SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

27. Januar 2016, 19:20 Uhr

Kerber im Halbfinale

Plötzlich kann sie mutig

Von Philipp Joubert

Bei den Australian Open spielt Angelique Kerber Tennis, wie man es noch nie von der Deutschen gesehen hat: offensiv, riskant, mutig. Im Halbfinale wartet nun eine Außenseiterin.

Angelique Kerber ist seit Jahren als eine der besten Defensivspielerinnen der Welt bekannt. Doch jetzt, in ihrem Viertelfinale der Australian Open, verunsicherte sie Gegnerin Victoria Azarenka sichtlich mit ihrem furios vorgetragenen Offensivtennis.

Sechsmal schlug Kerber den Ball. Dreimal mit der Vorhand, dreimal mit der Rückhand. Zweimal beendete sie den Punkt direkt mit einem Gewinnschlag, zweimal gelang ihr der Winner beim zweiten Schlägerkontakt. Es waren vier Ballwechsel in zwei Minuten, mit denen die 28-Jährige den Anspruch anmeldete, endlich um die großen Titel im Tennis mitzuspielen. In der Nacht auf Donnerstag tritt sie im Halbfinale an.

Azarenka, ehemalige Nummer eins der Welt und bisher beste Spielerin des Tennisjahres 2016, schlug gerade beim Stand von 5:2 im zweiten Satz auf. Drei Satzbälle hatte sie sich erspielt, war nur noch einen Punkt vom Satzausgleich entfernt, gegen die Spielerin, die sie bisher in sechs Duellen sechsmal besiegt hatte. Dann griff Kerber an.

"Ich habe meinen Spielplan durchgezogen, auch als ich 2:5 im zweiten Satz hinten lag," sagte Kerber eine Stunde nach dem Matchgewinn sehr entspannt wirkend bei ihrer Pressekonferenz. "Ich wollte auch in diesem Moment aggressiv weiterspielen. Ich wollte zeigen, dass ich da bin und nicht einbreche, wie das noch in Brisbane im Finale der Fall war."

"Ich gehöre zu den Besten"

Damals, vor zwei Wochen im Endspiel des Vorbereitungsturniers an der australischen Goldküste, hatte Kerber 3:6, 1:6 gegen die Weißrussin verloren. Dieses Mal ließ die Deutsche Azarenka nicht mehr ins Match zurück, gewann am Ende 6:3, 7:5. Für Kerber ist der Halbfinaleinzug beim ersten Grand Slam Turnier des Jahres das Resultat stetiger Verbesserungen in den vergangenen zwölf Monaten. Die Weise wie sie ihn erspielte, ist besonders erstaunlich.

Immer wieder betonte sie nach dem Sieg, das Match sei nicht von Azarenka verloren, sondern von ihr, Kerber, gewonnen worden. Eine Aussage, bei der man bei der sonst eher zurückhaltenden 28-Jährigen aufhorcht. In der Vergangenheit hatte Kerber solch zur Schau gestelltes Selbstvertrauen eher vermieden. So spielte sie dann allerdings auch, wenn es gegen die Besten ging. Kerber versteckte sich zu häufig in Ballwechseln und nutzte ihr Talent zum schnellen Punktabschluss nicht.

Auch gegen Azarenka hatte sie passive Phasen, doch am Ende gewann der neue Mut: "Ich brauche keine Angst vor solchen Spielerinnen zu haben. Ich kann mittlerweile zeigen, dass ich zu den Besten gehöre. Das werde ich auch in den nächsten Matches machen."

Kontas Aufstieg begann im vergangenen Sommer

In ihrer nächsten Begegnung gegen Johanna Konta ist sie die Favoritin. Noch vor einem Jahr stand Konta auf Platz 144 des Rankings, nun ist sie die Nummer 44. Erst im Frühsommer 2015 begann ihr Aufstieg in der Weltrangliste. In den vergangenen acht Monaten hat die 24-jährige Britin vier Top-Ten-Spielerinnen geschlagen, meist bei den großen Turnieren. Auch hier in Melbourne gelang ihr gleich zum Auftakt ein Sieg gegen Venus Williams.

Selbst den britischen Medien, die sonst in ihrer Begeisterungsfähigkeit für einheimische Talente kaum zu stoppen sind, war Konta bis zum Sommer eine weitestgehend Unbekannte. Die Tochter ungarischer Einwanderer wurde 1991 in Sydney geboren, machte sich im Alter von 13 Jahren allein nach Spanien auf, um in der Sanchez-Casal Akademie in Barcelona zu trainieren, in der einst auch Andy Murray ausgebildet wurde. Später zogen ihre Eltern zusammen mit der Tochter nach Großbritannien - vor allem der Trainingsmöglichkeiten wegen. 2012 wurde Konta britische Staatsbürgerin.

Auf dem Platz ist Konta eine Tennisarbeiterin. Aber keine von der Sorte, die sich lautstark in jeden Ball wirft, sondern eine die strategisch vorgeht. Sie hat einen starken Aufschlag, weiß, wann sie den Gewinnschlag wagen kann und in welchen Momenten sie lieber noch etwas länger im Ballwechsel bleiben sollte. Im Gegensatz zu Kerber ist ihre Beinarbeit nur durchschnittlich.

Für Kerber kommt es darauf an, mit der richtigen Einstellung in die Partie zu gehen. "Ich weiß, ich kann mich selbst schlagen," sagte sie nach ihrem Viertelfinalsieg. "Aber ich kann auch selber gegen mich gewinnen."

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung