Apnoe-Tauchen Weltrekordler Sietas schafft 213 Meter mit einem Atemzug

Das Geheimnis ist körperliche Ruhe und mentale Stärke: Kein Mensch kann ohne technische Hilfe so weit tauchen wie Tom Sietas. Sein aufgestellter Weltrekord war zunächst umstritten, wurde dann aber durch den Verband bestätigt. Die Leistung ist ohnehin beeindruckend.

Von Frieder Schilling


Das Becken ist zu kurz. Nur 24,30 Meter statt der notwendigen 25. Das haben soeben die beiden Kampfrichter aus den Niederlanden gemessen und telefonieren jetzt rund um den Globus. Es gilt, die Statuten zu klären. Darf Tom Sietas seinen angestrebten Weltrekordversuch im Streckentauchen starten, oder verhindert dies - nach monatelangem Training - ein möglicher Architektenfehler?

Er hat sich zum Ziel gesetzt, die noch gültige 186-Meter-Bestemarke zu brechen. Klingt an sich noch nicht sensationell, allerdings: Tom Sietas benutzt keine Pressluftflasche. Er nimmt nur einen einzigen Atemzug mit dorthin, wo man nicht atmen kann. Der Hamburger gehört zu den weltbesten Apnoe-Tauchern.

Wenig später ist klar: Er wird abtauchen. Doch ein möglicher Erfolg muss anschließend von mindestens sechs der elf Präsidiumsmitglieder des Internationalen Apnoe-Verbands bestätigt werden, bevor er offiziell ist. Das kann dauern, doch die zwei Stimmen der Anwesenden hat er sicher, und ein weiterer hat per Telefon ebenfalls für ihn votiert.

Mit 4:19 Minuten wird später die Tauchzeit angegeben. 213 Meter hat Sietas in der Disziplin ohne Flossen zurückgelegt - fast neun Bahnen. Damit hat er die alte Bestmarke von 186 Metern pulverisiert und Apnoe-Geschichte geschrieben. Gegen Abend kommt die Bestätigung durch den Verband - Sietas ist damit auch offiziell neuer Rekordhalter.

Apnoe kommt aus dem griechischen und bedeutet: ohne Atem. Die bekannteste der drei Disziplinen ist das No-Limit, in der es gilt, so tief wie möglich zu tauchen. Technische Hilfsmittel wie ein Schlitten, auf dem der Sportler in die dunkle Tiefe gleitet, und Luftkissen, die ihn wieder ans Licht tragen, sind erlaubt. Aktueller Weltrekord: 214 Meter, gehalten vom Österreicher Herbert Nitsch. Das statische Tauchen, Tauchen auf Zeit, vervollständigt die Vielfältigkeit des Apnoe-Tauchens. Auch in dieser Disziplin ist Sietas weltweit unangefochten. Er blieb vor wenigen Wochen als erster Mensch länger als zehn Minuten unter Wasser – vollkommen regungslos. Sein Weltrekord liegt bei 10:12 Minuten.

Sietas hat seinen neuen Versuch bewusst in den Vormittag gelegt. Denn "es ist anstrengender, darauf zu achten, was du den ganzen Tag machst, als wenn du nur aufstehst, deine Zähne putzt und ins Wasser gehst", sagt der 31-Jährige. Er hat nichts gegessen, nur Wasser getrunken. Genau wie Bewegung kostet die Verdauung den Körper Energie, die ihm später wertvolle Meter bringen kann. Er hat den Aufzug zum Pool genommen, nicht die Treppen.

15 Minuten vor dem Tauchgang startet er seine direkte Vorbereitung. Sietas verdrängt die hartnäckigsten Luftblasen aus seinem Neoprenanzug, legt sich einen Gewichtgurt um die Hüfte und einen um den Hals, insgesamt rund zehn Kilo. Ziel ist es, möglichst perfekt im Wasser zu liegen. "Du musst so starten, dass du am Anfang noch ein bisschen Auftrieb hast und am Ende nicht zu viel Abtrieb", erklärt er. "Denn du verbrauchst ja auch Luft, das heißt, deine Lunge wird während des Tauchgangs kleiner, was den Abtrieb verstärkt."

Zehn Minuten vor dem Tauchgang beginnt Sietas schneller zu atmen, hyperventiliert, will so den Kohlendioxidgehaltgehalt im Blut senken, der für den Atemreiz verantwortlich ist. Mittels einer Technik, dem sogenannten "Packing", ist er jetzt in der Lage, bis zu drei Liter Luft zusätzlich in seine Lunge zu pressen, und kann so insgesamt fast zehn Liter mit unter Wasser nehmen. Das durchschnittliche Lungenvolumen eines Menschen liegt bei 3,5 Litern.

Er atmet ein letztes Mal tief ein, der Puls ist runter auf 45, er taucht unter. Kerzengerade gleitet er durchs Becken, die Arme nach vorne ausgestreckt, der Puls steigt auf 120. Drei Armzüge pro Bahn, dazwischen Beinschläge. Er denkt an nichts, versucht es zumindest, denn jeder Gedanke verbraucht Sauerstoff. "Auch das kann man lernen", sagt Sietas. "Ich visualisiere beispielsweise meine Muskeln, sage mir immer wieder: Entspanne Dich."

Nach ungefähr 75 Metern meldet sich der Atemreiz. Sietas hat gelernt, ihn einfach zu ignorieren. "Da muss man sich drauf konzentrieren, dass man seine Bewegungen noch flüssig ausführt, entspannt bleibt im Oberkörper", sagt der Lehramtsstudent für Englisch und Metalltechnik.

Sein Puls ist inzwischen auf 70 Schläge pro Minute gesunken. "Weil man eigentlich dazu neigt, alle Muskeln anzuspannen und gegen den Schmerz anzuarbeiten, aber das darf absolut nicht sein." Hinzu kommt die mittlerweile mangelnde Sauerstoffversorgung der Muskeln, der Körper konzentriert sich auf die lebensnotwendigen Organe. "Du kannst deine Beine kaum noch bewegen", sagt Sietas später - und gleitet doch weiter ganz ruhig durchs Wasser. "Da ist auf jeden Fall mentale Stärke gefordert."

Als er den Kopf über die Wassergrenze hebt, liegt sein Sauerstoffgehalt bei circa 50 Prozent, fällt aber noch zehn Sekunden lang bis auf 40 Prozent, da der Körper diese Zeit braucht, den so dringend benötigten Sauerstoff aus der Lunge an die richtigen Stellen zu transportieren. Deswegen verlangen die Regeln, dass er per Handzeichen und einem "I am okay" ein klares Bewusstsein nachweist. Wäre er dazu nicht in der Lage, gilt der Versuch als gescheitert. Doch er hebt die Hand und spricht die drei Worte.

"Ich bin sehr glücklich", sagt Sietas und hängt schon wieder entspannt auf dem Beckenrand. "Ich wollte nicht nur einen oder zwei Meter mehr tauchen als der alte Weltrekord. Ich wollte zeigen, was ich kann."



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l.augenstein 12.11.2007
1.
Zitat von sysopDer Österreicher Herbert Nitsch ist der beste Freitaucher der Welt. Mit nur einmal Luftholen dringt er in über 200 Meter Tiefe vor. Für seinen lebensgefährlichen Sport muss er nicht nur fit sein, er darf vor allem keine Angst haben. Können Sie die Leidenschaft Nitschs verstehen oder schütteln Sie den Kopf?
Sich in extreme Ausnahmesituationen zu begeben hat immer etwas faszinierendes, reizvolles. Ich kann dieses Vordringen in äußerste Grenzbereiche voll und ganz verstehen, obwohl ich gerade Nitschs "Sport" schon als den absoluten Wahnsinn empfinde!
Umberto, 12.11.2007
2.
Zitat von l.augensteinSich in extreme Ausnahmesituationen zu begeben hat immer etwas faszinierendes, reizvolles. Ich kann dieses Vordringen in äußerste Grenzbereiche voll und ganz verstehen, obwohl ich gerade Nitschs "Sport" schon als den absoluten Wahnsinn empfinde!
Hier sind wir mal nicht einer Meinung. Diese Art zu tauchen kann man "sich antrainieren". Und so dunkel ist's in 200 Meter Tiefe ja noch nicht. Da braucht's auch keine Angst, wenn man genau weiß, was man da tut.
LouisWu 12.11.2007
3.
Zitat von UmbertoHier sind wir mal nicht einer Meinung. Diese Art zu tauchen kann man "sich antrainieren". Und so dunkel ist's in 200 Meter Tiefe ja noch nicht. Da braucht's auch keine Angst, wenn man genau weiß, was man da tut.
Naja, bei allem Training: Wenn der in 200m Tiefe angekommen ist und plötzlich einen Hustenanfall bekommt, ist's wohl vorbei. Trotzdem habe ich keine Einwände, jeder sollte so gefährlich leben können, wie er will.
Umberto, 12.11.2007
4.
Zitat von LouisWuNaja, bei allem Training: Wenn der in 200m Tiefe angekommen ist und plötzlich einen Hustenanfall bekommt, ist's wohl vorbei. Trotzdem habe ich keine Einwände, jeder sollte so gefährlich leben können, wie er will.
Warum sollte der, ausgerechnet dann, einen Hustenanfall bekommen?
LouisWu 12.11.2007
5.
Zitat von UmbertoWarum sollte der, ausgerechnet dann, einen Hustenanfall bekommen?
Murphy's Gesetz. Wobei die Aufzählung in Wiki bei weitem nicht vollständig ist. Z.B. fehlt: Hustenanfälle kommen immer dann, wenn man sie am wenigsten brauchen kann (also wenn man etwa Durchfall hat, oder gerade in 200m Tiefe schwimmt ;-)).
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