Armstrongs Abschied "Verlieren ist wie sterben"

Sieben Jahre, sieben Siege: Lance Armstrong hat die Tour de France dominiert wie niemand zuvor. Sein Abschied geriet zum emotionalen Akt, der ehemalige Eintages-Spezialist tritt als einer der besten Rundfahrer aller Zeiten ab - auch wenn ein Makel wohl immer bleiben wird.

Von , Paris


Armstrong auf den Champs-Elysées: "Ich bin Amerikaner und komme aus Texas"
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Armstrong auf den Champs-Elysées: "Ich bin Amerikaner und komme aus Texas"

Als Lance Armstrong nach seinem Triumph vor die Presse tritt, muss er sich erstmal vorstellen. "Ich bin Amerikaner und komme aus Texas, das ist alles", sagt er. Es ist der 29. August 1993, Armstrong hat gerade die gesamte Radsportwelt überrascht und in Oslo den Titel bei der Straßen-Weltmeisterschaft der Profis gewonnen. Er besiegt den Tour-Dominator Miguel Indurain und auch den deutschen Supersprinter Olaf Ludwig. Nach diesem Rennen kennt den Nobody jeder. Armstrong ist 21 Jahre alt.

Zwölf Jahre später steht er auf einem Podest auf den Champs-Elyseés in Paris, in der rechten Hand hält er einen Pokal, in der linken einen Plüschlöwen. Die Sonne scheint über der französischen Hauptstadt, die Zuschauer hinter den Absperrgittern applaudieren, und die amerikanische Flagge weht ganz oben einsam an einem Mast. Armstrong trägt ein gelbes Trikot, das in der Sonne noch ein bisschen gelber leuchtet. Er hat gerade zum siebten Mal in Folge die Tour de France gewonnen. Und aus dem Profiweltmeister von 1993 ist der beste Radsportler aller Zeiten geworden.

Ein Abschied nach Wunsch

"Ich möchte mich bei meinem Team bedanken und bei meiner Familie", sagt Armstrong auf dem Podium. Er spricht Englisch, aber er entschuldigt sich dafür. Es sei eine schöne Zeit gewesen und die Tour ein Monument. Neben Armstrong stehen seine Rivalen Ivan Basso und Jan Ullrich, Zweiter und Dritter im Gesamtklassement. Ihre Plätze sind ein bisschen abgesenkt, so dass sie zu ihm aufsehen müssen. Armstrong schaut erst zu Basso, dann zu Ullrich, und dann erklärt er die beiden zu seinen potentiellen Nachfolgern. "Im nächsten Jahr könntet ihr hier beide stehen", sagt er.

Armstrong selbst wird dann nicht mehr dabei sein. Der 33-Jährige ist seine letzte Tour gefahren, er hat sie wieder etwas weniger dominiert, trotzdem hatte man nie den Eindruck, dass er verlieren könnte. Er hat nicht mehr angegriffen in den Bergen, aber immer reagiert. Und beim schwierigen Einzelzeitfahren in St. Etienne war niemand schneller als er. "Natürlich habe ich weniger attackiert als in den vergangenen Jahren", sagt er. "Aber um was geht es denn? Ich wollte nur den Gesamtsieg. Und den habe ich." Es ist der Abschied, den er sich gewünscht hat.

Über die Gründe für Armstrongs Rücktritt ist viel spekuliert worden. Er wolle mehr Zeit mit seinen drei Kindern verbringen, erklärte er auf einer Pressekonferenz im April. "Sie sind meine größten Fans, und gleichzeitig haben sie mir gesagt, dass es Zeit ist, nach Hause zu kommen." Doch nach dem Einzelzeitfahren am Samstag ließ der Dominator durchblicken, warum er sich wirklich verabschiedet. "Im kommenden Jahr würde ich fünf Minuten Rückstand haben, da bin ich mir ziemlich sicher." Er könnte verlieren - und der Perfektionist Armstrong hasst Niederlagen. "Wenn ich krank bin, will ich nicht sterben. Wenn ich Rennen fahre, will ich nicht verlieren. Sterben und verlieren ist das gleiche", sagte er vor der Tour.

So aber tritt er ab als Rekordsieger der größten Rundfahrt der Welt, und er geht ungeschlagen. Indurain, der Spanier, der fünfmal in Folge gewann, verpasste den richtigen Zeitpunkt und auch Bernard Hinault oder Eddy Merckx wurden am Ende ihrer Karriere von Jüngeren in ihre Schranken verwiesen.

Armstrong gewinnt immer

Armstrong zeigte in sieben Jahren nur eine Schwäche. 2003 war das, als er im ersten Zeitfahren eine vernichtende Niederlage gegen Jan Ullrich einstecken muss und auf der Bergetappe nach Morzine von Richard Virenque abgehängt wird. Vor dem zweiten Zeitfahren, dem entscheidenden um den Gesamtsieg, wünscht er sich Regen. Der Regen kommt, Ullrich stürzt, Armstrong gewinnt seine fünfte Tour de France. Am Ende hat er immer gewonnen. Auch den Kampf um sein Leben.

1996, im Herbst, wird bei ihm Hodenkrebs diagnostiziert. Die Ärzte beziffern die Überlebenschancen auf unter 50 Prozent, heißt es. Nach einem Jahr fährt Armstrong wieder Rennen, zwei Jahre später wird er Vierter bei der Spanien-Rundfahrt. Während der Pressekonferenz, auf der er sein Comeback ankündigt, wirkt der damals 25-Jährige fahl, er ist gezeichnet von der Chemotherapie. Aber seine Augen schauen damals schon wie heute. Entschlossen sagen die einen, kalt die anderen.

Abschied nehmen in Paris: Eine Woche Urlaub machen
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Abschied nehmen in Paris: Eine Woche Urlaub machen

Als er nach der Krankheit zurückkehrt, ist er besser als zuvor. Viel besser. 1999 gewinnt er die Tour zum ersten Mal, es ist das Jahr nach dem Dopingskandal um Festina, die Radsportwelt ist sehr sensibilisiert für das Thema und die ersten Fragen werden gestellt. Wie kann ein Mann, der früher Spezialist für Eintagesklassiker war, nach einer schweren Erkrankung plötzlich die anspruchsvollste Rundfahrt der Welt gewinnen? Zumal bei einer Urinprobe Spuren eines Kortikoids gefunden worden waren. Doch der Weltverband UCI lässt mitteilen, der Amerikaner habe einen Hautausschlag mit einer Salbe behandelt und dies auch rechtzeitig mitgeteilt.

Kein Triathlon, vielleicht einen Marathon

Seither verfolgt ihn der Vorwurf, seine Dominanz nicht nur der enormen Willenskraft und gewissen körperlichen Veranlagungen zu verdanken. Hoch nach L'Alpe d'Huez fährt er 2001 in 39 Minuten, sein Landsmann und der ehemalige Toursieger Greg LeMond brauchte dafür 15 Jahre zuvor 49 Minuten. Im selben Jahr erscheint ein Buch mit dem Titel "L.A. Confidentiel", in dem die ehemalige US-Postal-Masseurin Emma O'Reilly erklärt, gebrauchte Spritzen beseitigt zu haben. Zuletzt gab der frühere Assistent Armstrongs, Mike Andersen, eine eidesstattliche Erklärung ab, wonach er 2004 im Haus des Champions eine Flasche eines anabolen Steroids entdeckt habe. Armstrong selbst ist gegen alle Anschuldigungen gerichtlich vorgegangen - und nachgewiesen wurde ihm nie etwas.

Der Mann aus Austin, Texas, erklärt indes alles mit der Kraft, die er aus dem Sieg über die Krankheit gezogen habe. Er hat die Lance-Armstrong-Stiftung gegründet, mit der er sich im Kampf gegen den Krebs engagiert. Und jedes Jahr richtet er in seiner Heimatstadt das Radfestival "Ride for the Roses" aus, bei dem Millionen gesammelt werden für den Zweck der Stiftung. Höchstens dort wird man den Ruheständler Armstrong noch auf dem Fahrrad sehen.

Den Ironman-Triathlon auf Hawaii wird er jedenfalls nicht in Angriff nehmen, auch wenn er "kurz darüber nachgedacht" habe, schließlich hat er seine Sportkarriere als erfolgreicher Juniorentriathlet begonnen. "Ich bin ein Athlet, seit zwanzig Jahren. Irgendwas werde ich schon tun. Vielleicht mal einen Marathon rennen und sehen, wie schnell ich bin. Zweieinhalb oder drei Stunden", sagt er und lacht dabei.

Vorher gönnt sich Armstrong jedoch ein bisschen Müßiggang. Am Montag werde er in Paris aufwachen, mit den Kindern, seiner Lebensgefährtin Sheryl Crow und ein paar engen Freunden. "Wir werden eine Woche Urlaub machen in Frankreich, am Strand liegen, Wein trinken, viel essen und kein Fahrrad fahren", sagt Lance Armstrong. "Diese eine Woche wird vielleicht ein Ausblick auf das Leben, das ich in den nächsten fünfzig Jahren führen werde."

Dann überlegt er einen Moment, ob er das gerade wirklich so gesagt hat.



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