French-Open-Siegerin Barty Früher Cricket, heute Champion

Einst galt sie als Wunderkind, dann nahm sich Ashleigh Barty eine Auszeit vom Tennis und spielte Cricket. Mit 23 Jahren hat die Australierin nun ihren ersten Grand-Slam-Titel gewonnen.

Ashleigh Barty: Ungewöhnliche Karriere
YOAN VALAT/EPA-EFE/REX

Ashleigh Barty: Ungewöhnliche Karriere

Von Philipp Joubert


Als die Arme von Ashleigh Barty nach oben gingen, sie sich zu ihrem Team auf der Tribüne drehte und die Hände auf den Kopf fallen ließ, da presste sie ein einziges "Fuck" heraus. Barty hatte soeben das bislang bedeutendste Match ihres Lebens gewonnen - sie hatte bei den French Open triumphiert.

Ashleigh Barty, das zeigte sie auch am Samstagnachmittag bei ihrem 6:1, 6:3-Sieg gegen Marketa Vondrousova wieder, spielt trotz ihrer 23 Jahre schon jetzt zeitloses Tennis. Eine Slice-Rückhand, die über das Netz zischt, eine wuchtige Vorhand, mit der sie Gegnerinnen über den Platz manövriert, präzise Beinarbeit und Flugbälle am Netz, die auch den australischen Tennisriesen Rod Laver in den vergangenen Tagen in Anerkennung nicken ließen.

Gegnerin Vondrousova umarmte Barty nach der Niederlage, sie strahlte dabei. Kurze Zeit später sprach sie bei der Siegerinnenehrung aus, was viele wohl gedacht hatten: Das war eine Lehrstunde gewesen. Keine, derer sich die 19-jährige Vondrousova grämen muss. Barly war eine Nummer zu groß für sie, im Finale von Roland Garros dauerte es nur rund 70 Minuten, bis sie ihren ersten Matchball verwandelte.

Auszeit vom Tennis - mit 18 Jahren

Um dahin zu kommen, hatte es allerdings einige Umwege gebraucht. Einst galt Barty als Tenniswunderkind. Schon mit 15 Jahren spielte sie ihre ersten Grand Slams. Das allerdings nur mit mäßigem Erfolg, zwölf ihrer vierzehn Matches bei den wichtigsten Turnieren der Welt verlor sie. Der Spott über die vielen Wildcards, die Barty in jungen Jahren erhielt, war fast so groß wie die von außen formulierten Erwartungen. Also nahm sie sich eine Auszeit, mit 18 Jahren.

Barty ließ den Tennisschläger für eineinhalb Jahre ruhen. Sie habe zu früh zu viel erlebt, sagte sie später über ihre Anfangszeit als Profi. Barty brauchte Abstand vom Tennis. Also spielte sie Cricket. Von 2015 bis 2016 war sie für zwei australische Profimannschaften aktiv, Brisbane Heat und Queensland Fire. Dann kehrte sie zurück zum Tennis, vor drei Jahren war sie erstmals wieder in der Weltrangliste notiert: auf Platz 623.

Die Entwicklung, die Barty seither genommen hat, ist bemerkenswert, und sie hat wohl viel mit ihrer Mentorin Casey Dellacqua zu tun. Mit der 34-Jährigen stand Barty schon mit 17 Jahren im Doppel in drei Grand-Slam-Finals.

Kein Gespräch, keine Pressekonferenz mit Barty vergeht, in der sie nicht die Arbeit ihrer Betreuerinnen und Betreuer in den Vordergrund schiebt. Da wundert es auch nicht, dass Barty deren Bedeutung heute noch mal herausstrich: "Das ist eine erstaunliche Reise auf der wir uns in den vergangenen drei Jahren befunden haben. Aber das ist nur der Start für uns, also lasst uns heute Nacht feiern."

Barty im Spiel gegen Vondrousová: "Lasst uns heute Nacht feiern"
YOAN VALAT/EPA-EFE/REX

Barty im Spiel gegen Vondrousová: "Lasst uns heute Nacht feiern"

Die Party mit Barty könnte auch bald auf dem Platz eine Fortsetzung finden. Noch im vergangenen Jahr hatte sie gewitzelt: "Jede Woche auf dem Sand ist eine näher am Rasen." Nun kann sie, die vor dieser Ausgabe der French Open eine Bilanz von zwei Siegen und fünf Niederlagen beim zweiten Grand Slam Turnier des Jahres zu verzeichnen hatte, mit noch mehr Selbstvertrauen auf ihren Lieblingsbelag weiterziehen. Dort, in Wimbledon, wird Barty wieder zu den Favoritinnen gehören. Schon jetzt ist sie weniger als 200 Punkte von der ersten Position der Weltrangliste entfernt.

Ob ihre Finalgegnerin von Roland Garros, die talentierte Vondrousova, sich irgendwann einmal in solchen Gefilden befinden wird, bleibt abzuwarten. Doch schon jetzt lässt sich feststellen: Das Damentennis proklamiert zwar nicht so laut wie das Herrentennis, dass eine neue Generation im Anmarsch sei, doch die jüngeren Spielerinnen dominieren ihren Sport schon heute.

Die Weltranglistenerste Naomi Osaka, 21, ist zwei Jahre jünger als Barty, fünf der sieben größten Turniere in diesem Jahr wurden von Spielerinnen gewonnen, die 23 Jahre sind oder jünger. Eine Gruppe, die die kommenden Jahre im Tennis prägen könnte. Angeführt von einer Spielerin die sich erst finden musste, und dabei eine Grand-Slam-Siegerin in sich entdeckte.



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