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09. September 2013, 15:03 Uhr

IOC-Kandidat Thomas Bach

Favorit im Schattenwahlkampf

Aus Buenos Aires berichtet

Noch ein Tag, dann könnte Thomas Bachs Traum in Erfüllung gehen. Der Deutsche gilt als klarer Favorit bei der Wahl zum Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees. Doch sicher ist nichts: Das IOC ist unberechenbar.

Der Countdown läuft. Am Dienstag wird im Hilton-Hotel in Buenos Aires der neunte Präsident in der 119-jährigen Geschichte des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) gewählt. Um 11 Uhr Ortszeit (16 Uhr MESZ) beginnt die Abstimmung mit elektronischen Wahlgeräten.

Die sechs Kandidaten, darunter der deutsche Favorit Thomas Bach, werden sich weder präsentieren, noch wird es eine Diskussion geben. Es wird lediglich gewählt, und damit endet ein Wahlkampf, der weitgehend verborgen vor der Öffentlichkeit geführt wurde. Um 17.30 Uhr MESZ wird der neue IOC-Konzernchef bekanntgegeben und damit das wichtigste Amt des Weltsports für acht Jahre besetzt - mit Option auf eine vierjährige Verlängerung.

Alles andere als ein Sieg Bachs wäre eine Sensation. Sogar ein Erstrundensieg ist möglich. Das Lager des 59-Jährigen rechnet fest mit mindestens 42 Stimmen, manche Hochrechnungen gehen von 48 aus, was für die absolute Mehrheit im ersten Wahlgang genügen würde.

Bach wäre nah an der absoluten Mehrheit

Denn von den derzeit 103 IOC-Mitgliedern fehlen mindestens zwei in Buenos Aires: der Finne Saku Koivu und der unter Hausarrest stehende ägyptische General Mounir Sabet, Schwager von Ex-Diktator Hosni Mubarak. In der argentinischen Hauptstadt wurde zudem Patrick Chamunda (Sambia) wegen einer Herzattacke ins Krankenhaus eingeliefert. Ob er am Dienstag an der Wahl teilnimmt, ist unklar.

Der scheidende IOC-Präsident Jacques Rogge aus Belgien votiert traditionell nicht. Mitglieder aus Ländern der Präsidentschaftskandidaten dürfen so lange nicht abstimmen, wie ihre Kollegen im Rennen sind. Die sechs zur Wahl stehenden Kandidaten:

Damit sind in der ersten Runde Claudia Bokel (Deutschland), Waleri Borsow (Ukraine) sowie die vier Schweizer Joseph Blatter, René Fasel, Gian-Franco Kasper und Patrick Baumann nicht wahlberechtigt. Es verbleiben nach jetzigem Stand 93 Mitglieder. Die absolute Mehrheit würde dann bei 47 Stimmen liegen. Bach wäre nah dran.

Gewählt wird so lange, bis ein Kandidat mehr als 50 Prozent der Stimmen auf sich vereint. Nach jedem Wahlgang scheidet der Bewerber mit der geringsten Stimmenzahl aus. Je länger die Wahl dauert, desto problematischer könnte es für Bach werden, da die meisten Stimmen der ausgeschiedenen Kandidaten nicht zu ihm wandern dürften. Darin liegt fast die gesamte Hoffnung der Herausforderer, von denen Carrión und vielleicht Bubka die besten Chancen haben.

Bubka wird als ernsthafter Rivale angesehen

Bachs Lager hatte in den vergangenen Tagen vor allem Gerüchte über Bubka gestreut, der angeblich keine Chance habe und Bach wegen der deutschen Dopingforschungsstudie bei IOC-Kollegen angeschwärzt habe - was die Ukrainer vehement bestreiten. Warum die Attacken gegen Bubka? Viele Beobachter glauben, dass Bachs Team den Stabhochsprung-Weltrekordler als ernsthaften Kandidaten ausgemacht habe.

Da am Sonnabend Tokio zur Olympiastadt 2020 gekürt wurde, dürfte dies die Aussichten des zuvor gut gehandelten Singapur-Chinesen Ser Miang Ng schmälern. Denn es gilt im IOC als ungeschriebenes Gesetz, dass auf einer Session keine zwei Goldmedaillen an einen Kontinent verteilt werden. Andererseits ist dieses Gremium unberechenbar.

Nach Recherchen von SPIEGEL ONLINE dürfte Bach mindestens 36 Stimmen sicher haben. 25 weitere Mitglieder darf man einer zweiten Gruppe zuordnen, aus der Bach durchaus bedient werden könnte, entweder schon in der ersten oder - je nach Wahlverlauf - in weiteren Runden.

Bach soll nach dem Erstrunden-Aus von Madrid bei der Wahl der Olympiastadt 2020 die Stimmen der beiden spanischen IOC-Mitglieder und Weltverbandspräsidenten Marisol Casado (Triathlon) und José Perurena (Kanu) verloren haben.

Natürlich sind derlei Hochrechnungen äußerst volatil. Das olympische Wahlvolk reagiert traditionell opportunistisch und beeindruckend schnell auf Strömungen und Richtungswechsel. Es soll sogar IOC-Mitglieder geben, die allen sechs Präsidentschaftskandidaten ihre Stimme versprochen haben.

Mitentscheidend wird sein, wie sich die sogenannten Key Members in den letzten zwei Tage verhalten. Diese einflussreichen Mitglieder bewegen allerdings nicht mehr 20 und mehr Stimmen wie vor fünfzehn Jahren noch der Südkoreaner Kim Un Yong, der später wegen Korruption aus dem IOC verbannt wurde. Die Lage ist viel unübersichtlicher geworden.

Wer heutzutage fünf Stimmen bewegen kann, gilt schon als Strippenzieher. Fifa-Präsident Joseph Blatter zählt dazu, auch Lamine Diack, Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF, vor allem aber Scheich Al-Sabah aus Kuwait. Der Scheich ist Bachs wichtigster Verbündeter, sportpolitisch und wirtschaftlich.

Als der Scheich im Mai in St. Petersburg seinen Alliierten Marius Vizer aus Österreich zum Chef der Vereinigung aller Weltsportverbände gemacht und das Wahlergebnis exakt vorhergesagt hatte, nahm er anschließend wie ein Pate die Huldigungen seiner Jünger entgegen. Einige Delegierte flüsterten ihm zu, das sei nur der erste Streich gewesen, der zweite und wichtigste werde im Herbst folgen. Morgen also, am 10. September.

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