Bahnrad-WM in Polen Routine ist das größte Risiko

In Polen startet die Bahnrad-WM. Das deutsche Team geht erstmals seit vielen Jahren ohne Kristina Vogel an den Start. Nach ihrem folgenschweren Sturz wird in der Szene viel über das Thema Sicherheit diskutiert.

Maximilian Levy
imago/Thomas Frey

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"Wie denn?" Mit dieser Gegenfrage antwortet Bahnradprofi Lisa Brennauer zunächst darauf, ob man ihren Sport sicherer machen müsse. Jenen Sport, bei dem die Athleten ohne Bremsen, mit starrem Gang und teils mehr als 70 Stundenkilometern über die enge Bahn im steilen Oval sprinten.

Muss dieser rasante Sport sicherer werden? Es ist eine immer wieder gestellte Frage, nicht zuletzt wegen des folgenschweren Trainingsunfalls von Kristina Vogel, die zweimalige Olympiasiegerin ist seit diesem Unfall querschnittsgelähmt. Eine Antwort darauf fällt vielen Fahrern schwer.

Kristina Vogel
DPA

Kristina Vogel

"Eine gewisse Gefahr ist beim Radfahren einfach dabei", sagte etwa der vierfache Weltmeister Maximilian Levy im Interview mit dem SPIEGEL. "Wenn zum Beispiel Ermüdung dazu führt, dass man unkonzentrierter wird und Fehler macht. Dann kann man nur hoffen, dass der Zweite den Fehler kommen sieht und ausweicht."

BMX- und Straßenrennfahrer leben gefährlicher

Vor Fahr- oder Materialfehlern sind also auch die Besten der Welt nicht gefeit, die bis Sonntag bei der Bahnrad-WM im polnischen Pruszków um die begehrten Regenbogenstreifen des Weltmeisters kämpfen. "Jeder, der den Sport wettkampfmäßig betreibt, hat das sicher schon zu spüren bekommen. Das ist das Risiko, das der Sport mit sich bringt", sagt Brennauer. Aber man dürfe eben auch nicht "die vielen, vielen Momente" vergessen, in denen nichts passiert, so die Europameisterin in der Einerverfolgung.

Tatsächlich gehen die meisten brenzligen Situationen auf der Radrennbahn ohne Sturz vorbei. Schließlich beherrschen die Fahrer ihr Handwerk, genau wie die Kräfte, die auf sie einwirken. Gibt es doch heikle Situationen, dann geht es meist zumindest glimpflich aus, weil die Sportler von ihren Reflexen und ihrer ausgeprägten Muskulatur profitieren.

"Bei uns passiert extrem wenig im Vergleich zu anderen Disziplinen wie BMX oder im Straßenradsport. Da passiert deutlich mehr und es gibt auch mehr schlimme Stürze", sagte Olympiasiegerin Miriam Welte der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Ihre Disziplin sei da noch die mit der geringsten Verletzungsgefahr.

Pfeife heißt: Gefahr auf der Bahn

Hundertprozentige Sicherheit hat auch der Bahnradsport nicht zu bieten. Maßnahmen und Regeln, um das Risiko weitestgehend zu minimieren, gibt es viele. "Bei internationalen Wettkämpfen gibt es Mechanismen, die funktionieren", sagt Erik Weispfennig, Technischer Delegierter des Weltverbands UCI bei der WM in Polen.

Gerade die Trainingseinheiten sind streng reguliert. So darf jede Trainingsgruppe nur zu einem vorher festgelegten Zeitpunkt auf die Bahn. Es darf ausschließlich von der Start-und-Ziel-Linie gestartet werden, nachdem Weispfennig mit roter Fahne und Trillerpfeife auf der Bahn Stellung bezieht. "Das lautstarke akustische Signal ist hierbei besonders wichtig, da die wenigsten Fahrer den Blick für die Umgebung haben", sagt Weispfennig.

Stürze im Rennen lassen sich also nicht vermeiden, Stürze im Training aber schon? "Wenn sich jeder an die Regeln hält, dann weitestgehend ja", sagt Weispfennig. Der ehemalige Radprofi weiß jedoch auch: "Nach abertausenden Trainingskilometern wird vieles zur Routine. Und wo Routine ist, da gibt es auch Nachlässigkeiten."

"Jeder ist gefragt"

Es wird schon gutgehen. Und wenn nicht?

Dann kann es passieren, dass selbst die erfahrenste Sprinterin wie Rekordweltmeisterin Vogel mit einem Rennfahrer zusammenprallt, der sich zum Start aufstellt. Mit 60 Stundenkilometern auf ein stehendes Hindernis. Es war einer dieser vermeidbaren Fehler, sagt Vogels Vereinskollege Levy: "Es gibt ein ungeschriebenes Gesetz: Auf der Gegengerade machst du keinen stehenden Start. Das hätte schon gereicht, da hat er nicht aufgepasst, da haben seine Trainer nicht aufgepasst."

Kann man den Sport also überhaupt deutlich sicherer machen? "Man kann nur immer weiter dafür sensibilisieren", sagt Levy. Gerade auch im Alltag, wenn keine Fahnen und Pfeifen im Einsatz sind, wenn keine Verbandsdelegierten das Training regulieren. "Im Grunde geht es darum, jedem die Grundregeln einzubläuen, immer wieder, gerade auch den jungen Fahrern. Da ist am Ende jeder gefragt."



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