Angelique Kerbers Wimbledon-Aus Verfluchter dritter Satz

Vor einem Jahr triumphierte die Deutsche Angelique Kerber in Wimbledon, jetzt ist sie raus - in Runde zwei. Warum strauchelte die 31-Jährige wieder einmal im entscheidenden dritter Satz?

Ins diesjährige Wimbledon-Turnier war Kerber als Titelverteidigerin gestartet
Shaun Botterill / Getty Images

Ins diesjährige Wimbledon-Turnier war Kerber als Titelverteidigerin gestartet

Aus London berichtet Philipp Joubert


Zu Beginn des Matches gegen Lauren Davis sah es nicht nach einer Niederlage für Angelique Kerber aus.

Die 1,56 Meter große Davis war früh in der Zweitrundenpartie ausgerutscht - es schien, als sei Kerbers Weiterkommen bloß eine Formalie. Doch eine Bandage an Davis' linkem Fuß und 136 Ballwechsel später stand Kerbers Niederlage fest. Ihre Wimbledon-Titelverteidigung ist somit bereits in der zweiten Runde gescheitert, die nächste Überraschung des diesjährigen Rasen-Klassikers in London.

Kerber ist nicht allein, auch die Wimbledonsiegerin von 2017, Garbiñe Muguruza, und die Weltranglistenzweite Naomi Osaka sind bereits rausgeflogen. Bei der enormen Leistungsdichte im Damenfeld ist dies zwar keine Sensation, dennoch überraschend. Auch das Herrentableau ist mit den Niederlagen prominenter Spieler wie Alexander Zverev, Dominic Thiem oder Stefanos Tsitsipas aufgewühlt worden.

Jeder Platz ist einzigartig

Rasentennis, das zeigt sich mal wieder, folgt - bei aller Angleichung der Beläge über die letzten beiden Jahrzehnte - immer noch seinen eigenen Gesetzen. Denn kein Platz spielt sich wie der andere. Selbst im Tennisfreizeitpark Wimbledon nicht, dort, wo eigentlich jedes Detail der Norm entspricht. Auch hier gibt es teils erstaunliche Unterschiede zwischen den Plätzen.

So berichten die Profis während dieser ersten Wimbledon-Tage häufig, wie sehr die Geschwindigkeit zwischen zwei Courts variieren kann, die knapp 200 Meter Luftlinie auseinander liegen. Eine kürzere Mähung oder die Dauer der Sonneneinstrahlung werden da zu entscheidenden Faktoren. Kerber, die schnelle Beläge bevorzugt, wollte den langsamen Platz zwei aber nicht als Ausrede für ihre Niederlage gelten lassen.

Was sich auch zeigte: Kerber ist zwar nach wie vor eine der besten Konterspielerinnen des Tennis. Ihren Titel in Wimbledon vor einem Jahr hatte die 31-Jährige vor allem mit einem verbesserten Aufschlag und akkuraten Returns gewonnen. Die langen, oft spektakulären Ballwechsel waren in 2018 nur die wohlschmeckende Beilage gewesen - und nicht, wie am Donnerstag, die Hauptzutat.

Die langen Ballwechsel waren für das Publikum ein Segen - für Kerber aber frustrierend
REUTERS/Carl Recine

Die langen Ballwechsel waren für das Publikum ein Segen - für Kerber aber frustrierend

Bei den erfolgreichen Vorbereitungsturnieren in Mallorca und Eastbourne hatte Kerber noch erstaunliche Winkel für ihre schnellen Angriffe gefunden, am Donnerstag blieb sie jedoch oft passiv. Es ist das alte Dilemma in Kerbers Karriere, mit dem sie in diesem Jahr wieder zu kämpfen hat. Dominanten Phasen folgen jene, in denen sie ihre herausragende Athletik lediglich dafür nutzt, die Schläge der Gegnerinnen zu verwalten.

Der dritte Satz ist Kerbers Schwäche

Es läuft also zurzeit nicht so richtig, selbst wenn Kerber weit entfernt von einem Absturz wie im Jahr 2017 ist. Damals war sie als Nummer eins der Welt ins Jahr gestartet und arg ins Straucheln gekommen. Doch eines fällt auf. Zwölfmal hat Kerber in diesem Jahr verloren, davon siebenmal in drei Sätzen. Bei fünf der sieben Niederlagen gab sie den letzten Satz mit 0:6 oder 1:6 her. Auch gegen Lauren Davis ging der entscheidende Durchgang mit 1:6 verloren.

Ihr frühes Wimbledon-Aus erklärte Kerber mit fehlender Energie, tiefer in die Analyse wollte sie auch auf Nachfrage nicht einsteigen. Die bisherige Saison fasste Kerber mit dem Satz zusammen: "Es war ein erstes halbes Jahr, was man auf jeden Fall hätte besser spielen können, aber trotzdem mit vielen Erfahrungen." Zu diesen Erfahrungen gehört nun auch eine missglückte Wimbledon-Titelverteidigung.

Das wirft die Frage auf, wo es für Kerber, die mittlerweile fast alles im Tennis erreicht hat, eigentlich mittel- und langfristig hingeht. Welche Ziele hat sie noch? Da hatte die 31-Jährige eine Antwort: Bei den großen Turnieren will sie nach wie vor gewinnen. So wie sich Kerber in der Vergangenheit von Enttäuschungen erholt hat, ist das durchaus vorstellbar.



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jean-baptiste-perrier 05.07.2019
1. Im Scheinwerferlicht!
Angelique Kerber ist von ihrem Naturell eher introvertiert. Das im Fokus stehen nach ihren großen Erfolgen und der Umgang mit Journalisten nervt sie immer noch sehr (immer mehr). Sie ist ja berühmt-berüchtigt für ihre stereotypen Antwort-Schablonen. Nicht nur im Englischen dreht sich alles um "I mean she plays very good. Playing my best tennis. I mean she is a tough player....". Auch in deutschsprachigen Interviews kondensiert es mittlerweile auf eine Endlos-Schleife mit "Ich meine sie war heute stark. Mein bestes Tennis spielen. Ich meine sie hat es mir nicht leicht gemacht...."."Ich meine"??? Also als Presse-Sprecherin werden wir Angie in Zukunft nicht erleben. Sie sucht nicht das Scheinwerferlicht. Und sie hat eben auch nicht diesen absoluten Killer-Instinkt auf dem Platz wie Serena Williams oder Asarenka, welche ihre Gegnerinnen sportlich manchmal nahezu massakrieren. Serena macht da ja nicht mal vor ihrer eigenen Schwester Venus halt. Und Asarenka hat gerade ihre gute Freundin Tomljanovic nach 0:2 danach zu Null abgeschossen (ohne jede Gnade). Sowas würde der netten Angie niemals in den Sinn kommen. Kerber braucht einen dominanten Antreiber als Trainer, um sie wieder in den maximalen Leistungsbereich zu führen. Dann wird sie wieder eine Tennis-Macht wie zuletzt Anfang Juli 2018. Schüttler ist der falsche Mann. Der ehrgeizige und an Details arbeitende Wim Fissette war perfekt für sie. Doch den musste Aljoscha Thron ja unbedingt einsparen, damit Angie am Ende ihrer Karriere ein Vermögen von 37 und nicht bloß von 36 Millionen Euro hat. Was für eine grenzenlose Dummheit von Thron!
golfstrom1 05.07.2019
2. Kerber
Kerber wird ja immer wieder gern als Kämpferin dargestellt, die nie aufgibt und Spiele jederzeit drehen kann. Ich habe nun schon viele Spiele von ihr gesehen und würde sie eher als extrem launisch beschreiben. Die in dem Bericht beschriebene Statistik mit den verlorenen Spielen im dritten Satz bestätigt meine These und ihr Verhalten im Spiel gegen Davis war meines Erachtens insbesondere im dritten Satz eher peinlich als eines Champions würdig. Sie wirkte bockig, genervt und gereizt und zeigte alles, nur nicht ein Kämpferherz. Und das Schlimme daran ist, dass diese Deutlichkeit der Niederlage bereits nach zwei Spielen des dritten Satzes anhand ihrer Körpersprache absehbar war. Und diese Art von Niederlagen gibt es bei Kerber immer wieder, und seitdem sie in der Weltspitze ist, ist ihre Anspruchshaltung natürlich nochmal deutlich gestiegen und dementsprechend bockig und genervt reagiert sie in den Spielen gegen Underdogs, wenn es einmal nicht so läuft. Kerber wird besser, wenn sie die ersten Runden überstanden hat und weit ins Turnier vordringt. Das merkt man anhand ihrer Statistiken der gewonnenen Halbfinals und Finals bei Grand Slams. Ist sie erstmal so weit vorgedrungen, strotzt sie vor Selbstbewusstsein und man sieht ihr eigentliches Potential - sie ist dann kaum noch zu bezwingen. Mit einer anderen Einstellung könnte Kerber das Damentennis seit mehreren Jahren dominieren.
jean-baptiste-perrier 05.07.2019
3. Optionen?
Wer sollte den stets müden Schüttler auf der Trainer-Position ablösen? Haben sich nicht gerade Ivan Lendl und Vater Alexander Zverev senior in die Wolle gekriegt? Lendl und Damen-Tennis? Er wäre aber genau der strenge Typ den Kerber braucht. Felix "Quälix" Magath? Oder mehr so ein väterlicher Fels in der Brandung wie "Euro-" Horst Hrubesch? Unter dessen Leitung waren unsere Damen vom DFB noch nahezu unbesiegbar. Gefühlsmäßig stünde die Mannschaft jetzt im Endspiel, wenn nicht Hrubesch Frau ihn nach Hause in die Rente abgeworben hätte. Wenn er was vom Fußball und Angeln versteht, dann vielleicht auch was vom Tennis?
jean-baptiste-perrier 06.07.2019
4. Titelverteidigungen bei den Damen!
Neben Serena Williams gab es in der jüngeren Tennis-Historie nur sehr wenige Damen, welche einen Grand Slam Turnier Titel im Folgejahr verteidigen konnten: Schwester Venus, Justine Henin und Viktoria Asarenka. Dann muss man schon weiter zurückgehen zu Martina Hingis und Steffi Graf (sprich ins alte Jahrtausend). Das setzt Kerbers krachend gescheiterten Titelverteidigungs-Versuch besser in eine realistische Perspektive. So eine Titelverteidigung ist wohl grundsätzlich psychologisch problematisch. Interessant in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass es Zeiten in Wimbledon und auch bei anderen Turnieren gab in denen der Vorjahres-Sieger automatisch im Folgejahr im Endspiel gesetzt war! Das betrifft zum Beispiel William Renshaw und seine 7 Wimbledon Titel (Rekord bevor Federer seinen achten Titel gewann). Und so ist es psychologisch betrachtet auch heutzutage wohl sehr schwer den eigenen Titelgewinn und die dabei errungenen Siege in den Runden zuvor vom Turnier im nächsten Jahr emotional zu trennen. Sprich unterbewusst schwang bei Kerber auf dem Platz wohl die Vorstellung mit: Ich habe hier doch bereits 7 Matche am Stück gewonnen. Im Endspiel habe ich Serena weggefegt. Wieso muss ich jetzt hier wieder zweite Runde spielen? (die hab ich doch schon gewonnen!). Man könnte dies als eine Art selbstkonstruiertes unterbewußtes Sisyphos-Dilemma bezeichnen. Die Titelträgerin wird im Folgejahr wieder in die Niederungen der Vorrunde gezerrt. Als ob der Titel quasi einem plötzlich aberkannt wurde. Das erklärt auch Kerbers nahezu nicht vorhandene Gegenwehr. Nach dem Motto: Ich bin doch die Wimbledon-Siegerin! Das muss doch ein Irrtum sein, dass ich jetzt hier nochmal die zweite Runde spielen soll. Wie behandeln die mich respektlos? Das klingt objektiv natürlich abstrus. Aber unterbewußt kann so ein gedankliches Konstrukt durchaus emotional eine negative Wirkung entfalten. Und wenn man sich jenseits vom Tennis umblickt, dann kann man dieses lähmende Sisyphos-Syndrom auch in anderen Sportarten erkennen. Man denke an den pomadigen Auftritt der DFB-Elf bei der WM 2018 in Russland. Das gleiche Schicksal des Ausscheidens des Titelverteidigers in der Vorrunde ereilte zuvor schon Spanien 2014 und Italien 2010. Also Angie Kerber ist da in prominenter Gesellschaft!
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