SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

27. November 2008, 16:06 Uhr

Anti-Doping-Kampf

Kontroll-Katastrophe und viele Klagen

Der schwedische Mediziner Bengt Saltin hat das Vorgehen der Institutionen im Anti-Doping-Kampf verurteilt - viel mehr Sünder könnten gefasst werden. Im Radsport ist dies laut UCI-Chef McQuaid bereits geschehen. Stefan Schumacher und Patrik Sinkewitz befassen sich mit der Justiz.

Hamburg - Der schwedische Doping-Jäger Bengt Saltin hat Internationalem Olympischen Komitee (IOC), Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) und Fachverbänden wie dem Leichtathletik-Weltverband IAAF schwerste Versäumnisse im Anti-Doping-Kampf vorgeworfen. Das IOC sei "dumm", wenn es meine, die Steigerung der Zahl der Kontrollen bei den Olympischen Sommerspielen in Peking um über 1000 auf 4770 im Vergleich zu Athen 2004 sei eine erfolgreiche Methode bei der Jagd nach Dopingsündern.

Französische Polizisten vor Kontrollstelle: Radikales Umdenken gefordert
REUTERS

Französische Polizisten vor Kontrollstelle: Radikales Umdenken gefordert

" Wenn sie das wirklich glauben, wäre es eine Katastrophe", sagte der Wissenschaftler beim 3. Anti-Doping-Forum in Berlin. " Hätte man diese Kontrollen zwischen den Saisons gemacht, hätte man 1000 positive Fälle gehabt", erklärte der 73-jährige Professor und forderte ein radikales Umdenken. Es bedürfe vor allem " intelligenter Trainingskontrollen" in Kombination mit dem Blutpass wie er von Welt-Skiverband Fis und Welt-Radsportverband UCI eingeführt worden ist.

Völliges Versagen unterstellte Saltin dem Leichtathletik-Weltverband: "Er weiß seit zwei Jahren, dass er ein riesiges Problem bei seinen Ausdauerathleten hat, die abnormal hohe Hämoglobin-Wert haben. Aber man tut einfach nichts dagegen."

Pat McQuaid, Präsident des Radsport-Weltverbandes UCI, kündigte auf der selben Veranstaltung für Ende des Jahres weitere Dopingfälle im Radsport und Langlauf an. "Aufgrund von Auffälligkeiten in den neu eingeführten Blutprofilen wird es einige positive Fälle geben", sagte der Ire in Berlin. McQuaid nannte allerdings weder Namen, noch wollte er sich auf eine konkrete Zahl festlegen. Derzeit prüften die Rechtsexperten noch letzte Fragen, bevor die UCI an die Öffentlichkeit gehen könne. Insgesamt besitzen etwa 800 Radprofis den Anfang des Jahres eingeführten Blutpass, durch den über einen langen Zeitraum Unregelmäßigkeiten aufgedeckt werden sollen.

Im Langlauf handelt es sich um fünf Athleten, allerdings sei laut Saltin kein deutscher Läufer darunter. In den nächsten Tagen trifft sich der Ski-Weltverband Fis mit dem Chefjuristen der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada und dann wolle man den eindeutigsten Fall vor ein Sportgericht bringen. Die weiteren vier Fälle sollen dann zeitnah folgen.

McQuaid verkündete zudem, dass die UCI im Jahr 2008 4,3 Millionen Euro im Anti-Doping-Kampf ausgegeben habe. Das entspricht etwa einem Drittel des Jahresetats von 13 Millionen Euro. In Deutschland werde dieses Engagement allerdings nicht gewürdigt, die Medien würden eine Hetzjagd auf den Radsportveranstalten. "Deutschland ist für die UCI die Höhle des Löwen", meinte McQuaid. Der Weltverband fühle sich von bestimmten Medien unfair behandelt.

Dennoch würde der Radsport-Weltverband UCI dem früheren Gerolsteiner-Profi Stefan Schumacher durchaus die Lizenz für 2009 erteilen, allerdings nicht vor dem erwarteten Verfahren durch die französische Anti-Doping-Agentur AFLD. "Die Lizenz ist kein Problem, wenn es ein transparentes Verfahren gibt. Der Fall liegt zur Zeit nicht in unserer Entscheidungsgewalt", sagte UCI-Präsident McQuaid. Schumacher wurde nach positiver A-Probe in einer nachträglichen Analyse durch die AFLD der Manipulation mit dem Blutdopingmittel Cera bei der Tour de France überführt.

McQuaid rechnet damit, dass die AFDL "in nächster Zeit" das Verfahren gegen Schumacher eröffnen wird. Sowohl Schumacher, der eine Klage gegen die AFLD wegen Verleumdung erheben will, als auch der Österreicher Bernhard Kohl seien an ihrer maßlosen Gier gescheitert. "Sie hatten die Dollarzeichen im Auge und wollten unbedingt noch die Null mehr am Ende des Vertrages. Sie wollten das Doppelte haben", betonte der Ire, der seit 2005 an der Spitze der UCI steht. Allerdings sieht der 59-Jährige auch positive Aspekte - und eine Trendwende: "Die Radsportler sind inzwischen bereit zu kooperieren: Sie reden offen über Betrug und Betrüger im Feld."

Trotz neuem Team und neuer Hoffnung nimmt die Justiz-Tour für Rad-Profi Patrik Sinkewitz kein Ende. In einem wegen seiner Doping-Vergangenheit geführten Schadensersatzprozess konnten sich die Parteien am Donnerstag am Landgericht Fulda nicht einigen. Nach einem ersten Vergleichsangebot im April in Höhe von 150.000 Euro schlugen die Richter nun knapp 100.000 Euro vor. Der ehemalige Sinkewitz-Sponsor und Getränkehersteller "Förstina" hatte ursprünglich 308.000 Euro von dem Radsportler wegen "arglistiger Täuschung" gefordert.

Sinkewitz-Anwalt Axel Scheld von Alt will nun prüfen, ob der 28- Jährige willens und imstande ist, den Betrag zu zahlen. Sinkewitz sagte: "Ich will so schnell wie möglich eine vernünftige und faire Lösung. Es ist keine schöne Sache, mit seinem Ex-Sponsor einen Prozess führen zu müssen." Der Radprofi fährt ab 2009 für das zweitklassige tschechische Team PSK Whirlpool. Bis Ende Januar haben die Parteien Zeit, sich zu einigen, sonst fällen die Richter ein Urteil. "Förstina"-Anwalt Christian Schmitt kündigte an, die knapp 100.000 Euro akzeptieren zu wollen.

fpf/sid/dpa

URL:


Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung