Peter Ahrens

Begnadigung der Rusada Schneller, höher, dreister

Die Entscheidung, das russische Antidopinglabor wieder in die olympische Familie aufzunehmen, kann niemanden überraschen. Den Spitzenfunktionären ist der saubere Sport egal. Hauptsache, die Palmen spenden Schatten.
Sportfreunde Wladimir Putin, Thomas Bach

Sportfreunde Wladimir Putin, Thomas Bach

Foto: AP

Der Weltsport hat schon eine sehr eigene Logik. Es gab im Vorfeld niemanden bei den Fachleuten, von den Antidopingermittlern bis hin zu den Einzelverbänden, der sich für eine Begnadigung der russischen Antidopingagentur Rusada ausgesprochen hätte. Also fiel die Entscheidung der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada am Donnerstag auf den Seychellen wie folgt aus: Die Rusada wird begnadigt.

Von einem "schlimmen Signal" ist jetzt die Rede, wie es in der Stellungnahme des Deutschen Behindertensportverbandes heißt. Die "Süddeutsche Zeitung" kommentiert: "Die Wada hat sich als ernstzunehmende Institution selbst abgeschafft", die "FAZ" spricht von einer "Bankrotterklärung". Sie alle haben selbstverständlich recht, aber überrascht von dieser Entscheidung kann trotzdem niemand sein.

Die Wada hat sich unter ihrem Chef Craig Reedie offensichtlich zu Wachs in den Händen des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) entwickelt. Und die Vorgabe von IOC-Boss Thomas Bach ist spätestens seit den Olympischen Winterspielen von Pyeongchang eindeutig: Russland muss jetzt wieder auch offiziell vollwertig mitreden und -handeln dürfen. Hinter den Kulissen haben sie es ohnehin stets getan.

Es konnten noch so viele prominente russische Dopingfälle publik werden, ein wirklich konsequentes Durchgreifen des IOC hat es nie gegeben. Mit dem Argument der Sippenhaft wurde so lange fein säuberlich differenziert, dass am Ende niemand mehr eine klare Linie ausmachen konnte. Was wohl auch die Absicht war.

Experten laufen Sturm? Sollen sie doch.

Der Beschluss von den Seychellen, im Handstreichverfahren durchgezogen, ist so gesehen nur konsequent, geradezu authentisch. Man weiß nun wieder, was man hat an den Herren und (wenigen) Damen, die an den Hebeln des Weltsports sitzen. Und dass es ihnen vollständig egal ist, wenn Antidopingexperten vorher Sturm laufen. Sollen sie doch.

Dass der DOSB und sein Chef Alfons Hörmann nach dem Beschluss einen Tag Zeit für eine Stellungnahme brauchten, passt ins Bild. Die Deutschen treten im Vorfeld gerne als Vorkämpfer auf für sauberen Sport, gegen Korruption und Machtmissbrauch. Wenn die Entscheidungen fallen, haben sie wenig zu melden und werden sehr still. Das ist im Fußball ebenso wie im olympischen Sport. Anschließend darf man dann wieder seine Bedenken zum Vortrag bringen.

Das IOC mit seinem Präsidenten Thomas Bach, der Weltfußballverband Fifa mit ihrem Chef Gianni Infantino - wer erwartet von diesen Organisationen und diesen Führungsfiguren ernsthaft, dass sie sich wegorientieren von Machtfragen und Profitmaximierung? Bemerkenswert ist allein der Grad der Dreistigkeit, mit dem sie schöne Worte in die Luft malen und gleichzeitig genau im Gegenteil handeln.

Letztlich geht es vermutlich vor allem darum, dass die Spitzenfunktionäre des internationalen Sports sich auch weiterhin in teuren Tagungshotels an den paradiesischen Orten der Welt treffen und dabei zuallererst unter sich bleiben wollen. Seychellen, na klar, Palmen müssen schon sein. Und so ein Lebensstil muss auch finanziert werden, was täte man ohne die Geldgeber aus Russland, aus den Emiraten, aus Fernost? Das ist so banal und so deprimierend.

Leider braucht man ab und an noch ein paar Athleten, um all das zu rechtfertigen. Aber das bekommen die Herren auch noch hin.