Verbotene Leistungssteigerung Jäger der unbekannten Dopingmittel

Schneller sein als die Betrüger - das ist der Job des Dopingexperten Mario Thevis. Hier redet er über die Jagd nach illegalen Substanzen in Internetforen und dubiosen Onlineshops.
Ein Interview von Benjamin Knaack
Urinproben

Urinproben

Foto: Ralf Hirschberger/ dpa
Zur Person

Der forensische Chemiker Mario Thevis, geboren 1973, ist seit 2006 Professor für präventive Dopingforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln. Seit 2011 leitet er das Europäische Beobachtungszentrum für neue Dopingsubstanzen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Thevis, Sie arbeiten mit Pharmaunternehmen zusammen, bekommen beschlagnahmte Mittel von Polizei und Zoll und recherchieren selbst - immer auf der Jagd nach unbekannten Substanzen, die zum Dopen geeignet sind. Das klingt ja wie eine Elite-Ermittlungsbehörde. Sehen Sie sich so?

Thevis: Nicht unbedingt, aber bei uns laufen einige nützliche Fäden zusammen. Unterschiedliche Informationen werden von uns ausgewertet, um die Informationslücken im Anti-Doping-Kampf zu schließen. Das ist aufwendig, deshalb wurde die Beobachtungsstelle 2011 geschaffen. Wir sind allerdings in erster Linie für die Analyse zuständig. Die Ermittlungen und strafrechtlichen Verfolgungen liegen bei Zoll und Polizei.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie ihre Arbeit an einem Beispiel erklären?

Thevis: Wenn der Zoll eine unbekannte Substanz aufgreift, welche den Umständen nach dopingrelevant sein könnte und nicht unmittelbar sagen kann, was es ist, wird sie per Kurier zu uns geschickt. Unsere Erkenntnisse geben wir dann schnellstmöglich an die Behörden zurück, denn neue Produkte kommen meist in Wellen auf den Markt. Zuerst werden sie zum Beispiel in Hamburg gefunden, dann in München, Köln und anderswo.

SPIEGEL ONLINE: Wie analysieren sie die Proben?

Thevis: Meist sind die Stoffe nur leidlich etikettiert oder kommen einfach ganz ohne Beschriftung versendet an. Daher behelfen wir uns mit klassischer Laborarbeit: Ist es eine Flüssigkeit oder ein Pulver? Löst es sich im Wasser? Wir bestimmen das Gewicht und ermitteln schließlich den "chemischen Fingerabdruck". Die wenigsten Menschen, die Mittel für den Dopinggebrauch herstellen, machen sich die Mühe, eine komplett neue Struktur zu synthetisieren.

SPIEGEL ONLINE: Sondern?

Thevis: Sie bedienen sich beispielsweise bei Patenten, die es nicht zur Marktreife geschafft haben, oder bei unbekannteren wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Es ist anzunehmen, dass sie dadurch unter dem Radar der Fahnder bleiben wollen. Wichtigste Eigenschaft der Wirkstoffe: Sie müssen potenziell Leistungszuwachs bringen. Gefährliche Nebenwirkungen - wegen der die Pharmaunternehmen die Entwicklung der Mittel eingestellt haben - werden nicht selten ignoriert.

SPIEGEL ONLINE: Wie können Sie den Dopingsündern zuvorkommen?

Thevis: Dazu ist die Zusammenarbeit mit den Pharmaunternehmen extrem wichtig. Wir bekommen Zugang zu und Information über Wirkstoffe, bevor sie öffentlich werden, damit wir uns vorbereiten können. Wenn dann betrügerische Sportler neue Mittel verwenden, sollte ein entsprechender Test idealerweise bereits fertiggestellt sein. Eine schöne Erfolgsgeschichte sind die sogenannten selektiven Androgenrezeptor-Modulatoren - abgekürzt Sarms. Diese Produkte (die zum Muskelaufbau verwendet werden, d.Red.) sind noch nicht offiziell als Medikamente zugelassen, dennoch gab es über die letzten Jahre schon an die hundert positive Befunde weltweit.

SPIEGEL ONLINE: Das zeigt aber, dass auch diejenigen, die die Mittel anwenden, gut informiert sind.

Thevis: Natürlich. Sie haben Kenntnisse in Biochemie und Medizin - und das zahlt sich häufig aus: Ein prominentes Beispiel ist der Balco-Skandal. Dort wurde eine bekannte Substanz so modifiziert, dass sie in den Standardanalysen lange Zeit nicht aufgefallen ist. Erst als man die Substanz in den Händen hatte, konnte man Testverfahren entwickeln, die ja auch zur Überführung einiger namhafter Personen geführt haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie recherchieren auch im Internet. Wo kann man dort auf Informationen stoßen?

Thevis: Es gibt Plattformen, auf denen Patente und wissenschaftliche Literatur umfangreich zugänglich sind. Dort kann man sich automatisiert benachrichtigen lassen, wenn bestimmte Begriffe wie etwa Muskelschwund, Muskelerkrankungen, anabole Wirkung oder ähnliche auftauchen. Das ist ein bisschen so wie bei Immobilien-Plattformen, wo man sich eine E-Mail schicken lassen kann, wenn eine günstige Wohnung den Wünschen des Interessenten entsprechend auf den Markt kommt. Aber auch in einschlägigen Diskussionsforen oder bei bisweilen dubiosen Onlineshops schauen wir uns um. Wir tätigen Testkäufe und wundern uns oft, wie schnell vermeintlich neue Produkte auf dem Markt erscheinen - nicht selten stellen sich die Angebote jedoch als Fälschungen heraus.

SPIEGEL ONLINE: Wohin lassen Sie sich die Mittel schicken? Die Adresse Ihres Labors ist ja wohl etwas verdächtig.

Thevis: Wir haben natürlich unauffälligere Adressen, aber eine Geschichte erzähle ich immer wieder gerne: Vor zehn Jahren habe ich in meinem jugendlichen Leichtsinn mal ein Schwarzmarktprodukt ans Kontrolllabor schicken lassen. Das war natürlich nicht sonderlich schlau. Doch es ist tatsächlich hier angekommen - da hat wohl auf der anderen Seite auch jemand nicht aufgepasst.

SPIEGEL ONLINE: Ihr überraschendster Fund?

Thevis: Produkte sind nicht selten falsch etikettiert. In einem Fall haben wir eine Sendung analysiert, die vermeintlich ein Wachstumshormon enthielt. Die Ampullen enthielten jedoch Insulin, wie sich herausstellte. Das wäre für den Empfänger und Konsumenten extrem gefährlich geworden: Eine Überdosis kann lebensbedrohlich sein.

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