Deutscher Baseball-Profi von den Minnesota Twins Keplers Auftrag

In den USA verdient er Millionen, immer mehr Fans tragen sein Trikot: Max Kepler ist im Baseball ein Star. Jetzt soll er zum europäischen Gesicht seiner Sportart werden.
Von Christoph Leischwitz
Dürfen wir vorstellen? Max Kepler, 26 Jahre, bester europäischer Spieler im US-Baseball

Dürfen wir vorstellen? Max Kepler, 26 Jahre, bester europäischer Spieler im US-Baseball

Foto: John J. Kim/ imago images/ ZUMA Press

Ein Freitagnachmittag in einem Einkaufszentrum in München. Vor einem kleinen Geschäft stehen drei Securitys im Anzug, Passanten fragen: "Was ist denn hier los?" - "Es kommt gleich ein Baseballspieler", sagt einer. "Ahh." Die meisten gehen trotzdem einfach weiter, teilweise genervt. Es ist eng in der Shoppingmall in der Vorweihnachtszeit, die Absperrbänder vor dem Laden erschweren das Durchkommen. Als Maximilian Kepler-Rozycki zur Autogrammstunde erscheint, bleiben doch noch ein paar Passanten stehen, vornehmlich jüngere, weibliche.

In Deutschland heißt er Maximilian Kepler-Rozycki, er ist ein Junge aus Berlin, den aber selbst in Zehlendorf wohl nur Freunde erkennen würden. Hier spielte er einst Fußball und besuchte die englischsprachige John F. Kennedy School.

In den USA heißt er Max Kepler. Sein voller Name hätte nicht aufs Trikot gepasst, und "er ist für die Amerikaner so kompliziert auszusprechen", sagt Kepler. "Aber ich habe mir überlegt, dass ich in ein paar Jahren den Namen auf dem Jersey einfach mal wechsle. Um meinen Dad ein bisschen zu ehren." Vater Marek ist Pole, floh einst bei einem Auslandsbesuch von Italien nach Berlin. Mutter Kathy ist gebürtige Texanerin. Beide waren Balletttänzer an der Deutschen Oper. Kepler verdient sein Geld mit Baseball: In den USA hat er einen Profivertrag bis 2024 über 35 Millionen US-Dollar.

Auf Promotour: Max Kepler besucht Baseball-Talente in Regensburg

Auf Promotour: Max Kepler besucht Baseball-Talente in Regensburg

Foto: Armin Weigel / dpa

Bevor Kepler als 16-Jähriger einen Vertrag bei den Minnesota Twins unterschrieb und in die USA zog, lebte er in einem Baseball-Internat in Regensburg. Dort empfingen sie ihn in der vergangenen Woche so, wie man den berühmtesten Abgänger der Schule wohl empfangen muss: mit einem 60 Meter langen roten Teppich, rund 400 Fans jubelten ihm zu, die für Autogramme und Selfies teilweise Hunderte Kilometer gefahren waren. Viele Kinder wurden für einen Camp-Nachmittag mit Kepler in Reisebussen angekarrt.

Er soll Baseball in Europa populärer machen

Dieser Heimatbesuch war von der europäischen Zweigstelle der Profiligaorganisation Major League Baseball (MLB) organisiert - und vor allem als Werbetour für den Nationalsport der USA gedacht. Kepler ist für diese Kampagne ein willkommener Kandidat: In der vergangenen Saison schlug er 36 Homeruns. Das ist ungefähr so, als würde ein Amerikaner in der Bundesliga 15 Saisontore erzielen. Der MLB-Vizepräsident für internationale Angelegenheiten, Jim Small, sieht darin aber nicht nur sportliche Zahlen. Er sieht hier eine Chance: Gegenüber "ESPN" sagte Small, Kepler sei "wie ein Düngemittel, das uns hilft, den Sport weiter wachsen zu lassen", Kepler sei ein Held. Und zwar ein bodenständiger.

Wenn Kepler über seine sportlichen Erfolge spricht, dann ruhig und zurückhaltend. Er wolle "kein Angeber werden", und er wirkt nachdenklich, wenn er solche Sätze sagt: "Amerika ist schön, und ich kann da auch gutes Geld verdienen. Aber ich vermisse Deutschland schon sehr. Die Kultur, die Menschen, alles." Ob solche Ansagen den Baseball-Absatzmarkt in Deutschland entscheidend vergrößern?

Allerdings kann Kepler innerhalb der bestehenden Baseball-Community durchaus für mehr Begeisterung sorgen. Hier kennen ihn alle, er ist der Beweis, dass man es von Deutschland aus bis in die Major Leagues schaffen kann. "2002 sind wir belächelt worden für diese Vision", sagt Armin Zimmermann, Präsident der Regensburg Legionäre und Mitbegründer des Baseball-Internats. Die Regensburger werden von MLB gefördert, etwa durch Stipendien. "Da ist es natürlich wichtig, dass auch etwas rauskommt dabei", sagt Zimmermann und meint Kepler.

Vom Fußballtorwart zum ersten Homerun

Auch dank des Kepler-Transfers wagte man einen weiteren Schritt nach vorne. Im Jahr 2016 wurde das Internat für 7,5 Millionen Euro neu gebaut, es hat eine Baseball-Trainingshalle im Untergeschoss, die derzeit 17 dort untergebrachten Spieler wachen mit einem Balkonblick auf das Bundesliga-Stadion auf. Seit 2002 unterschreibt im Schnitt fast ein Spieler pro Jahr einen MLB-Vertrag.

Doch Keplers Werdegang sticht heraus. Schon als kleines Kind hatte er viele Talente, kurz spielte er auch in der Jugend von Hertha BSC als Fußballtorwart. Für Baseball entschied er sich, weil es der komplizierteste Sport sei, die größte Herausforderung. "Er spielt in komplizierten Situationen so aufwandslos, weil er neue Bewegungsabläufe wahnsinnig schnell lernt. Wo andere schwitzen, da gleitet er", sagte damals sein Internatstrainer Martin Brunner. Brunner ist heute offizieller MLB-Koordinator für Europa.

Das Trikot mit der Nummer 26 soll immer häufiger in den Stadien zu sehen sein

Das Trikot mit der Nummer 26 soll immer häufiger in den Stadien zu sehen sein

Foto: Tony Dejak/ ZUMA Press/ imago images

Schon früh spielte der junge Kepler in der Bundesliga. In einer seiner ersten Partien, so berichtet ein Mitspieler, schlug er einen Homerun, lief ums Feld und zurück zum Dugout, nahm den Helm ab und sagte: "Easy as shit."

2009 zog er nach Florida, doch bis zum Profi-Vertrag war es noch ein sehr weiter Weg. Auf der Ochsentour mit diversen Farmteams sei man "mental manchmal einfach am Ende", sagt Kepler heute, "da habe ich schon mal daran gedacht, aufzuhören", erzählt er. Er verdiente in der Zeit fast nichts. Dazu: die Spiele in kleinen Dörfern nach Hunderten Kilometern im Bus, Übernachtungen in schäbigen Hotelzimmern. Das ist zermürbend, soll aber von den Klubs gewollt sein. Um zu sehen, welches Talent sich durchbeißt.

Im Sommer 2016 wurden Keplers Anstrengungen belohnt

Den Call-up, die endgültige Berufung in den Profikader, erlebte er im Juni 2016. In Chattanooga, Tennessee, wurde er abends um elf ins Büro des Trainers gerufen: Er solle seine Sachen packen und das nächste Flugzeug nach Minnesota nehmen. Er rief seine Mutter an, "dann haben wir zusammen am Telefon geweint. Es waren natürlich Tränen der Freude", sagt er. Alles hatte sich ausgezahlt.

Für die Twins ist Kepler nun Leadoff-Hitter, erster Mann in der Schlagreihenfolge. In der Defensive spielt der Linkshänder im Outfield oder an der ersten Base. Die Lokalpresse in Minnesota berichtet, im Stadion seien immer mehr Trikots mit der Nummer 26 zu sehen. Kepler war 2019 der erfolgreichste europäische Baseballspieler. Aber wahrscheinlich müssen noch einige Jahre auf Topniveau in den USA vergehen, damit Kepler auch in München oder Berlin auf der Straße erkannt wird.

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