Anni Friesinger "Ich bin noch zu wild und ungestüm"

Am Wochenende beginnt die Weltcup-Saison der Eisschnellläufer in Berlin. Voller Hoffnungen wird dort auch Mehrkampf-Europameisterin Anni Friesinger an den Start gehen. In einem SPIEGEL-ONLINE-Interview äußert sich die charmante Inzellerin über ihre Aussichten, Sponsoren und die in Mode gekommenen Privatteams.

Von Andreas Lampert


Der neue schicke Anzug der Inzellerin: "Der ist noch ein bisschen zu groß"
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Der neue schicke Anzug der Inzellerin: "Der ist noch ein bisschen zu groß"

SPIEGEL ONLINE:

Was ist das denn für ein schicker, neuer Anzug, den Sie jetzt tragen? Türkis-schwarz.

Anni Friesinger: Ja, der Anzug. Bei der deutschen Meisterschaft darf man mit dem Anzug laufen, der einem gefällt. Da gibt es keine Richtlinien. Man muss nicht mit dem Nationalmannschaftsanzug antreten. Die Werbeflächen - solange ich mich an die internationalen Größen halte - darf ich frei vergeben. Also hat mein Haupt-Sponsor, die Rösch-AG gesagt, okay, sie machen mir einen schönen Anzug. Dabei kam dann der raus. Ja, er ist schon ziemlich aufgefallen. Und er ist zwar noch ein bisschen zu groß, weil das eine ziemlich schnelle Aktion war. Aber bei der nächsten deutschen Meisterschaft im Dezember wird er sitzen.

SPIEGEL ONLINE: Aber beim Weltcup müssen Sie wieder in Schwarz antreten.

Friesinger: Genau, das normale. Die Beine sind schwarz und oben so eine Art Deutschlandflagge.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind zum Saisonstart zweimal Bahnrekord gelaufen. Wie hoch liegt die Latte für diese Saison?

Friesinger: Ich versuche meine Ziele eigentlich nicht zu hoch legen. Natürlich will ich so gut laufen wie möglich. Zum anderen kommt nun der Druck auch von außen: Weil ich gut im Vorfeld gelaufen bin, sind die Erwartungen ziemlich hoch. Ich würde gerne meinen EM-Titel verteidigen und auch bei der WM einfach durchkommen. Nicht wie letztes Jahr stürzen. Ich bin aber auch ein bisserl realistisch: Jedes Jahr taucht irgendwie ein Newcomer auf, mit dem keiner gerechnet hat und der auf einmal vorne rein läuft. Außerdem ist man ja nicht jedes Wochenende topfit. Es gehört ein bisschen Glück dazu, man muss die Nerven im Zaum halten, die Form.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eine Erklärung für diesen tollen Start?

Friesinger: Ich bin einfach gesund und ohne Ausfälle durch den Sommer gekommen. Das war im letzten Jahr nicht so. Ich habe ja in der Saison 1998/99 Rückenprobleme gehabt und musste pausieren. Deshalb konnte ich auch im Sommer 1999 noch nicht voll trainieren. Da war ich noch sehr vorsichtig. Jetzt geht das fast problemlos. Auch mein ganzes Umfeld stimmt: Ich habe eine gute PR-Agentur, bei mir in der Familie und in der Trainingsgruppe ist alles okay. Es herrscht Harmonie, und das reicht mir eigentlich.

SPIEGEL ONLINE: Müssen Sie noch besonders auf Ihren Rücken achten?

Friesinger: Ein bisschen. Das ist eben so etwas wie meine Schwachstelle und wird es bleiben. Besonders bei Überseeflügen, langen Reisen bin ich total geschlaucht.

Anni Friesinger nimmt sich auch gerne Zeit für kunstvolle Fotosessions

Anni Friesinger nimmt sich auch gerne Zeit für kunstvolle Fotosessions

SPIEGEL ONLINE: Es heißt immer, sie seien das größte deutsche Talent unter den Eisschnellläuferinnen. Bei Ihren Erfolgen ist das fast schon ein Understatement. Trotzdem: Was wollen Sie dieses Jahr verbessern?

Friesinger: Ich bin manchmal zu wild und ungestüm, will dann einfach alles haben und vergesse dann meine Technik und laufe verkrampft. Oder ich lasse mich durch eine Zeit einer Konkurrentin nervös machen. Das will ich abstellen. Aber ich bin einfach keine Maschine, ich bin ein Mensch. Außerdem brauche ich vor Wettkämpfen das Kribbeln. Wenn keine Nervosität da ist, dann geht bei mir nichts. Ansonsten bin ich eigentlich recht beständig. Auf einer Freiluftbahn kann es regnen oder Wind sein, das macht mir eigentlich nichts aus.

SPIEGEL ONLINE: Über Ihre Läufe bei der Deutschen Meisterschaft in Berlin haben Sie gesagt, die wären "schön geschoben" gewesen. Was bedeutet das?

Friesinger: Ich versuche jetzt auf mehrere Dinge zu achten. Mein Trainer macht das auch. Er zeigt mit einer Tafel die Rundenzeiten, die ich laufe, und schreibt mir die Endzeit auf, die möglich ist. Aber er gibt mir auch ständig technische Hinweise: dass ich nicht nur mit Kraft, sondern auch mit Technik laufe. Und dann, wenn die Form stimmt, passt alles. Dann setzen wir das "Schieben" nicht mit Hektik um, sondern schön mit Technik. Dann laufe ich sauber.

SPIEGEL ONLINE: Es hat im Vorfeld dieser Saison ein wenig Ärger gegeben, mit dem Verband, mit den Sponsoren. Wie stehen Sie dazu?

Friesinger: Ich habe da auch etwas vor kurzem gelesen. Da ging es um Äußerungen von Oliver Stirnemann (Ehemann und Manager von Gunda Niemann-Stirnemann, d. Red), der sich über die Sponsorenbegrenzung beschwert hat. Ich denke, unser Verband müsste sich besser vermarkten können. Allein von den Erfolgen her müsste das drin sein. Andererseits bin ich Realist: Eisschnelllaufen ist und bleibt eine Randsportart. Das hat nichts mit den Medaillen zu tun, die wir erlaufen. Wir haben da innerhalb vom Deutschen Sportbund mit vielen anderen guten Sportarten zu kämpfen. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich mich über meine Vermarktung nicht beklagen kann. Was ich allerdings traurig finde, ist, dass Sportler teilweise Eigenbeteiligung bei einem Weltcup zahlen müssen, obwohl sie sich dafür qualifiziert haben. Das darf nicht sein. Zumal das meist die Leute sind, die erst in die Weltspitze stoßen und noch überhaupt kein Geld haben. Der Verband müsste sich ein bisschen anders vermarkten oder an anderen Stellen ein bisschen kürzen.

SPIEGEL ONLINE: Ist eine Absplitterung in Privatteams nach holländischem Vorbild ein Lösung?

Friesinger: Das ist sicherlich eine Möglichkeit. Man sieht ja, wie populär die Privatteams sind. Zuerst gab es nur die Holländer. Jetzt wird es immer internationaler. Da gibt es inzwischen auch die Kanadier, die Russen. Einfach Leute, die Topleistungen zeigen, aber von ihrem Verband nicht genügend gefördert werden. Das ist die Zukunft, denn diese Leute haben jetzt viel bessere Trainingsmöglichkeiten und können sich weiterentwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Wäre ein Privatteam für Sie auch interessant?

Friesinger: Das ist im Moment kein Thema für mich. Mir geht es sehr gut, und ich fühle mich gut aufgehoben. Ich würde auch nie meinen Trainer wechseln wollen. Ich trainiere unter Markus Eicher seit mehr als zehn Jahren. Das ist eigentlich völlig untypisch im Leistungssport. Aber es passt einfach alles so gut, warum soll man dann einen anderen Weg gehen?

Der bislang größte Erfolg: Anni Friesinger auf dem Weg zum Mehrkampf-EM-Titel im Januar 2000
REUTERS

Der bislang größte Erfolg: Anni Friesinger auf dem Weg zum Mehrkampf-EM-Titel im Januar 2000

SPIEGEL ONLINE: Sie haben ja grundsätzlich ein gutes Verhältnis zu den Holländern.

Friesinger: Ja, ich spreche fließend holländisch. Eine meiner besten Freundinnen und mein Freund (Der holländische Eisschnellläufer Ids Potsma, d. Red.) leben dort. Da ist es gut, dass man sich unterhalten kann. Ab und zu trainiere ich auch dort. Man sieht sich dann immer auf den Wettkämpfen oder in den Trainingslagern.

SPIEGEL ONLINE: Zum Weltcup-Auftakt wird die Stimmung nicht so gut sein wie in Heerenveen.

Friesinger: Ganz bestimmt nicht. Heerenveen ist etwas ganz anderes. Da sind wir eine Woche später. Da sind dann 15.000 Menschen in der Eishalle und singen die ganze Zeit. Eine Wahnsinnsstimmung. Dazu sind die Holländer ein sehr fachkundiges Publikum. Die wissen immer, wenn einer an seiner Bestzeit dran ist oder müde wird und etwas Unterstützung braucht. In Berlin bei der Deutschen Meisterschaft waren vielleicht gerade mal 400 Zuschauer da. Das zieht einen dann schon runter. In Inzell kommen bis zu 4000, weil die mich da alle kennen. Zum Weltcup-Auftakt werden, wenn wir Glück haben, vielleicht 1000 kommen. Ein paar verrückte Holländer werden sicher da sein. Das ist schon schade.



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