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24. September 2008, 22:33 Uhr

Armstrong-Comeback

Global Player auf dem Sprung zur nächsten Tour

Aus New York berichtet Sebastian Moll

Der siebenfache Tour-de France-Sieger Lance Armstrong sieht sich schon lange nicht mehr nur als Sportler. Er fühlt sich als ein Großer der Welt. Deshalb platzierte er seine Comeback-Ankündigung auch mitten in eine Zusammenkunft der Bill Clinton-Stiftung - und versuchte sich in neuer Bescheidenheit.

Eine Pressekonferenz am Rande eines Radrennens oder in irgendeinem Hotel wäre nicht angemessen gewesen für ihn. Denn bloß als Radsportler sieht sich Lance Armstrong schon lange nicht mehr. Er will ein Big Player sein. Seine Comeback-Ankündigung ist schließlich nicht einfach nur irgendeine Comeback-Ankündigung - sie ist ein Weltereignis. Deshalb platzierte er sie auch mitten in eine Zusammenkunft der anderen Großen und Mächtigen dieser Welt, mit denen er sich offenbar auf Augenhöhe sieht.

Weltmann Lance Armstrong: Auf der großen Bühne zu Hause
AP

Weltmann Lance Armstrong: Auf der großen Bühne zu Hause

Ex-US Präsident Bill Clinton hatte am Mittwoch in Midtown-Manhattan zur Weltkonferenz seiner Stiftung geladen – auf der Gästeliste standen Staatoberhäupter und prominente Vertreter der wichtigsten Weltorganisationen. Wer an diesem Tag bei der Uno-Vollversammlung, einen guten Kilometer entfernt am East River, keine dringenden Termine hatte, der kam ins Sheraton, um mit Clinton über die drängenden Probleme der Welt und deren Lösung zu reden – Klimaerwärmung, Finanzkrise, Welthunger, Aids. Al Gore war da und Bono, die Königin von Jordanien und der Präsident von Mexiko, der Präsident der Weltbank, der New Yorker Bürgermeister Bloomberg. Am Abend reiste auch noch Barack Obama an.

Schon morgens um sieben Uhr war die 52nd Street gesperrt, es wimmelte nur so vor Sicherheitsbeamten mit dunklen Brillen und Funkknöpfen im Ohr. Der Rahmen sollte jedoch nicht nur Armstrongs Selbstverständnis als "World Leader" spiegeln, als der er sogar auf der Konferenzliste geführt wurde. Das Setting sollte sein Comeback auch über die reine Befriedigung eines unstillbaren Ehrgeizes hinausheben. Eine halbe Stunde lang ließ Armstrong sich vor dem Plenum im großen Konferenzsaal des Sheraton von Bill Clinton und Bürgermeister Bloomberg als globaler Krebs-Bekämpfer feiern, bevor er dann - letztlich doch noch in einen Nebenraum bugsiert - offiziell seine Rückkehr in den Radsport bekannt gab. "Es geht in aller erster Linie darum, die Krebs-Bekämpfung in der ganzen Welt voran zu bringen", wiederholte er dabei immer wieder. So, als müsse er sich selbst davon überzeugen.

Natürlich geriet er dann trotz all dieses wichtigen Zieles doch rasch ins Plaudern über den Radsport. Selbstverständlich werde er beim Team Astana fahren, bestätigte er gleich zu Beginn seines Auftritts die Gerüchte, die seit Tagen kursieren. Nie und nimmer könne er sich vorstellen, ohne oder gar gegen Johan Bruyneel zu fahren, den jetzigen Astana-Direktor, mit dem zusammen er sieben Mal die Tour gewann.

Ebenfalls bereitwillig beantwortete er gleich darauf die Frage, die sich aus dieser Konstellation als nächstes ergibt und über die ebenfalls in den letzten Tagen heftig spekuliert wurde: Die Kapitänsfrage bei Astana. "Alberto Contador ist derzeit der beste Radfahrer der Welt", lobte Armstrong den jungen Spanier, der gerade erst alle drei großen Landes-Rundfahrten in Serie gewann und der gestern ankündigte, er wolle sich nach einem neuen Arbeitgeber umschauen, falls Armstrong ihm seine Stellung bei Astana streitig macht. "Ich habe keine Ahnung, ob ich noch so schnell fahren kann und ich glaube, dass für uns beide Platz bei Astana ist. Ich hoffe, Alberto bleibt."

Lance Armstrong als Helfer also? Diese Möglichkeit wollte er zumindest offen halten. Und sie würde ja auch gut zu der Legende passen, dass es Armstrong wirklich nur darum geht, seine Krebs-Botschaft per Fahrrad in die ganze Welt zu tragen. Dazu passt auch, dass er angeblich sein Rennprogramm streng danach aussucht, in welchen Ländern die Krebsbekämpfung seiner Unterstützung bedarf. Fest stehe deshalb bislang neben der Tour de France als größtem Medienmagnet nur die Tour Down Under in Australien.

Bei anderen Rennstandorten erforschen die Mitarbeiter seiner Krebs-Stiftung derzeit noch den Bedarf an Armstrongs Entwicklungshilfe. Dennoch es fällt schwer, Armstrongs neue Bescheidenheit als etwas anderes zu sehen, denn als Vorsicht und, was Contador anbetrifft, als Diplomatie. Armstrong will im Falle eines Scheiterns den Mund nicht zu voll genommen haben. Er sei zuversichtlich, was seine Form angeht, aber die Zuversicht sei noch nicht groß genug, um zu sagen, er werde die Tour gewinnen, wiegelte er die Erwartungen ab. Und sein strenges Selbstüberwachungssystem, für dass er mit Don Catlin einen der profiliertesten amerikanischen Doping-Bekämpfer präsentierte, habe er "nur für den Fall" installiert, dass er noch dazu in der Lage ist, Rennen zu gewinnen.

Nur für diesen Fall lässt Armstrong sein neues Astana Team auch die Tests bezahlen, die Catlin, Gründer des amerikanischen Anti-Dopinglabors in Los Angeles und Leiter der Dopingforschungs-Firma "Anti-Doping Research" an Armstrong durchführen wird. Er sei dann mit Hilfe von Catlins revolutionärem Programm "der erste Athlet, dessen Leistung zu 100 Prozent validiert werden kann."

Armstrong übt sich in neuer Bescheidenheit: Er nehme es nicht schwer, wenn ihn die Tour-Organisation nicht einladen würde. "Es ist ihre Veranstaltung, wir werden uns nicht aufdrängen", sagt er. Nicht jedoch ohne rasch anzufügen, dass er jedem, der seine sieben Tour-Siege anzweifelt, unabhängige Gutachten sowie die Ergebnisse der staatsanwaltschaftlichen Untersuchung in Frankreich aus dem Jahr 2000 zeigen könne.

Da spricht dann doch der alte, trotzige und kämpferische Armstrong. Den im Zaum zu halten, fällt dem gereiften und distanzierten Global Leader offenkundig noch immer schwer. Letzterer alleine würde schließlich gewiss keine Radrennen mehr fahren müssen.

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