Klitschko-Gegner Joshua Der Nachfolger

Anthony Joshua boxt am Abend vor 90.000 Fans in Wembley gegen Wladimir Klitschko. Die Karriere des Briten wurde für genau diesen Moment geplant - dabei wäre er fast im Gefängnis gelandet.

Anthony Joshua gegen Wladimir Klitschko
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Anthony Joshua gegen Wladimir Klitschko

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"Wenn mir das jemand vor zehn Jahren erzählt hätte, hätte ich ihn für verrückt erklärt." Manchmal fällt es Anthony Joshua selbst schwer zu glauben, dass er am Samstagabend vor 90.000 Fans im Wembley-Stadion und Millionen TV-Zuschauern gegen Wladimir Klitschko um die Weltmeisterschaft im Schwergewicht boxen wird (22.45 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: RTL).

Damit nicht genug: Joshua steigt als Titelverteidiger in den Ring und gilt bei den Buchmachern als Favorit. "Wenn ich zurückdenke, frage ich mich, wie das eigentlich alles so schnell passieren konnte."

Ein guter Sportler war der Sohn nigerianischer Einwanderer schon immer. Die 100 Meter soll er in seiner Jugend in knapp über zehn Sekunden gelaufen sein. Einen Bezug zum Boxsport hatte Joshua als Kind aber nicht. "Es hat mich nicht interessiert", gibt er zu. "Ich liebte Fußball - wie jeder Junge. Gekämpft habe ich nur auf der Straße." Sein Cousin Ben Ileyemi überredete ihn 2007, an einem Probetraining beim Finchley Amateur Boxing Club teilzunehmen. "Das war der Moment, der mein Leben verändert hat."

Als Joshua im Alter von 18 Jahren seinen ersten Amateurkampf bestritt, stand Klitschko als zweifacher Profiweltmeister am Beginn einer der dominantesten Titelregentschaften der Geschichte. Zwischen 2006 und 2015 beherrschte der Ukrainer das Schwergewicht und brachte es auf 18 erfolgreiche Titelverteidigungen. Parallel dazu lernte Joshua das Boxen im Norden Londons. Und er lernte schnell. 2009 gewann er sein erstes Turnier, 2010 die britische Meisterschaft und 2011 Silber bei der WM in Baku.

Im offiziellen Trainingsanzug verhaftet

Dass er es irgendwann zum Superstar bringen würde, war zu diesem Zeitpunkt aber nicht abzusehen. Wegen der Beteiligung an einer Schlägerei saß Joshua kurzzeitig in Untersuchungshaft. 2011 wurde er mit Marihuana erwischt und entging nur knapp einer langjährigen Gefängnisstrafe. Vielleicht drückte der Richter ein Auge zu, weil er im offiziellen Trainingsanzug der britischen Nationalmannschaft verhaftet worden war - ein Jahr vor den Olympischen Spielen in London. Joshua wurde zu 100 Sozialstunden verurteilt. Diese Entscheidung und klare Ansagen aus seinem Umfeld bewahrten ihn vor einer kriminellen Karriere - statt Gangster wurde er Olympiasieger.

Joshua auf dem Weg zum Olympiasieg 2012
DPA

Joshua auf dem Weg zum Olympiasieg 2012

Bei seinem rasanten Aufstieg profitierte Joshua vom Sportförderungssystem in Großbritannien. Millionen wurden investiert, um bei den Sommerspielen daheim in London gut abzuschneiden. Joshua war zur richtigen Zeit am richtigen Ort und erhielt im Team GB volle Unterstützung für sein Gold-Projekt. Sein knapper Punktsieg im Olympischen Finale gegen den Italiener Roberto Cammarelle war zwar äußerst umstritten. Trotzdem wurde Joshua bei seinem Profidebüt ein Jahr später im Millennium Dome in der Presse schon als kommender Weltmeister gefeiert.

Der nahtlose Übergang von den Amateuren zu den Profis war möglich, weil es in Großbritannien - anders als bislang in Deutschland - keine kategorische Trennung zwischen beiden Lagern gibt. Der größte britische Profistall Matchroom fördert den Olympischen Boxsport durch die Finanzierung von Nachwuchsturnieren. Es gibt gemeinsame Trainingslager und Sichtungslehrgänge. Davon profitieren beide Seiten: Die Amateure sammeln wichtige Erfahrung, die ihnen bei internationalen Turnieren hilft; und der Profisport kann sich über gut ausgebildeten Nachwuchs freuen.

Anthony Joshua gilt als Favorit in Wembley
DPA

Anthony Joshua gilt als Favorit in Wembley

Joshuas Profikarriere nahm den geplanten Verlauf, weil seine Aufbaugegner perfekt ausgewählt waren: Stark auf dem Papier, im Ring aber doch zu schwach, um dem Olympiasieger gefährlich zu werden. Das Ergebnis bis heute: 18 Kämpfe, 18 Siege, alle 18 durch K.o. Seine ersten 14 Gegner überstanden nicht mal die ersten drei Runden, darunter waren Routiniers wie Kevin Johnson. Mit Weltmeister Vitali Klitschko war Johnson 2009 noch über die vollen zwölf Runden gegangen, Joshua dagegen knockte den Amerikaner in der zweiten Runde aus.

2014, als sich Klitschko auf seine Titelverteidigung gegen den Bulgaren Kubrat Pulev vorbereitete, kam es schon einmal zu einem Aufeinandertreffen mit Joshua. Der Weltmeister lud den Olympiasieger ins Trainingslager nach Österreich ein. Die beiden absolvierten rund 20 Sparringrunden und waren danach voll des gegenseitigen Lobes. "Wladimir ist der Beste der Welt. Er boxt in einer eigenen Liga", sagte Joshua. Klitschko gab zurück: "Anthony ist jung, schnell und sehr stark. Er könnte einmal mein Nachfolger werden." Beide ahnten zu diesem Zeitpunkt schon, dass sie sich irgendwann in einem großen Kampf wiedersehen werden.

Dass Klitschko seinen WM-Titel im November 2015 gegen Tyson Fury verlieren und diesem dann wegen Kokainmissbrauchs die Gürtel wieder entzogen werden würden, konnten die Karriereplaner zwar nicht absehen. Aber da Joshua jetzt der Weltmeister und Klitschko sein Herausforderer ist, wirkt die Sparringepisode im Nachhinein wie eine für diesen Samstag von langer Hand vorbereitete Inszenierung.



insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
global.payer 29.04.2017
1. das kann ich auch
100 Meter in über 10 Sekunden laufen
sacco 29.04.2017
2.
Zitat von global.payer100 Meter in über 10 Sekunden laufen
schaffen wir sogar in deutlich über 10 sekunden!
gersois 29.04.2017
3.
Viel Erfolg, Joshua!
Ishibashi 29.04.2017
4. irgendwann
wird auch ein Klitschko zu alt. Trotzdem, Erfahrung sollte man auch nicht unterschätzen.
craan 29.04.2017
5. Wem die Stunde schlägt
Klitschko hat vor den großen Boxern einer ganzen Ära gekniffen. Er hat weder Mike Tyson noch Lennox Lewis geboxt, Foreman nicht und Holyfield nicht. Auch die Boxer der zweiten Reihe waren ihm meist zu gefährlich. Mir fallen da nur Michael Moorer und, mit Abstrichen Lamon Brewster ein (gegen den er einen von zwei Kämpfen auch verlor). Selbst aufstrebende Newbies (ich denke da an Ike Ibeabuchi) hat er zumeist vermieden. Mit den Klitschkos (bei Vitali war es nicht anders) begann die Verlangweilung des Schwergewichtsboxen. Dafür gab es zwar noch andere, gewichtigere Gründe, aber die Klitschkos haben durch ihre Kampfauswahl ihr Scherflein dazu beigetragen. Ich hoffe heute auf das Ende eine Ära.
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