Joshua-Sieg gegen Klitschko Schwer zu schlagen

Ein Kampf für die Geschichtsbücher: Anthony Joshua und Wladimir Klitschko lieferten sich im Wembley-Stadion einen spektakulären Fight. Der Ukrainer bewies Nehmerqualitäten, fühlte sich dann aber zu sicher.

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Aus London berichtet


Sie hatten es ihm nicht leicht gemacht, die englischen Boxfans. Ausgepfiffen hatten sie Wladimir Klitschko, als er aus dem Stadiontunnel trat und Richtung Ring schritt. Die ukrainische Hymne, von seiner Schwägerin Natalia gesungen, ging in den Buhrufen der Masse unter. Wembley hatte sich vorgenommen, alles für Anthony Joshua zu geben, den neuen Liebling. Klitschko sollte es nicht nur mit dem 27-jährigen Titelverteidiger aufnehmen müssen, sondern gleich mit allen 90.000 im Stadion.

Sie gewannen, Joshua und seine Fans, nach elf Runden - und Klitschko wurde fast so sehr gefeiert wie der britische Held. Die Zuschauer hatten erkannt, dass es bei dem Kampf keinen Verlierer gab. Joshuas Triumph durch technischen K.o. war einer der großen Momente des Boxens, ein Fight, wie es ihn seit vielen Jahren nicht gegeben hatte. Dank Joshua und dank Klitschko, der sagte: "Heute war eine große Nacht für unseren Sport."

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Joshuas Sieg gegen Klitschko: Titel verteidigt - und wie!

Der 41-Jährige war insgesamt dreimal zu Boden gegangen und wieder aufgestanden, ehe Ringrichter David Fields den Kampf abbrach. Auch Klitschko hatte Joshua einmal niedergeschlagen. Später sagte er auf der Pressekonferenz: "Ich kenne meine Schläge. Wenn sie richtig treffen, bleibt der Gegner eigentlich liegen, aber er ist wieder aufgestanden. Respekt."

Das war das Wort des Abends: Respekt. Klitschko zollte ihn Joshua, der Brite revanchierte sich, der Ukrainer bekam ihn vom Publikum zu spüren. Schon im Vorfeld des Kampfes hatten sich die gegnerischen Lager die üblichen Mätzchen verkniffen. Im Ring war dann zu sehen, warum: Zwei Boxer dieser Klasse haben es nicht nötig, mit kalkulierten Eklats für Aufmerksamkeit zu sorgen. Ihre Leistung im Ring sprach für sich.

"Ich bin nicht perfekt, aber ich gebe mir Mühe, es zu werden", sagte Joshua, dessen linkes Auge geschwollen war und der dennoch locker mit den Reportern scherzte. Seit dreieinhalb Jahren ist er Profi, sein Sieg gegen Klitschko war der 19. K.o. im 19. Kampf. "Wladimir Klitschko ist ein echtes Vorbild, im Ring und außerhalb. Manche haben gedacht, ich würde es nicht schaffen, deswegen ist das heute etwas Besonderes für mich."

Wie gut der Olympiasieger von 2012 tatsächlich sein würde, darüber waren sich die Experten im Vorfeld nicht einig gewesen. Sein Weg zu Gold im eigenen Land galt als diskussionswürdig, die Siege damals als schmeichelhaft. Manche glaubten, Joshua sei in erster Linie ein Kraftprotz, nicht so sehr ein Boxer. Selbst Klitschko hatte sich über die enormen Muskelmassen scherzhaft geäußert. Doch nach der Niederlage sagte er, ebenfalls gezeichnet mit einem Cut über dem linken Auge: "Joshua ist athletischer als alle anderen Fighter."

Wohltuende Abwechslung, spektakuläre Kombinationen

Mit Spannung war erwartet worden, welche Kampftaktik der Jüngere wählen würde. Sein höheres Gewicht bei gleicher Körpergröße von 198 Zentimetern (113,4 Kilogramm bei Joshua, 109,3 Kilogramm bei Klitschko) und die mangelnde Erfahrung mit langen Kämpfen sprachen dafür, dass Joshua schnell angreifen würde. Klitschko betonte zwar seit Tagen, er sei in Top-Form, doch sollte die Top-Form eines 41-Jährigen für zwölf Runden Schwergewichtsboxen ausreichen?

Von Beginn an wurde klar, dass dieser Kampf eine wohltuende Abwechslung werden würde nach den selten hochklassigen Klitschko-Fights der vergangenen Jahre. Oft wurde geklammert, gedrückt, sich in die Seile verdrückt oder weggelaufen. Diesmal trafen sich beide Boxer Runde für Runde in der Mitte des Quadrats. Und dann wurde gekämpft. Zunächst abwartend, abmessend, mit Jabs und Kombinationen, in der dritten und vierten Runde landeten beide dann erste harte Treffer, Joshua lag jeweils leicht vorne.

Der Gong zur fünften Runde hallte noch nach, da explodierte er bereits an seinem Gegner, Klitschko wackelte nach einer Linken. Als Joshua kurz darauf eine wilde Kombination anbrachte, ging der langjährige Dominator zu Boden. Aber Klitschko stand auf, landete in der gleichen Runde selbst einen harten Treffer. In der sechsten Runde legte er nach, mit einer Rechten verpasste er Joshua den ersten Niederschlag seiner Profikarriere. Es waren spektakuläre Minuten.

Danach ließen es beide etwas ruhiger angehen. "Jemandem wirklich weh zu tun, ihn auszuknocken, das kostet viel Kraft", sagte Joshua später über diese Momente. "Ich musste mich danach erholen, wieder Energie sammeln für später."

Klitschko sauer auf den Ringrichter

Joshua hatte sich mit Trainer Robert McCracken diesen Plan zurechtgelegt, er lauerte seiner nächsten Chance entgegen. Klitschko wirkte hingegen immer noch überrascht, als er auf der Pressekonferenz sagte: "Ich hatte wirklich nicht gedacht, dass er wieder aufsteht." Und er haderte mit sich und seiner Taktik. "Hätte ich nachsetzen sollen, nachdem ich ihn einmal am Boden hatte? Darüber kann man diskutieren. Ich dachte, er sei platt." Er habe sich sicher gefühlt im Kampf, berichtete Klitschko: "Ich hatte das Gefühl, ich gewinne."

Erst als sein Trainer Jonathan Banks ihn aufforderte, mehr zu tun, setzte Klitschko nach. Doch Joshua war vorbereitet, ging ab Runde zehn selbst in den Angriff über. In der elften Runde kam dann der technische K.o. "Ich war ganz klar, alle elf Runden lang", beteuerte er und kritisierte indirekt die Entscheidung des Ringrichters, ihn aus dem Kampf zu nehmen: "Ich will immer so lange kämpfen, wie es geht. Ich war noch nicht am Ende."

Es war die Steilvorlage für alle Journalisten, die entscheidende Frage zu stellen: War es das mit der Karriere? Er wolle an diesem Abend keine Entscheidung treffen, in den kommenden Tagen und Wochen werde er sich Gedanken machen, ob er die Klausel in seinem Vertrag wahrnimmt, die einen Rückkampf vorsieht.

"Es liegt an ihm", sagte Joshua: "Wenn die Umstände passen, bin ich zu allem bereit." Er sagte das mit sehr viel Gelassenheit, mit der Ruhe eines Dreifachweltmeisters und der Überlegenheit eines Mannes, der weiß, dass ihm die Zukunft des Schwergewichtsboxens gehört.



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vogelsberg 30.04.2017
1. Karrierreende ??
Bei diesem "Sportspektakel" geht es nur um das Geld. Solange jemand bereit ist Geld für einen Kampf mit Klitschko zu zahlen, wird dieser in den Ring steigen. Wenn er sich fit fühlt und wird er in den Ring steigen. Die ganze Entourage, die ihn begleitet, wird es ihm schon einreden, dass er weiterkämpfen soll. Wie sich die Schläge auf seine Gesundheit auswirken, kann er nur selber und ein verantwortungsvoller Mediziner entscheiden. Eigentlich sollte e genug Kohle af dem Konto haben, um sich zur Ruhe zu setzen. Man kann ihm nur Glück und einen gesunden Menschenverstand bei seinen Entscheidungen wünschen.
k.hohl 30.04.2017
2. Mit dem heutigen Tag ist der Klitschko-Hype der Deutschen beendet.
In den letzten Jahren war es ein gewohntes Ritual: Nach dem Kampf entschuldigten sich die Klitschko-Brüder noch im Ring-Interview für die Auswahl des schwachen Gegners. Schon mit dem letzten Kampf hatte sich dies geändert . . .
robin-masters 30.04.2017
3. Super Kampf
Einen Rückkampf wird es geben, auch wenn es Klitschko vermutlich wieder nicht schaffen wird und die Zeit gegen ihn spielt. Die Fans wollen das nochmal sehen und das Geld wird astronomisch sein .. weil es ein Megaevent ist. AJ gehört ganz klar die Zukunft im Schwergewicht und ich kennen keinen der in dieser Form bestehen könnte. Klitschko war in Bestform und top eingestellt.... trotzdem merkte man das Alter und seine Schwächen.
humble_opinion 30.04.2017
4. Großer Boxsport
Endlich mal ein Klitschko-Kampf mit einem Gegner auf Augenhöhe. Und auch, wenn ich die Klitchko-Brüder aus subjektiven Gründen nicht mag: das war großer Boxsport, Respekt für beide Kämpfer! Anthony Joshua erinnert mich in einigen Momenten tatsächlich an den Größten. Bin gespannt, wie es mit ihm weitergeht. Meine Sympathie hat er.
dernameistprogramm 30.04.2017
5.
Sogar ich hätte ihn in der 11. Runde umgepustet. Völlig überschätzte Type. Kaum kommt ein ernstzunehmender Gegner, fällt Klitsch k.o. 3 mal. Er hat definitiv sein sportliches Ende erreicht.
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