Kerber-Aus bei US Open Rolle rückwärts

Blamage in Runde eins: Auch die US Open brachten nicht den erhofften Befreiungsschlag für Angelique Kerber. Was läuft falsch bei der besten deutschen Tennisspielerin?

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New York, Flushing-Meadows-Park, Austragungsstätte der US Open - für Angelique Kerber ist das mehr als ein Grand-Slam-Turnier. Die deutsche Tennisspielerin schwärmte in der Eröffnungspressekonferenz von einem magischen Ort. Hier hatte sie vor einem Jahr ihren zweiten Majorsieg gefeiert, es war der bisherige Höhepunkt ihrer Karriere.

Ein Jahr später steckt Kerber in der Krise. Die 3:6/1:6-Niederlage gegen die 19-jährige Naomi Osaka war ihre vierte Niederlage in den letzten fünf Spielen, ihre achtzehnte in der laufenden Saison.

"Ich schaue nicht zurück", hatte Kerber gesagt. Aber um ihren Absturz in der laufenden Saison zu verstehen, muss man zwangsläufig zurückblicken auf ihr Traumjahr 2016 mit dem Sieg bei den Australian Open, dem Finale in Wimbledon, der Silbermedaille bei den Olympischen Spielen, dem Triumph bei den US Open. Auf Angelique Kerber als Weltranglistenerste.

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Angelique Kerber: Kein gutes Jahr

Ihre Bilanz aus den vergangenen 52 Wochen: kein Turniersieg, nur zwei Finals, davon eines bei einem eher unterklassigen Turnier. Was ist passiert mit Angelique Kerber, die vor einem Jahr das deutsche Tennis wieder auf der internationalen Landkarte platziert hatte, "Sportlerin des Jahres" wurde, laut Forbes die Nummer zwei der bestverdienenden Sportlerinnen weltweit - und überhaupt: die zweitbeste deutsche Spielerin der Geschichte, die erste deutsche Nummer eins seit Steffi Graf?

Kein Spaß mehr im Tennisjahr 2017

"Der Erfolg, den sie im vergangenen Jahr hatte, der hat sie so viel gekostet", philosophierte die ehemalige Top-Ten-Spielerin Mary Joe Fernandez im US-Fernsehen. Eine Aussage, die auf vielerlei Ebenen passt. Kerber fehlen nur wenige Prozentpunkte, aber genau diese unterscheiden die Weltspitze vom Rest:

  • Kerbers Tennis lebt von ihrem Kämpferherz, ihrer Athletik und Defensive. Sie hat es im Vorjahr verstanden, in den entscheidenden Momenten die Initiative zu ergreifen, Mut zu beweisen. In diesem Jahr ist das selten der Fall. Kerbers Selbstvertrauen auf dem Platz liest man gut an ihrem Stellungsspiel ab: Zweifelt sie, lässt sie sich zurückfallen - es ist ein Automatismus, ein Schutzreflex. 2017 steckt sie fast ausschließlich hinter der Grundlinie fest.
  • Im Gegensatz zu Serena Williams fehlt Kerber der krachende Aufschlag oder die Killer-Vorhand, die sie aus kritischen Situationen retten könnte. Letztlich geht es um das eine Spiel, das man womöglich knapp gewinnt oder verliert. Niederlagen nagen am Selbstvertrauen, das zieht weitere Niederlagen nach sich. Auch die Denkweise der Gegnerinnen ändert sich: von Respekt und Angst in ein "Vielleicht geht heute was für mich?".
  • Schon vor ihrer Supersaison hatte Kerber oft Schwierigkeiten mit Hardhitterinnen. Zuletzt waren es vor allem Elina Svitolina, Garbine Muguruza, Ekaterina Makarova, Coco Vandeweghe oder Venus Williams, die Kerber vom Platz schossen. Wie nun auch Naomi Osaka. Kerber wirkt mittlerweile schnell frustriert, während sie 2016 die Herausforderung annahm, der Gegnerin stets noch einen Ball mehr zu geben. "Wenn du ein Konterspieler bist, musst du jeden Moment lieben. Aktuell sieht das bei ihr nicht so aus", traf Eurosport-Experte Mats Wilander den wunden Punkt in Kerbers Tennisjahr 2017.

Neues Standing, neue Verpflichtungen

Ein weiteres Problem: Kerber urlaubte nur kurz und stieg früh wieder ins Training ein, vielleicht zu früh. Sie wollte beweisen, dass 2016 kein Zufall war. Doch auch Aktivitäten außerhalb des Platzes standen auf ihrem Programm, Ehrungen, Werbeverpflichtungen. Die scheue Sportlerin wurde zum Aushängeschild der Spielervereinigung WTA. Ein zweischneidiges Schwert: Bleibt man Einladungen fern und schickt eine Videobotschaft (Steffi Graf war früher ein Paradebeispiel), hagelt es böse Stimmen. Läuft man zu oft über den roten Teppich, gerät man in Verdacht, den Sport zu vernachlässigen.

Zudem schien die Nummer eins, die Spitzenposition in der Weltrangliste, auf Kerber zu lasten. Insbesondere, nachdem sich die übermächtige Serena Williams in die Babypause verabschiedet hatte. Die Spitzenposition als Ehre und nicht als Druck zu sehen, wie Boris Becker es forderte, davon war Kerber meilenweit entfernt. Sie war die Gejagte, diejenige, die alle schlagen wollten. Kerber trat auf, als wolle sie die Eins verteidigen, aber nicht als Nummer eins agieren.

Wie geht es nun weiter für Kerber? Schon häufig wurde ein Supercoach gefordert, einer, der neben Stammtrainer Torben Beltz für neuen Input sorgen könnte. Der erneut hinzugezogene Benjamin Ebrahimzadeh, der die Linkshänderin bereits zwischen 2012 und 2015 coachte, scheint jedenfalls noch nicht den gewünschten Impuls zu liefern. Ein Name, der immer wieder fällt, ist der von Steffi Graf, die sich nach ihrem Karriereende fast komplett aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, aber Kerber bereits einige Male zum Training empfangen hat. Vielleicht sollte sich Kerber nach einer schöpferischen Auszeit wieder mal in Las Vegas einquartieren.

Der große Druck wird von Kerber nach dem US-Open-Aus abfallen. Sie wird in der neuen Weltrangliste nicht mehr in den Top Ten stehen. Mit ein paar Tagen Abstand sollte sie dies als Chance sehen, zunächst wieder in die Rolle zu schlüpfen, die ihr in den vergangenen Jahren am besten gefallen hat: in die der Jägerin.

insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
4magda 30.08.2017
1.
Das Ziel, die Nr. 1 zu sein ist erreicht....Neue Ziele setzen. Ganz normal im Leben.
benhadschiomar 30.08.2017
2. Von Anfang an ...
war ich überzeugt, dass sie den Anforderungen der Weltranglistenerste auf Dauer nicht gerecht werden würde. Leider hat sie das durch prktisches Tun bestätigt. Sie ist halt eine "Eintagsfliege".
remcap 30.08.2017
3. Erwartungsdruck oder Motivationsproblem?
Es braucht da schon viel Ehrgeiz und echte Willensstärke um auch die Nr. 1 auf dem Feld zu bleiben. Wenn das Ziel wie hier erreicht ist, lässt naturgemäß die Motivation etwas nach... Vermutlich braucht Kerber einfach nur einen fähigeren Motivationstrainer, der sie einfach wieder zielstrebiger werden lässt und den unnötigen psychischen Erwartungsdruck abbaut. Ein paar weniger Medienauftritte wären schon mal der erste Schritt.
DieHappy 30.08.2017
4.
Kleine Korrektur an den Autor, Kerber ist Rechtshänderin, spielt aber mit links. Und genau da sehe ich auch mindestens eins, wenn nicht sogar das Problem bei Kerber. Es ist ein fragiles Gerüst, wenn man mit der falschen Hand spielt. sie kann es natürlich, aber die Selbstverständlichkeit der "richtigen" Händer wird sie nie ganz erreichen. Sie hat mit ihrer enormen Physis und Einstellung eine Zeit lang dominiert. Aber rein nur vom Schlagrepertoire reicht es wohl nicht zur konstanten Nummer 1. Allerdings kann ich dieses Niedermachen hier z.T. von Kerber, gestern mal wieder, nicht mehr hören. Sie war verdient die Nummer 1 uns spielt tolles Tennis. Mir scheint, wenn der Name Graf irg. fällt, fällt bei manchen die Klappe.
rösti 30.08.2017
5.
Zitat von remcapEs braucht da schon viel Ehrgeiz und echte Willensstärke um auch die Nr. 1 auf dem Feld zu bleiben. Wenn das Ziel wie hier erreicht ist, lässt naturgemäß die Motivation etwas nach... Vermutlich braucht Kerber einfach nur einen fähigeren Motivationstrainer, der sie einfach wieder zielstrebiger werden lässt und den unnötigen psychischen Erwartungsdruck abbaut. Ein paar weniger Medienauftritte wären schon mal der erste Schritt.
Frau Kerber war Nummer eins - ein großes Ziel erreicht (können nicht viele ) trotz dem die Art des Spiels ohne Kampf und sich gegen die Niederlage zu stemmen-- Typisch für Deutsche Sportler es fehlt an Ehrgeiz und echte Willensstärke, die haben fast alle Deutschen Sportler. Wenn man US und andere Spitzensportler sieht, merkt man den unbedingten Siegeswille und den Spaß am Wettkampf, unsere 100 Meter Läuferin lief im Vorlauf an der WM unter 11 Sek. - auf die Frage nach ausscheiden im Halbfinal...Zitat- Ich habe im Vorlauf mein Ziel erreicht unter 11 Sel. zu laufen.. Sagt alles zur Einstellung!! Wenn sie Hunger hätten und müssten vom Sport leben würde es anders aussehen.... unsere Sportler verdienen auch ohne Siege ganz Gut!!!
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