Frances Tiafoe und Stefanos Tsitsipas Zwei Youngster sorgen bei den Australian Open für Aufsehen

Sascha Zverev, 21, ist raus - dafür haben Stefanos Tsitsipas, 20, und Frances Tiafoe, 21, in Melbourne überraschend das Viertelfinale erreicht. Ihre Geschichten könnten unterschiedlicher kaum sein.

Frances Tiafoe
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Frances Tiafoe


Frances Tiafoe zog nach seinem Sieg sein Tennishemd aus, trommelte mit der Faust auf den muskulösen rechten Oberarm, dann auf die Brust, er schrie den Jubel über seinen größten Erfolg in den Himmel von Melbourne, ging auf alle Viere und schlug auf den blauen Hartplatz, einmal, zweimal, dreimal, er schüttelte den Kopf und trottete zurück zu seiner Bank.

Hatte er tatsächlich gerade Grigor Dimitrov besiegt und war erstmals ins Viertelfinale eines Grand-Slam-Turniers eingezogen?

Beim On-Court-Interview, nur Sekunden später, brach "Big Foe" in Tränen aus. "Das bedeutet mir so viel. Ich habe mir den Hintern aufgerissen", sagte er, bevor er seine Lebensgeschichte in einen Satz goss: "Ich habe meinen Eltern vor zehn Jahren versprochen, dass ich Profi werde und damit ihr Leben und mein Leben verändere. Und jetzt stehe ich im Viertelfinale eines Grand-Slam-Turniers. Ich kann das alles kaum glauben."

"Der glücklichste Mensch auf Erden"

Ganz so emotional lief es bei Stefanos Tsitsipas nicht ab, doch ergriffen war auch er: Der Grieche mit den langen Haaren ließ nach seinem Triumph über Titelverteidiger Roger Federer seinen Schläger fallen, blickte zu seiner Box und schlug die Hände vors Gesicht, bevor er ans Netz lief und dem Schweizer artig die Hand schüttelte.

Tsitsipas lief dann noch mal auf den Platz, zeigte ungläubig auf sich, nach dem Motto: "Wie, ich war das?", und dann in Richtung Zuschauer, unter denen Horden an griechischen Fans ihn fast vier Stunden angefeuert hatten. "Ich kann das nicht beschreiben, aber ich bin gerade der glücklichste Mensch auf Erden", sagte er.

Tiafoe und Tsitsipas gehören der Generation von Alexander Zverev an, dem deutschen Hoffnungsträger, der im Achtelfinale ausgeschieden war. Ihre Siege bieten Stoff für Heldengeschichten - und doch sind sie so unterschiedlich.

Aus Sierra Leone in die USA

Frances Tiafoe, der kräftige US-Amerikaner, wurde eher zufällig Tennisspieler. Seine Eltern wanderten in den Neunzigerjahren aus Sierra Leone in die USA ein, Vater Constant fand Arbeit bei einer Baufirma, die eine Tennisanlage in Maryland errichtete. Als die Plätze fertig waren, wurde er als Hausmeister und Platzwart übernommen und wohnte in einem kleinen Büro auf der Anlage.

Also spielten Frances und Zwillingsbruder Franklin Tennis, oft auch gegen die Ballwand, wo Frances die Schläge der Kinder aus der Akademie imitierte und gedanklich gegen Roger Federer oder Rafael Nadal antrat. Einer der Trainer, Misha Kouznetsov, erkannte Tiafoes Potenzial, ebenso irgendwann auch der amerikanische Tennisverband. "Der Rest ist Geschichte", sagt Tiafoe, aktuell die Nummer 39 der Welt.

Tsitsipas bietet die typischere Tennisgeschichte: Vater Apostolos ist Tennistrainer, Mutter Julia Apostoli-Salnikova war Profispielerin aus Russland. "Die beiden unterschiedlichen Kulturen haben mir eine ganz andere Perspektive auf die Dinge gegeben", sagt Stefanos.

Wachablösung wie einst bei Federer?

"Meine Mutter hat viel Disziplin in mein Spiel gebracht", sagt der Weltranglisten-15., "in der griechischen Kulur ist das ja nicht so üblich." Für den positiven Blick auf die Welt aber sorgt Apostolos, der seinen Sohn einst vor dem Ertrinken rettete und ihm damit die Angst auf dem Tennisplatz nahm, wie Stefanos Tsitsipas selbst sagt.

Tiafoe und Tsitsipas unterscheiden sich auf dem Platz grundlegend. Tiafoe lebt von seiner Wucht, vor allem beim Aufschlag. Besonders auffällig ist seine wackelige Vorhand, die er mit einem merkwürdigen Schlenker schlägt. Tsitsipas spielt das elegantere Tennis mit einer einhändigen Rückhand, er sucht den Weg ans Netz und besitzt für sein Alter großes Spielverständnis, ist stark in der Defensive und kann sich gut konzentrieren.

"Die Intensität, mit der er gegen Roger von Anfang bis Ende aufgetreten ist, war toll", sagte Patrick Mouratoglou nach dem Federer-Match bei Eurosport. Der Franzose ist bekannt als Coach von Serena Williams, an seiner Akademie in Nizza trainiert aber auch Tsitsipas.

Stefanos Tsitsipas
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Stefanos Tsitsipas

Tiafoe trifft auf Rafael Nadal, Tsitsipas auf Roberto Bautista Agut

Während Tiafoe mit seinen Erfolgen über Wimbledonfinalist Kevin Anderson und Dimitrov für Überraschungen sorgte, weckte Tsitsipas mit dem Sensationssieg über Vorbild Federer einige Erinnerungen: Im Achtelfinale des Wimbledonturniers 2001 hatte der damalige Weltranglisten-15. Roger Federer sein Idol Pete Sampras bezwungen, zwei Jahre später holte er seinen ersten Wimbledontitel. Ob Tsitsipas' Erfolg in Melbourne eine erneute Wachablösung war?

Altmeister John McEnroe sieht das so, Roger Federer blieb nach seinem Aus entspannt. "Das höre ich seit zehn Jahren", sagte er, und noch sprechen die Zahlen für ihn. Alexander Zverev, Denis Shapovalov, Alex de Minaur, Tsitsipas oder Tiafoe - sie alle kamen bislang noch nicht in ein Halbfinale oder Finale bei einem Major-Turnier.

Bei den diesjährigen Australian Open könnte es nun einer schaffen, wobei Tiafoe die schlechteren Karten hat: Während Tsitsipas auf Roberto Bautista Agut trifft (Dienstag, 2.30 Uhr MEZ; TV: Eurosport), bekommt es "Big Foe" mit Rafael Nadal zu tun (10.30 Uhr).

Frances Tiafoe
LYNN BO BO/EPA-EFE/REX

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roenga 21.01.2019
1. Die (noch) jungen Wilden
Es ist doch immer dasselbe - einer der sog. jungen Wilden schlögt einen Etablieten bei einem großen Turnier und sofort beginnt der Abgesang auf den einen und die Lobpreisung des anderen als künftige Nummer Eins. Am Ende gehts den Jungs wie Milos Raonic - der galt vor ein paar Jahren auch als einer der ganz großen zukünftigen Stars, jetzt hat er gerade den angehenden Wunderspieler (Zverev) geschlagen, der es damit mal wieder nicht in ein GS Halbfinale schafft, aber keiner redet mehr von Raonic als dem Hoffnungsträger. Nadal, Federer und Djokovic haben derweil in den letzten Jahren weiterhin die großen Turniere dominiert. Man ist halt erst ein wirklich Großer, wenn man nicht nur ab und an einen Großen schlägt, sondern dann halt auch stabil gut bei den großen Turnieren spielt und ab und an mal eines davon gewinnt. Mein Tipp: in Melbourne wird Djokovic gewinnen, in Paris Nadal (wie fast immer) und Federer schlägt dann in Wimbledon zu.
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