Neuer Athletenverein Funktionärsdämmerung

45 deutsche Spitzensportler haben den Verein "Athleten Deutschland" gegründet und wollen die Interessen der Aktiven künftig eigenständig vertreten. Müssen die Funktionäre jetzt zittern?
Säbelfechter Max Hartung bei den Sommerspielen von Rio

Säbelfechter Max Hartung bei den Sommerspielen von Rio

Foto: DPA

Für Sportfunktionäre war es ein denkwürdiges Wochenende, eines, an das sie lange zurückdenken dürften. In Tirol wurde wieder einmal ein Olympiaprojekt von der Bevölkerung abgeschmettert, und von einem schmucklosen Versammlungsraum in Köln könnte eine kleine Revolution ausgehen: Hier hatten 45 deutsche Spitzensportler am Sonntag den Verein "Athleten Deutschland" gegründet - und damit einen vernehmbaren Schritt zur Emanzipation vom Funktionärssport unternommen.

Es geht um bessere Bezahlung, um bessere Trainings- und Lebensbedingungen, um die Planung der Karriere nach dem Sport, es geht um mehr Eigenständigkeit - was sich die "Athleten Deutschland" vorgenommen haben, könnte keine Gewerkschaft besser als ihre Aufgabe bezeichnen. Das Wort "Gewerkschaft" vermeidet der neue Verein zwar tunlichst, aber letztlich geht es um nichts anderes: die Interessen der Top-Athleten angemessen zu vertreten. Ver.di für Spitzensportler.

Zwar gibt es im Deutschen Olympischen Sportbund schon die sogenannte Athletenkommission, in der sich die Sportler wiederfinden sollen - das reicht ihnen aber nicht. Säbelfechter Max Hartung, der neue Vorsitzende des Vereins, müsste dies am besten beurteilen können. Schließlich leitet er als Athletensprecher seit dem Vorjahr diese Kommission. Er weiß also genau, was ihr fehlt.

Vor allem Professionalität. Hartung macht den Job als Athletensprecher ehrenamtlich parallel zu seiner sportlichen Laufbahn, und das führt ihn an Grenzen: "Der Sport wird professioneller, die Themen werden komplizierter. Um da richtig dabei sein zu können, reicht das Ehrenamt nicht mehr", sagte er am Wochenende. Daher soll eine Geschäftsstelle mit mindestens drei hauptamtlichen Mitarbeitern geschaffen werden.

"Gutes Recht der Athleten"

Auf den DOSB muss das wie eine Kampfansage klingen. Vorstandschef Michael Vesper, der am Sonntag als Beobachter vor Ort war, hat zwar generös mitgeteilt: "Es ist das gute Recht der Athleten, einen Verein zu gründen", aber der Verband schaut grundsätzlich mit Skepsis auf das, was die Athleten dort jenseits seiner Kontrolle tun. Für Vesper und DOSB-Boss Alfons Hörmann entstehen hier Parallelstrukturen. In der DOSB-Spitze hält man die bisherige Regelung mit der Athletenkommission für vollständig ausreichend, zudem fürchtet man, dass mögliche öffentliche Gelder für den neuen Verein anderswo im Spitzensport abgezogen würden.

Hartung weist das alles zurück, wenn der Verein finanzielle Förderung vom Bund erhalte, müsse es nicht darum gehen, dem Sport Geld zu entziehen, sondern noch etwas draufzusatteln. Von 400.000 Euro Förderung ist die Rede.

Bisher hat der Verein erst 45 Mitglieder, allesamt Athletenvertreter ihrer Sportarten, die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" hat denn auch schon vom "wohl exklusivsten Klub Deutschlands" geschrieben. Die Wirkungsmacht des Vereins sollte dennoch nicht unterschätzt werden. Viele Sportler fühlen sich von Verbänden gegängelt, deren Reaktionen zum Beispiel auf das flächendeckende Doping Russlands sind ihnen zu wachsweich, das neue Spitzensportkonzept des DOSB mit seiner Konzentration auf Leistungssportzentren passt vielen nicht.

Auch international rumort es

Die Strukturen werden schließlich nicht nur in Deutschland als nicht mehr zeitgemäß empfunden. Ungarns Starschwimmerin Katinka Hosszú hat vor Kurzem eine eigene Athletenorganisation in ihrer Sportart gegründet, auch als Protest gegen den Weltverband, in dem der Funktionärspate Julio Cesar Maglione sich immer noch weigert abzutreten. Maglione wird im kommenden Monat 82 Jahre alt. Von so einem möchte sich ein Athlet Anfang 20 einfach nicht mehr sagen lassen, was er zu tun und zu lassen hat.

Viele Jahre lang war der mündige Athlet zwar ein Schlagwort, gesprochen für ihn haben aber doch stets die Funktionäre. Dass sich dies ändert, haben nicht zuletzt die Olympischen Sommerspiele von Rio de Janeiro gezeigt, als die Sportler selbst so deutlich und argwöhnisch über mögliches Doping der Konkurrenz sprachen wie nie zuvor.

"Wir wollen eine Rolle spielen", hat Kanutin Silke Kastner, die stellvertretende Vorsitzende des neuen Vereins, in der "taz" gesagt. Den Satz würden die DOSB-Oberen sicher unterschreiben: Auch wenn sie das eher auf die Medaillenvergabe bei Olympischen Spielen beziehen.

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