Djokovic-Sieg bei den Australian Open Die Wucht

Novak Djokovic hat die Australian Open auf beeindruckende Weise gewonnen. Mit seinem 15. Grand-Slam-Titel nähert er sich Rafael Nadal und Roger Federer. Die Dominanz im Finale war eine Ansage für die Zukunft.

Novak Djokovic
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Novak Djokovic


Ein Bild sagte eigentlich alles. Eine junge, dunkelhaarige Frau in der Rod Laver Arena, den schweren Kopf auf der Bande abgestützt, regungslos, traurig, ohne Hoffnung. "Das ist ein Nadal-Fan", bemerkte Eurosport-Kommentator Matthias Stach trocken, und man brauchte nicht viel Fantasie zu dieser Annahme.

Novak Djokovic hatte gerade eine zügige Rückhand von Rafael Nadal mit einem Vorhand-Schuss beantwortet und sich zwei Breakbälle zum 5:2 im zweiten Satz erspielt, Sekunden später hatte er mit einer weiteren Vorhand und drei knallharten Aufschlägen auch diesen Satz gewonnen. "Was ist seit Wimbledon mit diesem Kerl passiert?", fragte Stach verblüfft, und bevor Experte Boris Becker antworten konnte, kam Werbung.

Und es ist wirklich verrückt, wie Djokovic sich aufgerappelt hat - bis hin zu diesem klaren Finalsieg gegen Nadal, der den Serben zum Rekordsieger bei den Australian Open macht. Zuvor hatte er die Tennisszene schon einmal beherrscht. Bis ins Jahr 2016 hinein. Aber auf dem Weg zum letzten Mosaiksteinchen, dem French-Open-Sieg, verletzte sich Djokovic. Er fiel in ein mentales Loch, probierte neue Trainer und einen Mental-Guru aus, bis er 2018 wieder zum altbewährten Team und zum Erfolg zurückkehrte.

Wimbledon-Halbfinale als Wendepunkt

In Wimbledon siegte er im Halbfinale gegen Nadal in einem Match des Jahres in fünf Sätzen, und sein wieder eingestellter Coach Marian Vajda sagte kürzlich: "Nach diesem Match hat Novak seine Angst vor dem Verlieren wieder verloren." Djokovics Bilanz seit dem vergangenen Sommer bis ins Melbourne-Finale: 44 Siege bei nur vier Niederlagen, ein Sprung von Platz 22 der Welt zurück auf die eins. Gerade so, als wären die zwei Jahre zuvor nur ein böser Traum gewesen, eine kurze Auszeit.

Es wurde im Laufe der Australian Open viel gesprochen über den neuen Aufschlag von Nadal, er hatte in der Vorbereitung an der Bewegung gefeilt, kam mit mehr Geschwindigkeit nach Melbourne und hatte seine vergangenen 66 Aufschlagspiele vorm Finale allesamt gewonnen.

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Finalsieg bei den Australian Open: Eine Vorführung

Djokovic jedoch ließ sich davon nicht beeindrucken. Er nahm Nadal gleich das erste Aufschlagspiel ab und das zweite fast noch hinterher; der Spanier wirkte wie so oft nervös in der Anfangsphase, spielte zu kurz und fabrizierte viele einfache Fehler. "Djokovic zwingt Nadal dazu, früher aggressiv zu spielen als ihm lieb ist", urteilte Ex-Djokovic-Coach Becker schnell.

Djokovic nahm 40 Prozent aller Bälle noch vor der Grundlinie an (im restlichen Turnierverlauf waren es nur 22). Damit ließ er Nadal keine Zeit, sein Spiel aufzubauen. Gleichzeitig verteidigte Djokovic einmal mehr so gut, dass Nadal gezwungen war, noch näher an die Linien zu spielen, mehr Risiko einzugehen - und damit mehr Fehler machte. 28 waren es bei Nadal an diesem Sonntag, Djokovic unterliefen nur neun. Dafür schlug er 34 Winner. Nur zu 51 Prozent machte Nadal überhaupt den Punkt, wenn der erste Aufschlag kam.

So chancenlos war Nadal noch nie

Und während Nadal also - trotz des neuen Aufschlags - von Beginn an um seine Spiele kämpfen musste, beeindruckte Djokovic seinerseits mit dem Service. 20 der 21 gespielten Punkte bei eigenem Aufschlag gewann er in Satz eins. Im gesamten Match schnupperte Nadal nur einmal an einem Break, Mitte des dritten Satzes. Aber da agierte er überhastet, legte eine spielbare Rückhand ins Netz. Wenig später war das Match vorbei.

Nach dem fünf Stunden und 53 Minuten andauernden Melbourne-Endspiel zwischen Djokovic und Nadal im Jahr 2012 war es diesmal also ein sehr einseitiges Duell , die gefühlte Länge kürzer als die offiziellen zwei Stunden und vier Minuten. Es war zugleich Nadals erste Dreisatz-Niederlage in einem Grand-Slam-Finale. Derart chancenlos war der 32-Jährige noch nie.

Rafael Nadal
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Rafael Nadal

"Es war ein unglaubliches Level von Novak", sagte Nadal nach der Niederlage, zeigte sich aber auch dankbar - 15 der vergangenen 16 Turniere auf Hartplatz hatte er verletzt aufgeben oder absagen müssen. "Seit den US Open habe ich kein Match mehr spielen können, und auch wenn heute nicht mein Tag war, waren es emotionale zwei Wochen."

Er habe im gesamten Turnierverlauf offensiv stark gespielt, erläuterte Nadal später noch. Für sein Defensiv-Tennis, das er gegen Djokovic gebraucht hätte, habe er aber zu wenige Trainingsmöglichkeiten gehabt. "Ich brauche Zeit und muss arbeiten, um wieder an diesen Punkt zu kommen."

Djokovic träumt vom Grand Slam

Für Djokovic hingegen verlief alles wie geplant. "Ich hatte die Wahl, mich auf ihn oder mich zu konzentrieren. Ich habe mich auf mich konzentriert", sagte er. Der Serbe blickte aber auch zurück. "Vor zwölf Monaten hatte ich eine Operation am Ellenbogen. Jetzt hier zu stehen, drei der letzten vier Grand-Slam-Turniere gewonnen zu haben - das ist verrückt."

Novak Djokovic
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Novak Djokovic

Nach seinem geglückten Saisonstart lebt nun auch sein Traum vom Grand Slam wieder auf. Also der Traum, die Australian Open, French Open, Wimbledon und die US Open in einer Saison zu gewinnen.

In Paris, beim nächsten Major-Turnier im Mai, ist Nadal mit elf Turniersiegen wieder der Mann, den es zu schlagen gilt. Djokovic konnte ihn hier nur ein Mal besiegen, im Jahr 2015, als Nadal in einer Krise stecke. Sollte es 2019 zum erneuten Treffen kommen, könnte es dann auch wieder enger werden als in Melbourne.



insgesamt 17 Beiträge
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ruhuviko 27.01.2019
1. Der erste Satz war eine Granate,
da spielt Djokovic auf ... und holt den Punkt. Und spielt auf ... und holt den Punkt. Einmal nur kann Nadal bei Aufschlag Djokovic punkten, und dann wieder spielt Djokovic auf .... und holt den Punkt. Man kann so ein Spiel einseitig finden, aber Djokovic holte die Punkte nicht durch Wiederholung des immer gleichen, sondern konnte variieren: Schläge an die Grundlinie, Stops, Spiele an die Seitenlinien, so dass Nadal garnicht nachkam, wie ihm die Bälle rechts und links vorbeirauschten. Und dann die Asse. Und wer meinte, das könnte doch so nicht weitergehen, der erlebte im zweiten und dritten Satz die fast gleiche Aufschlagskonstanz. Gut, es waren nicht mehr fast 100 Prozent der ersten und zweiten Aufschläge, aber es blieb in den Variationen fast gleich. Und Nadal sah oftmals so aus, als ob er nur den Sparringspartner spielen dürfte, als ob er im Training wäre. Gleichwohl, es war nie langweilig. Dafür hatte Djokovic zu viele Variationen im Spiel. Und das nicht nur bei eigenen Aufschlägen, sondern auch bei denen von Nadal. Es war eine Leichtigkeit des Seins zu beobachten. Meinen Glückwunsch. Wer sich also auf ein langes Spiel eingerichtet hatte mit Chips und Getränken, musste diese nach nur zwei Stunden wegräumen und kann sie für ein anderes Finale verwahren.
Nilzf 27.01.2019
2. Chips
um 9:30 Uhr. :-)
kopi4 27.01.2019
3. Träumen darf er
Für den echten Grand Slam muß Djokovic ja noch Paris,Wimbledon und die US Open gewinnen. Das wäre in der Tat historisch weil er dann so nebenbei sechs Majors am Stück gewonnen hätte. Aber vermutlich glaubt er selbst nicht daran. Die Dominanz die er und Nadal in Melbourne an den Tag legten wird nicht jedesmal so ausgeprägt sein, Nadal wird alles tun nicht nochmal so vorgeführt zu werden. Die Asche in Paris ist ja quasi Nadals Lebensraum,vermutlich wird schon dort Djokovics Traum zerplatzen.
jesse01 27.01.2019
4. nadals fehler
Nadal hat den Fehler gemacht, seine strategie, sein Spiel nicht irgendwie umzustellen. er hat trotz Rückstand weiter stur seinen Stiefel heruntergespielt, und das konnte nur schiefgehen. wenn ich hinten liege, dann ändere ich etwas. zum Beispiel mehr slice auf novaks Rückhand, mehr Netzangriffe etc. nichts von alldem kam von Nadal, erkennbar hatte er keinen Plan b. umso erstaunlicher, als er die letzten Partien immer verloren hat gegen Djokovic und sein Team offenkundig keine Fehleranalyse betrieben hat. er lernt nicht aus diesen Niederlagen.
superchristiandd 27.01.2019
5. Ergebnis
Das Ergebnis wäre ja mal interessant gewesen....scheint aber nebensächlich zu sein.
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