Basketball-EM "Nowitzki? Gutes Team!"

"Unglaublich", das war die am häufigsten verwendete Vokabel im Zusammenhang mit dem deutschen Basketball-Nationalteam. Aus einer guten Mannschaft ragt der deutsche Superstar Dirk Nowitzki heraus - und wurde endgültig zum besten Spieler Europas.

Von Martin Fünkele, Belgrad


Deutscher Star Nowitzki (bei der Auszeichnung zum besten Spieler des Turniers): "Er ist der Stärkere"
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Deutscher Star Nowitzki (bei der Auszeichnung zum besten Spieler des Turniers): "Er ist der Stärkere"

Seinen größten Moment sparte er sich bis zum Schluss auf. Die Anzeigetafel dokumentiert schonungslos das Ergebnis: Deutschland 55, Griechenland 69. Das EM-Finale ist gelaufen und Bundestrainer Dirk Bauermann holt seinen Star drei Minuten vor Spielende auf die Bank. Mit erhoben Armen verlässt Dirk Nowitzki das Spielfeld. Das grünweiße Handtuch, das ihm einer zuwirft, fällt zu Boden. Nowitzki verbeugt sich in alle Himmelsrichtungen. 20.000 Menschen stehen von ihren Sitzen auf und spenden dem überragenden Spieler der Basketball-Europameisterschaft ihren Applaus. Später sagt er: "Das war einer der bewegendsten Momente meines Lebens. Das werde ich nie vergessen."

Bevor die deutsche Mannschaft nach dem 62:78 gegen Griechenland ihre Silbermedaillen um den Hals gehängt bekommt, erhält Nowitzki die Auszeichnung zum wertvollsten Spieler (MVP) des Turniers. Die bekam er schon 2002, als Deutschland bei der Weltmeisterschaft Dritter wurde - doch die EM in Serbien & Montenegro hat vieles verändert, auch im Leben des Dirk Nowitzki.

Die Becker-Faust

Vorbei sind die Zeiten, in denen der 27-Jährige seinen Führungsanspruch nur auf das Punkten reduziert. Er schickt Becker-Fäuste an die Hallendecke oder demonstriert seinen Machtanspruch vor der gegnerischen Spielbank. Nachdem er in der Vorrunde dem Türken Mehmet Okur einen Dreipunktwurf ins verdutzte Gesicht gedrückt hatte, drehte er sich um und trabte herausfordernd langsam an der gegnerischen Spielerbank entlang. Alle spürten sie seinen Blick, als wolle er sagen: Ihr könnte mich mal - heute verliere ich nicht. Der türkische Trainer Bogdan Tanjevic sagt später: "Gegen Gott kannst du auch tun, was du willst, er ist der Stärkere." Tanjevic sprach von Nowitzki.

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EM-Finale: Fliegen mit geschlossenen Augen

Nichts ist mehr zu sehen von dem blonden "Mr. Nice Guy", der von sich sagt: "Ich denke immer, dass der Gegner besser ist als ich selbst." Das sei schon in der B-Jugend so gewesen. "Vor den Spielen dachte ich oft: Die können wir nie schlagen." Doch an Nowitzki kommt keiner vorbei. Weder seine Verteidiger, noch die Berichterstatter. Selbst ein serbischer Busfahrer hat beobachtet, warum die Deutschen auf einmal so gut sind: "Nowitzki? Gutes Team." Für die "zweite Elf" interessiert sich hingegen keiner.

Bis sich im Viertelfinale gegen die favorisierten Slowenen das Bild ändert. Bisher war Mithat Demirel als Erfüllungsgehilfe auf seinem verletzten Knie durchs Turnier gehumpelt - hatte acht Mal auf den Korb geworfen und in vier Spielen insgesamt 16 Punkte erzielt. Gegen die Slowenen stehen am Ende 15 Punkte hinter seinem Namen - so viel wie bei Pascal Roller.

Suche nach der Nische

"Jeder von den Jungs hat verstanden, was sie tun müssen, um als Mannschaft erfolgreich zu sein", sagt Dirk Bauermann. "Das müssen die Spieler dem Trainer abkaufen." Was der Trainer verkauft, sind bedingungslose Disziplin, "die deutschen Tugenden", so Bauermann - und der Glaube an ein gemeinsames Ziel, das größer ist als das persönliche Ego. "Bisher dachte ich immer, ein 82:80-Spiel macht vielleicht mehr Spaß als 51:50", sagt Denis Wucherer. "Aber wenn der Dirk vorne so unglaublich spielt, musst du dir hinten eine Nische suchen."

Nowitzki, Bundestrainer Bauermann: Der größte Moment am Schluss
DPA

Nowitzki, Bundestrainer Bauermann: Der größte Moment am Schluss

Wucherer, der in den letzten drei Jahren zu den besten deutschen Schützen in der Basketball-Bundesliga gehörte, war bei der EM mit 2,8 Punkten im Schnitt einer der Schwächsten im Team. Dennoch stellt er nach dem Viertelfinale fest: "Wenn du zwei Punkte in zwölf Minuten machst und danach sagen kannst, das war ein großes Spiel für dich, ist das extrem ungewöhnlich - aber das macht den Teamerfolg eben aus."

Bauermann ist stolz auf sein Werk. "Vor allem, weil Einige Dinge machen müssen, über die sie sich normalerweise nicht definieren." Schließlich hat er innerhalb von nur sechs Wochen Vorbereitungszeit das drittbeste Verteidigungsteam (nach Griechenland und Frankreich) der EM gezimmert. "Es sind ja alles hochintelligente Spieler, die gewinnen wollen", erklärt er eine leicht zu verstehende Gleichung. "Dazu muss du kein Genie sein, um herauszufinden, dass wir die Verteidigung brauchen." Vor allem, wenn man als Trainer eine Konstante wie Dirk Nowitzki hat.

Leidenschaft, Wille, Entschlossenheit

Vor der EM sagte Nowitzki: "Ich bin vom Typ her kein Ego wie zum Beispiel ein Kobe Bryant." Der NBA-Superstar, der wie Michael Jordan auf dem Feld weder Freund noch Feind kennt, ist der Prototyp eines amerikanischen Sporthelden. "Das werde ich nie sein. Aber es gibt immer Spielsituationen, die mir nicht gefallen und wo ich sagen muss: Jetzt ist es Zeit für mich, etwas zu tun - auch wenn ich über zwei Leute hinweg werfen muss." Bei der EM hat sich Nowitzki an seine eigenen Worte erinnert. Seit dem Griechen Nikos Gallis gab es keine Spieler mehr, der eine Europameisterschaft so dominierte wie er. Gallis erzielte 1987 im Finale 40 Punkte, Nowitzki legt 2005 zwar "nur" 23 auf - in der "Belgrad Arena" stellte trotzdem keiner in Frage, wer der wertvollste Spieler der EM war.

Lubomir Kotelbar, Sportdirektor des Weltverbandes Fiba, spricht vom Sabonis-Effekt. Wie der legendäre litauische Center "macht Nowitzki alle Mitspieler um 30 Prozent besser - alleine deshalb, weil er auf der Bank sitzt". Nachdem Nowitzki gegen Russland ein verloren geglaubtes Spiel 30 Sekunden vor dem Ende drehte, wollte er von der Geburtsstunde einer Mannschaft noch nichts wissen.

Doch das Wissen um einen "Dirkules", der es am Ende richtet, ließ eine Einheit erwachsen, in der verkannte Nebendarsteller wie Demond Greene oder Robert Garrett ihre Rolle perfekt verstehen. "Was diese Jungs hier in diesen elf Tagen geleistet haben - an Leidenschaft, an Willen, an Entschlossenheit, an mannschaftlichem Spiel - hat man selten im deutschen Sport so gesehen", sagt Bauermann.

Doch bei aller Verteidigungsstrategie, Teamgeist und Unbeugsamkeit weiß der Bundestrainer, wem der meiste Dank gilt: Dirk Nowitzki, der seiner spielerischen Weltklasse einen Führungsanspruch hinzufügte, wie ihm das viele nicht zugetraut hatten. Ein fassungsloser Stephen Arigbabu versucht zu beschreiben, was unfassbar bleibt. Wie Nowitzki 3,9 Sekunden vor Ende des Halbfinales den Sieg an sich reißt: "Er ist unglaublich, dieser Kerl", stöhnt der 33-jährige Center. "Den letzten Schuss, den er getroffen hat, ich weiß nicht, wie er das gemacht hat. Er war nicht mehr im Gleichgewicht, im Drehen, im Fallen - das Ding war drin, unglaublich."

Wie die Geschichte einer deutschen Mannschaft, die alle für zu schlecht hielten und deren Spielern am Ende eine Silbermedaille um den Hals baumelt.



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