viele hatte auch sie die neue spielerische Zielstrebigkeit Kerbers schon im Vorfeld genau registriert. Jetzt sprach sie in ihrer Pressekonferenz mit großer Ernsthaftigkeit über das "tolle und intensive" Match. "Es hat einfach Spaß gemacht, mit ihr auf dem Platz zu stehen." Williams ist als Spielerin ein taktisches Chamäleon, passt sich Umständen und Gegnerinnen meist problemlos an, ohne die eigenen Stärken zu vergessen.

Hohe Anerkennung von Williams

Doch wie Kerber sie an diesem Finaltag herausgefordert hatte, war etwas, dass wohl selbst ein Champion wie Williams ehrlich wertschätzte: "Sie hat heute so gut gespielt. Ihre Einstellung ist etwas, von dem viele Leute lernen können. Einfach immer positiv bleiben und nie aufgeben. Ich freue mich wirklich, dass sie gewonnen hat."

Mit dem Sieg rückt Kerber auf Platz zwei in der Weltrangliste vor. Ist sie damit auch die große Herausforderin von Williams für den Rest des Jahres? Sogar eine kommende Nummer eins? Kann ihre kontrollierte Offensive sie auch bei anderen Turnieren zum Erfolg führen?

Für viele Spieler, die erst in ihren späten Zwanzigern ihren ersten Grand-Slam-Titel gewinnen, bleibt dies der Karrierehöhepunkt. Doch es gibt auch Vorbilder, die durch so einen Sieg erst richtig in ihre Tennispersönlichkeit hereinwachsen. Stan Wawrinka ist so ein Fall, der hier vor zwei Jahren seinen ersten Major Titel gewann und jetzt regelmäßig um Siege mitspielt. Die Grundlage bei Kerber ist schon mal gelegt: "Was ich in diesen zwei Wochen gelernt habe, ist dieser Glaube an mich selbst."

Doch bevor Kerber die Tenniswelt weiter erobern kann, muss sie sich sowieso erst mal etwas ganz Profanem widmen - ihrem Handy. Das ist nämlich dank all der Glückwünsche fast explodiert, wie sie lachend berichtet. Willkommen im neuen Leben als Grand-Slam-Siegerin.

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