Armstrong-Fans Die Jünger des Gelben Herrn

Anhänger von Lance Armstrong sind mehr als nur Fans eines großen Sportlers. Wer den Radprofi aus Amerika unterstützt, der glaubt auch an die Stärke dieses Landes.

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Fans von Armstrong: Wer kommt nach ihm?
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Fans von Armstrong: Wer kommt nach ihm?

Sie tragen Sonnenbrillen, graue T-Shirts und sind sehr laut. So ist das wohl immer, wenn eine große Gruppe Amerikaner im Sommer in einem Vier-Sterne-Restaurant in Frankreich sitzt und sich unterhält.

Diese Amerikaner, alle zwischen Anfang dreißig und Ende fünfzig, sitzen in Lourdes, und sie sprechen über den letzten Auftritt ihres Helden. Wie er in den Alpen und den Pyrenäen so locker und leicht gewirkt und nie einen Zweifel daran gelassen habe, wer der Boss sei. Manchmal schüttelt einer von ihnen sein linkes Handgelenk, damit das gelbe Gummi-Band in Position rutscht. Sie alle tragen diese Bänder, ihr Held hat es populär gemacht. Das Band steht für die Livestrong-Organisation von Lance Armstrong, die Krebskranken helfen soll.

"Er wird eine große Lücke hinterlassen", sagt Jerome, ein drahtiger Mann in den Dreißigern. Er kommt wie Armstrong aus Texas, und auf der Plastikkarte, die vor seiner Brust baumelt, steht Trek. Das ist die Fahrradfirma, deren Produkte der siebenmalige Toursieger immer gefahren ist. Jerome arbeitet für Trek, und er arbeitet so irgendwie auch für Armstrong. "Wir organisieren Fahrten zur Tour de France", sagt er.

Die Reisegruppe fährt ein bisschen Rad und ansonsten steht sie am Straßenrand und feuert ihr Idol an. Sie sind die Jünger des Gelben Herrn. Deshalb passt es auch ganz gut, dass sie jetzt gerade in Lourdes sind, einer Stadt, in der Heilige eine gewisse Tradition haben. Hier wird die Madonna von Capulet verehrt, von der man sagt, sie könne Kranke heilen.

Vergleichbar mit der Mondlandung

"Er hat den Sport in den Staaten populär gemacht", sagt Jerome. Wenn man so will, krankte auch der Radsport in den USA - an Bedeutungslosigkeit. Und das, obwohl doch ein Greg LeMond dreimal (1986, 1989, 1990) triumphiert hatte. Dann kam Armstrong, und Radeln war auf einmal in. "Wir waren schon zu 75 Prozent ausgebucht, als noch nicht feststand, ob Lance überhaupt dieses Jahr fahren würde", erklärt Jerome. Armstrong trat an und gewann. Und seine sieben Siege suchen nun ihresgleichen in der Tourgeschichte. Sie sind wohl nur vergleichbar mit der Mondlandung oder Michael Jordan.

Deshalb sei es, bei aller Traurigkeit, auch gut, jetzt zu gehen. Der Basketballer Jordan habe schließlich nach seinem zweiten Comeback den richtigen Zeitpunkt für den Absprung verpasst. "Es ist der Michael-Jordan-Effekt", sagt Jerome, "den es bei Armstrong nicht geben wird." Und was kommt nach Armstrong? Jerome überlegt kurz. "Jemand wird kommen, der die Lücke füllen wird." Wer, lässt er offen. So klingt es wie ein Orakel. Und vielleicht nach einem neuen amerikanischen Wunder.



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