Basketball-EM Der Niedergang der Generation Nowitzki

Alarmstufe Rot im deutschen Lager: Im Spiel gegen Italien entscheidet sich, ob das DBB-Team bei der EM schmachvoll ausscheidet. Doch noch ist das Desaster gegen Slowenien nicht verdaut - Dirk Nowitzkis Karriere in der Nationalmannschaft droht ein schmerzhaftes Ende.


Der Kopf hängt, die Hände spielen am Hosensaum. Dirk Nowitzki schaut weg - dorthin, wo er garantiert nichts finden wird, was an die Niederlage erinnert. Enttäuschung, Entsetzen zeichnen sein Gesicht. Er wirkt mut- und kraftlos.

Mit Grund: Noch nicht einmal die Hälfte der zweiten Zwischenrundenpartie gegen die ungeschlagenen Slowenen war absolviert. Dennoch war sie entschieden, als der deutsche Führungsspieler auf der Bank Platz nahm.

Wenn der Star das Vertrauen in seine Mannschaft verloren zu haben scheint, steht es sehr schlecht um die Aussichten der deutschen Basketball-Nationalmannschaft bei dieser EM. Der Untergang des Teams gegen in der zweiten Hälfte auf Sparflamme agierende Slowenen, der beim Stand von 47:77 sein Ende fand, bleibt nicht nur als "schlechteste Leistung einer deutschen Mannschaft", die Bundestrainer Dirk Bauermann in seiner Amtszeit zu verantworten hatte, in den Köpfen hängen. Nach 43 Pflichtspielen, bei denen er seit 2003 an der Seitenlinie stand, könnte dieser "absolute Tiefpunkt", wie Bauermann selbst sagte, eine überaus erfolgreiche Ära im deutschen Basketball auf einen Schlag beenden.

Morgen (16.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) geht es gegen Italien um den Einzug ins Viertelfinale. Nur ein Sieg bringt die Deutschen unter die besten Acht und gibt der Generation um Nowitzki und Ademola Okulaja doch noch die Chance, ihren großen Traum von Olympia weiterverfolgen zu können. "Wir müssen versuchen, den Italienern den Kopf abzureißen", forderte Okulaja. Er wollte das nicht wörtlich gemeint wissen. Dennoch zeigt diese Aussage, dass für die deutsche Mannschaft nur noch der sture kompromisslose Blick nach vorne Erfolg verheißt.

Eine Analyse der Demontage durch die Slowenen, die nun morgen gegen Litauen (21.30 Uhr) um den Gruppensieg spielen, erübrigt sich. Dieses "ganz schlechte Spiel, in dem wir auseinandergenommen wurden" (Bauermann), noch einmal näher zu betrachten, würde bei den Beteiligten einen derartigen Schwund an Selbstbewusstsein zur Folge haben, dass für die Partie gegen die Italiener der Ausgang vorherbestimmt wäre.

Aufzuzählen, wer am besten getroffen (Nowitzki: 16) oder am besten gereboundet (Nowitzki: 8) hat, ist unerquicklich. Die unterirdischen Wurfquoten (28 Prozent aus dem Feld, 56 Prozent von der Freiwurflinie), die der zweite Kapitän Okulaja auf einen "zugenagelten Korb" schob, können in dieser Phase des Turniers nur noch durch Motivationsarbeit in Angriff genommen werden.

Bauermann gibt sich da zuversichtlich. Er habe in ähnlichen Situationen schon gezeigt, dass er eine Mannschaft wieder aufbauen könne. Doch auch er wollte direkt nach der Partie in den Katakomben der Madrid-Arena nicht den Aufputscher geben. "Ich weiß nicht, ob wir jetzt optimistisch sein dürfen", gab der 49-Jährige zu, "entweder wir schaffen es, gegen Italien wie Phönix aus der Asche zu steigen oder wir schaffen es nicht", so Bauermann. Nowitzki sagte, jeder müsse ganz tief in sich hineinhorchen und dann schauen, ob er überhaupt noch wolle. Sonst wäre für Nowitzki und Co. das Spiel gegen die Italiener, die das DBB-Team in 16 Vergleichen bei großen Turnieren noch nie besiegen konnte, das letzte für eine mit WM-Bronze und EM-Silber dekorierte Generation.

"Wir sind in der Offensive bei Weitem nicht die talentierteste Mannschaft", sagt Nowitzki. Wenn das Team im Endspiel um das Viertelfinale auch in der Verteidigung "internationalen Standard nicht erreicht", wie der beste Schütze der EM (26,2 Punkte im Schnitt) bemerkte, müssen für die Teilnahme an Nationalmannschafts-Turnieren in den kommenden Jahren keine deutschen Tickets mehr bestellt werden.

Einem DBB-Team ohne die Stützen Nowitzki und Okulaja droht die Zweitklassigkeit. Hoffnungsvolle Talente sind nicht in Sicht. Das Spiel gegen die Italiener, die bislang auch erst zwei Partien bei dieser EM für sich entscheiden konnten, aber nach dem knappen Erfolg in der Verlängerung gegen die Türkei (84:75) wichtiges Selbstvertrauen gesammelt haben, würde den schmerzhaften Aufprall zumindest verzögern. Kurzfristig ist diese Partie deshalb nicht nur für Bauermann "das Einzige, was zählt".

Der Gegner spielte hierbei in den Köpfen der deutschen Mannschaft keine Rolle. Nowitzki & Co. haben in den nächsten Stunden erst einmal genug mit sich selbst zu tun.



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