Anja Fichtel-Mauritz Als Rainer Henkel die Hose runterließ

Vor Beginn der Spiele in Sydney hat SPIEGEL ONLINE mit einer Reihe ehemaliger Olympiateilnehmer Interviews geführt. Fechterin Anja Fichtel, 32, sprach mit uns über das Feiern einer Goldmedaille und das gestörte Verhältnis zu ihrem Ex-Trainer Emil Beck.

Von Hubertus von Hörsten


SPIEGEL ONLINE:

Frau Fichtel-Mauritz, zwölf Jahre ist es her, da standen Sie bei den Olympischen Spielen in Seoul auf der obersten Stufe des Treppchens, daneben ihre Mannschaftskolleginnen Sabine Bau und Zita Funkenhauser. Haben Sie sich diesen Tag dick im Kalender angekreuzt?

Anja Fichtel-Mauritz: Nee. Aber ich glaub, das war im September. Der 24. Vielleicht. Ganz sicher weiß ich nur, dass es mit der schönste Tag in meinem Leben war und wir tierisch gefeiert haben. Abends im Hof des "Deutschen Hauses" knallten die Korken so laut, dass wir gar nicht daran gedacht haben, dass andere ja noch ihre Wettkämpfe vor sich hatten. Irgendwann haben dann die Degenfechter Alex Pusch und Elmar Bormann Wassereimer von oben entleert. Und der Schwimmer Rainer Henkel hat aus lauter Verärgerung seine Hose am Fenster runter gelassen und uns sein Hinterteil gezeigt.

SPIEGEL ONLINE: Welche Erinnerungen haben Sie an das Goldgefecht gegen Ihre Vereinskollegin Sabine Bau?

Seoul 1988: Bau, Fichtel, Funkenhauser und ihre Medaillen
DPA

Seoul 1988: Bau, Fichtel, Funkenhauser und ihre Medaillen

Fichtel-Mauritz: Wir kannten uns in- und auswendig und haben ja auch in der Vorbereitung täglich miteinander trainiert. Für uns beide war es eine enorme emotionale Anspannung, fast wie ein Psycho-Krimi.

SPIEGEL ONLINE: Welche Tricks haben Sie angewandt?

Fichtel-Mauritz: Die Stärkere markieren. Ich habe versucht, Souveränität an den Tag zu legen und Sabine gleichzeitig klarzumachen, dass das keineswegs aufgesetzt ist. Innen drin sah es bei mir ganz anders aus, ich hatte zitternde Knie. Bevor ich auf der Fechtbahn meine Maske aufzog, hab ich Sabine ganz bewusst in die Augen gesehen.

SPIEGEL ONLINE: Offensichtlich hat Ihr Blick gewirkt.

Fichtel-Mauritz: Naja, zuerst vielleicht. Ich hab relativ hoch geführt, ich glaube 7 zu 2, und dann hat sie Punkt für Punkt aufgeholt. Es geht zwar nur bis 8, aber ich hab dann immer nervöser gefochten. Und den letzten Treffer, da hab ich's dann mit der Brechstange gemacht. Jetzt oder nie - und ich hatte Glück! Als das Gefecht vorbei war, hab ich Rotz und Wasser geheult wie noch nie in meinem Leben. Da hat sich alles gelöst.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist Ihr Verhältnis zu Sabine Bau und Zita Funkenhauser heute?

Fichtel-Mauritz: Ehrlich gesagt, seitdem ich mit dem Fechten aufgehört habe, komme ich insbesondere mit Sabine Bau viel besser zurecht als vorher. Heute kann ich mich freuen, wenn sie was gewinnt, früher war ich dann schon neidisch. Zita Funkenhauser ist ein anderer Typ, die hat mehr Feuer im Blut und konnte Ihre Emotionen nicht immer zurückhalten. Aber das war auch ihr Schwachpunkt: Sie konnte oft nicht die "Coolness" bewahren. Und wenn man die nicht hat, dann wird man auch ungestüm auf der Fechtbahn, schadet sich aber nur selber, weil man im entscheidenden Moment verkrampft.

SPIEGEL ONLINE: Mangelnde "Coolness" und "Engstirnigkeit" sagen einige Tauberbischofsheimer Fechtgrößen wie Alexander Pusch oder Zita Funkenhauser auch Ihrem damaligen Trainer Emil Beck nach.

Fichtel-Mauritz: Ich glaube, Beck kennt seine Grenzen nicht. Er hat zum Beispiel gedacht, dass er auch mein Leben bestimmen muss, weil ich bei ihm fechte. Dass er mir meinen Freundeskreis aussuchen muss und vorschreiben kann, wie, wo, was ich zu machen habe. Und er wollte mir eigentlich auch immer diktieren, was ich gegenüber der Presse zu sagen habe. Und irgendwann, mit zwanzig oder so, habe ich halt gesagt: "Dieses Spiel mach ich nicht mehr mit!" Und das hat ihm überhaupt nicht gepasst.

Fichtel, Beck: "Wenn Du mir mein Leben zur Hölle machst, dann starte ich eben für Österreich!"
DPA

Fichtel, Beck: "Wenn Du mir mein Leben zur Hölle machst, dann starte ich eben für Österreich!"

SPIEGEL ONLINE: Was war das ausschlaggebende Ereignis?

Fichtel-Mauritz: Als er versucht hat, mich und meinen Freund - meinen jetzigen Ehemann - auseinander zu bringen.

SPIEGEL ONLINE: Wie ging das vor sich?

Fichtel-Mauritz: Emil Beck ist zu meinen Eltern gegangen und hat versucht, meinen Freund madig zu machen. Er hat unterstellt, mein Freund würde mit Drogen dealen und anderen Schwachsinn. Da war dann auch für mich der Punkt zu sagen, ich muss weg aus Tauberbischofsheim und bin mit meinem Mann nach Wien gezogen.

SPIEGEL ONLINE: Damals haben Sie sogar erwogen, für Österreich zu fechten.

Fichtel-Mauritz: Ich sehe das heute eher als Drohung gegen Emil Beck: Wenn Du mir mein Leben zur Hölle machst, dann starte ich eben für Österreich! Ganz ernsthaft hab ich aber nie daran gedacht, weil ich wusste, dass ich in Österreich keine vergleichbare Unterstützung wie in Deutschland bekommen kann.

SPIEGEL ONLINE: Tauberbischofsheim ist nicht mehr die Medaillenschmiede von einst. Bei den letzten Olympischen Spielen gab es lediglich einmal Bronze. Woran liegt das?

Fichtel-Mauritz: Das müssten eigentlich alle schon seit zehn Jahren wissen, dass nur noch von der alten Substanz gelebt wird. Nach der Olympiade hört jetzt wohl auch noch die Sabine Bau auf, dann ist's ganz aus. Ich meine, es liegt hauptsächlich an falschen Trainern und falschem Training. Da hat der Emil Beck schon gewusst, was er gemacht hat, er hat uns schon ganz anders an die Kandarre genommen.

SPIEGEL ONLINE: Sie zeigen Respekt für Emil Beck!

Fichtel-Mauritz: Ich denke, er weiß, dass ich vor seiner Leistung und seinem Erschafften schon immer wahnsinnig Respekt gehabt habe. Das hat auch nichts mit meiner persönlichen Kritik an ihm zu tun. Dieser Mensch hat wahnsinnig viel geschaffen und hat mir meinen Erfolg ermöglicht, das darf man nun auch nicht mit Füßen treten. Aber er hat sich teilweise dann selber durch Größenwahn vieles in kürzester Zeit zunichte gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Letzte Frage. Was trauen Sie Ihren Erbinnen und Erben in Sydney zu?

Fichtel-Mauritz: Ich bin davon überzeugt, dass die deutsche Frauenmannschaft für eine Medaille gut ist. Und mit Glück ist auch eine Einzelmedaille drin - am ehesten würde ich es der Sabine Bau im Florett zutrauen. Im Herren-Degen wird es der Arnd Schmitt schon richten. Aber noch mal ganz klar gesagt: Die rosigen Zeiten von Seoul '88 sind auf jeden Fall vorbei, dennoch ist vieles vorstellbar. Wie bei uns vor vier Jahren in Atlanta, da haben wir am letzten Tag noch die Bronzene in der Mannschaft gewonnen - obwohl wir vorher in den Einzeln alle nur abgekackt waren.



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