TV-Interview mit Oprah Winfrey Armstrong gesteht Doping bei allen Tour-de-France-Siegen

Blutdoping, Epo, Testosteron: Ex-US-Radstar Lance Armstrong gesteht im Fernsehen die Einnahme von Dopingmitteln - bei all seinen sieben Tour-de-France-Siegen. Das letzte Mal habe er im Jahr 2005 zu verbotenen Substanzen gegriffen. Er sagt jetzt: "Ich bezahle den Preis dafür, und das ist okay."
TV-Interview mit Oprah Winfrey: Armstrong gesteht Doping bei allen Tour-de-France-Siegen

TV-Interview mit Oprah Winfrey: Armstrong gesteht Doping bei allen Tour-de-France-Siegen

Foto: REUTERS/ Harpo Studios

Washington/Austin - Nun ist es offiziell: Lance Armstrong hat gedopt. Im Interview mit der amerikanischen Talk-Queen Oprah Winfrey gestand der siebenfache Tour-de-France-Sieger, er habe illegale leistungssteigernde Substanzen genommen, darunter Epo, Testosteron, Kortison und Bluttransfusionen.

"Es war meine Entscheidung", sagte Armstrong, der Doping jahrelang dementiert hatte. "Es waren meine Fehler, und ich sitze hier heute, um zu sagen, dass es mir leid tut." Er habe zu Beginn seiner Karriere in den neunziger Jahren mit Doping begonnen, sagte der 41-Jährige. Er habe später während seiner sieben siegreichen Tour-de-France-Rennen unter dem Einfluss der Mittel gestanden. "Ich betrachte das als eine große Lüge, die ich sehr häufig wiederholt habe." Zuletzt habe er 2005 gedopt, in seinen Comeback-Jahren 2009 und 2010 habe er nicht zu verbotenen Mittel gegriffen.

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"Ich weiß nicht, ob ich darauf eine gute Antwort habe"

Armstrong waren zuvor bereits in einem Enthüllungsbericht der US-Antidoping-Agentur Usada massive Dopingvergehen nachgewiesen worden. Der Radsport-Weltverband UCI reagierte nach einer Überprüfung der Unterlagen mit der Aberkennung von Armstrongs Tour-Siegen sowie einer lebenslangen Sperre für den Texaner. Usada-Chef Travis Tygart sprach vom "ausgeklügeltsten, professionellsten und erfolgreichsten Dopingprogramm, das die Welt jemals gesehen hat."

Warum er sich erst so spät offenbare, konnte er im Gespräch mit Winfrey nicht beantworten: "Ich weiß nicht, ob ich darauf eine gute Antwort habe." Fest stehe: "Dies ist zu spät, es ist wahrscheinlich zu spät für die meisten Leute, und das ist mein Fehler."

Das nunmehr verbriefte Geständnis war seit Tagen erwartet und von mehreren US-Medien schon in groben Zügen vorab kolportiert worden. Das Interview war am Montag in Texas aufgezeichnet worden, wurde aber erst in der Nacht zum Freitag ausgestrahlt. Winfrey rührt seit Dienstag die Werbetrommel und berichtete, das Interview habe statt der vereinbarten eineinhalb Stunden fast doppelt so lange gedauert. Deshalb wird es nun auch an zwei Abenden gesendet. Die zweite Etappe soll in der Nacht zum Samstag folgen.

Armstrong beschuldigte auch seine Teamkameraden indirekt, ohne zunächst jedoch Namen zu nennen. Das Doping-System sei sehr gut organisiert gewesen: "Es war auf jeden Fall professionell, es war auf jeden Fall schlau, wenn man das so sagen kann." Man sei dabei jedoch auch "sehr konservativ" und "sehr risikoscheu" gewesen. Er habe aber nie jemanden unter direkt Druck gesetzt, zu dopen, "absolut nicht", beteuerte er. "Wir waren alle erwachsene Männer, wir haben alle unsere eigenen Entscheidungen getroffen." Der frühere Radstar geht davon aus, dass es ohne Doping gar nicht möglich gewesen wäre, die Tour sieben Mal zu gewinnen. Allerdings wollte er nicht behaupten, dass zu der damaligen Zeit alle Fahrer gedopt gewesen seien. "Ich kannte ja nicht jeden, kann das also nicht so sagen", meinte er.

"Ich bezahle den Preis dafür, und das ist okay"

Seinen früheren Arzt Michele Ferrari, der nichts von Doping gewusst haben will, nahm Armstrong in Schutz. "Es gibt Leute in dieser Geschichte, die sind gute Leute", sagte er. Ferrari sei ein "guter Mann, ein schlauer Mann" gewesen. Auf die Frage, ob Ferrari der Hintermann des Doping-Programms gewesen sei, sagte Armstrong: "Nein." Hinter dem Doping hätten "Arroganz" und das "gnadenlose Verlangen zu siegen" gestanden: "Ich bin fehlerhaft, zutiefst fehlerhaft", fügte er hinzu. "Ich bezahle den Preis dafür, und das ist okay. Ich verdiene das."

Im Nachhinein finde er seine öffentlichen Dementis "peinlich" und "lächerlich". Doping sei ein normaler Bestandteil der Rennen gewesen, "es war einfach, es floss", sagte Armstrong. "Wir pumpten unsere Reifen auf, füllten Wasser in unsere Flaschen, und das passierte dann auch." Glück hätten ihm die erdopten Siege nicht gebracht: "Es gab mehr Glück im Vorgang, im Vorfeld, bei den Vorbereitungen." Die Siege seien dann nur noch automatisch gewesen, "phoned in", ohne jeden Aufwand.

Er habe Doping damals weder als falsch betrachtet noch sich dafür geschämt. Er habe es nicht mal als Täuschung empfunden: "Zu der Zeit? Nein." Er habe "Täuschung" sogar extra im Wörterbuch nachgeschlagen. "Dies war Chancengleichheit", sagte Armstrong über seine Rennen. Erst jetzt beginne er das Ausmaß des Betrugs zu verstehen. "Ich sehe die Wut in den Leuten und das Gefühl, betrogen worden zu sein", sagte er. "Das sind die Leute, die mich unterstützt haben, die an mich geglaubt haben, die mir geglaubt haben. Sie haben jedes Recht darauf, sich betrogen zu fühlen." Und weiter: "Ich werde den Rest meines Lebens mit dem Versuch verbringen, Vertrauen zurückzugewinnen und mich bei den Leuten zu entschuldigen", sagte Armstrong.

Der gefallene Star stritt ab, dass ein positiver Epo-Test während der Tour de Suisse im Jahr 2001 vom Radsport-Weltverband UCI verschleiert worden sei. Teamkollegen hatten zuvor ausgesagt, Armstrong habe im Gegenzug der UCI 125.000 Dollar gespendet. "Die Geschichte ist nicht wahr", sagte Armstrong: "Es gab keine positive Probe, keine Bestechung des Labors, kein geheimes Meeting mit dem UCI-Chef", sagte er. "Manche Dinge waren vielleicht dubios, aber das hier nicht."

Die Beichte hat enorme Konsequenzen für Armstrong. Zwar wird er um eine Haftstrafe herumkommen, doch drohen ihm Schadensersatzklagen in Millionenhöhe. Mit dem Auftritt als Kronzeuge, verbunden mit dem Doping-Geständnis, möchte er sich nun offenbar mildernde Umstände sichern. Auch das US-Justizministerium gab inzwischen bekannt, sich der Klage des Ex-Radprofis Floyd Landis gegen Lance Armstrong und etliche Geschäftspartner anzuschließen.

Armstrong, Weisel und der frühere Teamchef Johan Bruyneel werden des Betrugs bezichtigt, da sie Sponsorengelder der US-Postbehörde für Dopingzwecke missbraucht hätten. Im Vertrag mit dem Rennstall US Postal, für den Armstrong von 1998 bis 2004 fuhr und sechs seiner sieben Tour-de-France-Titel errang, war der Verzicht auf Dopingmittel festgehalten. Noch vor dem Interview hatte das Internationale Olympische Komitees (IOC) am Donnerstag bestätigt, dass Armstrong auch seine Olympia-Bronzemedaille von Sydney 2000 zurückgeben muss. Armstrong hatte bei den Spielen in Sydney im Einzelzeitfahren hinter dem Russen Wjatscheslaw Jekimow und Jan Ullrich den dritten Platz belegt.

pit/sef/dpa/sid/AP/Reuters
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