Armstrong-Coup Der Tourminator schlägt zurück

Auf der Königsetappe in den Pyrenäen hat der angeschlagene Titelverteidiger Lance Armstrong seine Ansprüche auf einen weiteren Tour-Sieg nachdrücklich geltend gemacht. Der Träger des Gelben Trikots hängte Jan Ullrich sowie alle weiteren Konkurrenten ab und baute seinen Vorsprung in der Gesamtwertung aus.

Von Till Schwertfeger, Luz-Ardiden


Lance Armstrong: "Dies ist eine Tour mit zu vielen Problemen für mich"
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Lance Armstrong: "Dies ist eine Tour mit zu vielen Problemen für mich"

Luz-Ardiden - Ein angeschlagener Gegner ist am gefährlichsten. Diese Erfahrung aus dem Boxring musste Jan Ullrich auf dem 13,4 Kilometer langen Schlussanstieg nach Luz-Ardiden am eigenen Leib verspüren. Bei seiner ersten Attacke touchierte Lance Armstrong die Tasche eines Zuschauers und stürzte, der folgende Iban Mayo fiel auf den US-Postal-Kapitän, während Ullrich gerade noch ausweichen konnte.

Der Amerikaner ("Ein bisschen hatte ich wohl auch selbst Schuld, weil ich zu nah an den Zuschauern fuhr") lag am Boden, aber ging nicht K.o. - im Gegenteil. "Ich verspürte in diesem Moment einen Schmerz am Hals und dachte nur: Lance, wenn du die Tour auch in diesem Jahr gewinnen willst, attackiere heute", berichtete der Gewinner der vergangenen vier Frankreich-Rundfahrten.

Ullrich und die weiteren Verfolger des französischen Ausreißers Sylvain Chavanel (Brioches) warteten aus Fairnessgründen auf den gestürzten Träger des Gelben Trikots. Armstrong kämpfte sich in Höchstgeschwindigkeit wieder heran, ehe ihm das nächste Malheur passierte. Er rutschte aus den Pedalen und machte sich schmerzhaft auf der Fahrradstange lang. "Nach dem Sturz war irgendetwas mit meinen Rad nicht okay", erklärte er diesen Fauxpas.

Als dann Euskaltel-Kapitän Mayo einen Angriff lancierte, war Armstrong nicht mehr zu halten. Unwiderstehlich raste er mit Furcht erregendem Blick allen davon - auch Ullrich konnte nicht mithalten. Mit einem Klaps auf den Rücken ließ der US-Amerikaner bald auch Chavanel stehen und gewann in Luz-Ardiden seine erste Einzeletappe auf der Tour 2003.

Dramatik am letzten Berg: Lance Armstrong (links am Boden) und Iban Mayo stürzen nach einer Kollision mit einem Zuschauer, Jan Ullrich kann gerade noch ausweichen
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Dramatik am letzten Berg: Lance Armstrong (links am Boden) und Iban Mayo stürzen nach einer Kollision mit einem Zuschauer, Jan Ullrich kann gerade noch ausweichen

Den kalten Nebel im Ziel erreichte Armstrong mit 40 Sekunden vor Mayo und Ullrich und baute durch die Zeitgutschrift für den Sieger seinen Vorsprung in der Gesamtwertung auf 1:07 Minuten vor Ullrich und auf 2:45 Minuten vor Telekom-Kapitän Alexander Winokurow aus. "Das war der Lance Armstrong, den wir kennen", war US-Postal-Teamchef Johan Bruyneel nach den Rückschlägen der vergangenen Tage erleichtert.

Rund anderthalb Stunden zuvor hatte es so ausgesehen, als sei der Top-Favorit endgültig geschlagen. "Ullrich zieht davon. Armstrong kann nicht folgen" lautete die Pressemitteilung der Tour-Organisation beim Anstieg auf den 2114 Meter hohen Tourmalet, die das provisorische Medienzentrum auf dem Gipfel erbeben ließ. Zehn Sekunden lag Armstrong hinter dem Bianchi-Kapitän. "Ich ließ ihn gehen, weil die Attacke taktisch viel zu früh kam", sagte Armstrong, der bald darauf wieder den Anschluss fand. "Ich wollte es mal versuchen", so Ullrich, der sich trotz des angewachsenen Rückstands noch nicht geschlagen gibt.

"Lance hatte die besseren Beine als ich. Doch die Tour ist noch nicht vorbei", kommentierte der Gewinner von 1997 erschöpft, aber gelassen. "Er hat sich alles für diese Etappe aufgehoben. Er wollte alles klarmachen. Doch das ist ihm nicht gelungen, finde ich", fügte Ullrich hinzu. Immerhin gelang es dem Deutschen, der in der Verfolgergruppe allein das Tempo machen musste, Armstrongs Vorsprung, der zwischenzeitlich auf über eine Minute angewachsen war, bis ins Ziel noch deutlich zu reduzieren.

Jan Ullrich: "Doch die Tour ist noch nicht vorbei"
DPA

Jan Ullrich: "Doch die Tour ist noch nicht vorbei"

Das ärgerte US-Postal-Teamchef Bruyneel. "Mehr Vorsprung wäre besser gewesen. So ist die Tour noch nicht entschieden", sagte der Belgier. Nach der überragenden Leistung Ullrichs im ersten Zeitfahren, in dem er 1:36 Minuten auf Armstrong aufholte, wird es voraussichtlich im "contre-la-montre" am kommenden Samstag nach Nantes zum großen Showdown Ullrich versus Armstrong kommen.

Obwohl der Abonnements-Champion seine Siegansprüche auf der Königsetappe in den Pyrenäen eindrucksvoll in Erinnerung rief, wollte er für das Finale der spannendsten Frankreich-Rundfahrt seit 1989 keine Prognose wagen. "Dies ist eine Tour mit zu vielen Problemen für mich", sagte Armstrong nachdenklich, "es sind so viele merkwürdige Dinge passiert. Ich hoffe nur, dass das endlich aufhört."



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