Attentat "Ich hatte Herzrasen"

Mit Fassungslosigkeit und Entsetzen hat die Eiskunstlauf-Welt auf die Rasierklingen-Attacke gegen den französischen Paarläufer Stéphane Bernadis bei der WM in Nizza reagiert.


Attentatopfer Bernadis (r.) mit Partnerin beim Training am Mittwoch
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Attentatopfer Bernadis (r.) mit Partnerin beim Training am Mittwoch

Nizza - Nach dem Doping-Skandal hat das Attentat auf den französischen Paarläufer Stéphane Bernadis den Sport bei den Eiskunstlauf-Weltmeisterschaften vollends in den Hintergrund gerückt. "Ich bekam Herzrasen, als ich davon erfuhr", bekannte Junioren-Weltmeister Stefan Lindemann aus Erfurt.

Schon das Dopingvergehen von Paarlauf-Europameisterin Elena Bereschnaja aus Russland hatte die glamouröse Szene geschockt. Nach dem Attentat gegen Bernadis, dessen Schnittwunde am linken Unterarm mit drei Stichen genäht werden musste, herrschte blankes Entsetzen und zum Teil nackte Angst.

"Ich sehe da einen grundsätzlichen Trend. Sportler werden über das normale Maß hinausgehoben und damit leicht zum Objekt von Verrückten und Kriminellen. Ich fürchte, das ist nicht mehr umkehrbar", sagte Angela Siedenberg, Präsidentin der Deutschen Eislauf-Union (DEU).

Die deutschen Eiskunstläufer, die mangels Erfolg nicht so im Rampenlicht stehen, fühlen sich von derartigen Problemen nicht direkt betroffen: "Uns wurde nur gesagt, dass das französische Team speziellen Schutz durch Bodyguards benötigt. Für alle anderen Mannschaften gibt es das übliche Sicherheitssystem", berichtete DEU-Mannschaftsleiter Frank Schwarz.

Bernadis, der trotz seiner Verletzung am Abend mit Partnerin Sarah Abitbol bei der Kürentscheidung starten wollte, und auch Eistanz-Europameister Gwendal Peizerat erhielten bereits in der Vergangenheit Drohanrufe.

Das Organisationskomitee kündigte zwar umgehend verstärkte Sicherheitsvorkehrungen an. Doch einen absoluten Schutz, darüber ist man sich an der Cote d'Azur einig, kann es nicht geben.

Der deutsche Ex-Meister Andrejs Vlascenko fühlte sich an das Messerattentat gegen Tennisspielerin Monica Seles 1993 am Hamburger Rothenbaum erinnert: "Es ist schlimm, dass es solche Menschen gibt und noch schlimmer, dass man nicht weiß, was in ihren Köpfen vorgeht."

Anschläge auf Eiskunstläufer sind leider nichts Neues: In die Sportgeschichte eingegangen ist dabei das von Konkurrentin Tonya Harding angezettelte Eisenstangen-Attentat auf US-Rivalin Nancy Kerrigan 1994; im Dezember vergangenen Jahres explodierte in Moskau der BMW von Weltmeisterin Maria Butirskaja. Doch noch nie ist der Saisonhöhepunkt Weltmeisterschaft von derart negativen Begleiterscheinungen überschattet worden.

In kaum einer anderen Sportart fokussiert sich das Interesse so sehr auf eine einzelne Person und das für mehrere Minuten. Und wer neben seiner Eiskarriere noch im Showgeschäft tätig ist wie beispielsweise die zweimalige Olympiasiegerin Katarina Witt, gerät noch eher ins Visier von Psychopathen. Nach monatelangem Terror wurde 1992 ein selbst ernannter Witt-Verehrer zu einer Haftstrafe auf Bewährung verurteilt.

Die Suche nach dem Täter des Messerattentats indes ist bislang ergebnislos verlaufen. Nach Medienberichten vom Mittwoch ist auch das Motiv des Unbekannten weiter unklar. Bernadis soll bereits seit Monaten von einem Unbekannten telefonisch belästigt worden sein. Der Start des Paarläufers bei der Kür am heutigen Abend ist nicht in Gefahr. Der 26-Jährige trainierte bereits am Morgen mit seiner Partnerin Sarah Abitbol.



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