Vor möglichen NBA-Finals in Kanada US-Senator fordert freies Geleit für Basketball-Star Kanter

Der türkische Basketballstar und Erdogan-Kritiker Enes Kanter kämpft mit Portland um den Einzug in die NBA-Finals - und beschäftigt damit auch die Politik. Nun wurde sogar Kanadas Premierminister Justin Trudeau eingeschaltet.

Enes Kanter
John Leyba / AP

Enes Kanter

Von Thilo Neumann


Der demokratische US-Senator Ron Wyden hat freies Geleit für den türkischen Basketballstar Enes Kanter nach Kanada gefordert, sollten Kanter und seine Portland Trailblazers in einer möglichen NBA-Endspielserie auf die Toronto Raptors treffen. Wyden, der den US-Bundesstaat Oregon im Senat vertritt, schickte am Dienstag einen Brief an den kanadischen Premierminister Justin Trudeau und forderte darin, Kanter eine sichere Ein-und Ausreise zu garantieren.

"Ich bitte Ihre Regierung dringend darum, öffentlich zu verlautbaren, dass sie der roten Ausschreibung von Interpol nicht nachkommen wird, die dem Zweck dient, die Lebensgrundlage von Herrn Kanter zu beeinträchtigen sowie ihn und seine Familie in der Türkei einzuschüchtern", heißt es in dem Brief, den Kanter bei Instagram veröffentlicht hat. Auf Anfrage des SPIEGEL teilte Wyden mit, dass Kanter "das Recht haben sollte, sich frei zu äußern und einen autoritären Herrscher wie Erdogan zu kritisieren, ohne Angst vor Vergeltung zu haben".

Kanter, 26 Jahre alt, kämpft derzeit mit Portland im Playoff-Halbfinale gegen die Golden State Warriors um den Finaleinzug - und fürchtet gleichzeitig nach eigenem Bekunden um sein Leben. Die Türkei lässt mit Hilfe einer roten Ausschreibung bei Interpol international nach ihm fahnden und ersucht Staaten, den NBA-Star in seine Heimat auszuliefern. Grund ist Kanters fortwährende Kritik am türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. 2017 etwa nannte er Erdogan den "Hitler unseres Jahrhunderts".

Kanter ist derzeit staatenlos

Kanter setzt sich seit Jahren für den türkischen Prediger Fethullah Gülen ein, der von Millionen Anhängern als islamischer Reformer verehrt wird, den Kritiker jedoch für einen Sektenführer halten und der von der türkischen Regierung bezichtigt wird, hinter dem gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli 2016 zu stecken. Kanter besuchte als Kind Gülen-Schulen und gilt als einer der prominentesten Fürsprecher der Bewegung. "Nachdem ich (Gülens) Vorträge gehört habe, verstand ich, dass er Frieden und den Dienst an der Menschheit predigt", sagte er einst.

Vor zwei Jahren war Kanter die türkische Staatsbürgerschaft aberkannt worden. Seitdem ist er staatenlos, erst 2021 könnte er einen amerikanischen Pass bekommen. Bis dahin bergen Auslandsreisen für Kanter ein Risiko. Erst im Januar sagte der Basketballprofi eine Reise nach London ab, wo er mit seinem damaligen Team, den New York Knicks, antreten sollte - laut eigenen Angaben aus Angst, von Schergen des türkischen Regimes verschleppt oder ermordet zu werden. Kurz darauf erließ die Staatsanwaltschaft in Istanbul über Interpol einen Haftbefehl gegen ihn. Anfang März, Kanter hatte sich mittlerweile den Trailblazers angeschlossen, verzichtete Kanter deshalb auf eine Reise zum Auswärtsspiel nach Toronto.

Damit sich dieses Szenario nicht wiederholt, bekommt Kanter nun diplomatische Unterstützung. Für den Demokraten Wyden, den Absender des Briefs an den kanadischen Premierminister, vermutlich keine ganz uneigennützige Aktion. Der Senator von Oregon ist Fan der Trailblazers, besucht öfter Partien des Teams und ließ sich bereits mehrmals mit Spielern fotografieren, so auch mit Kanter. "Enes Kanter setzt den goldenen Standard für Einsatz und Teamarbeit", kommentierte Wyden ein Foto mit dem Center von Anfang Mai.

Nach dem verletzungsbedingten Ausfall des bosnischen Centers Jusuf Nurkic ist Portland sportlich auf Kanter angewiesen, der etwa in der Zweitrundenserie gegen Denver trotz einer Schulterblessur weiterspielte. Eine Finalteilnahme scheint dennoch unwahrscheinlich. Portland gilt in der Halbfinalserie gegen die Warriors als Außenseiter. In der Nacht zu Mittwoch verlor Kanters Team die erste Partie 94:116 und müsste nun vier der maximal sechs verbleibenden Spiele gewinnen. Toronto duelliert sich mit den Milwaukee Bucks im zweiten Halbfinale, die Serie startet in der Nacht zu Donnerstag.

Laut Kanter können Fans in der Türkei seine Spiele nicht verfolgen. Die Übertragungen würden geblockt, aus Spielberichten zudem sein Name herausgestrichen. Die NBA widerspricht dieser Aussage: "Alle Spiele der Western-Conference-Finalserie werden von Fans in der Türkei im Fernsehen auf NBA-TV und online zu sehen sein", teilt der NBA-Managing-Direktor für Europa und den Nahen Osten, Ralph Rivera, auf SPIEGEL-Anfrage mit.

Anmerkung der Redaktion: Ursprünglich hatten wir geschrieben, dass die Spiele von Kanter in der Türkei nicht zu sehen sind. Die NBA hat seiner Aussage jedoch widersprochen und auf ligaeigene Kanäle verwiesen. Wir haben die entsprechende Stelle angepasst.

Mit Material der dpa



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Partyzant 15.05.2019
1. Respekt
Der Junge Mann ist ein mutiger Mann und wiedersetzt sich dem Sultan und seinen Schergen. Die Demokratie ist noch nicht verloren und diese rechtskonservative Spalter wollen nur Spalten und zerstören ...der Macht und Geldes wegen...Verrat am eigenen Land.
sparrenburger 15.05.2019
2. Was er meinte is doch klar !
Kanters Aussage war wohl ehr auf die türkischen Zeitungen und TV-Kanäle bezogen und nicht auf die Möglichkeit die Spiele zu streamen. Wie arm und unsicher muss ein Land sein, um Angst vor den sportlichen Leistungen eines Basketballers zu haben?! Des weiteren sollte sich jeder Staat dieser offensichtlich missbräuchlichen Vereinnahmung Interpols wiedersetzen. Intetpol sollte generell nicht für politische Aktivitäten zuständig sein und angebliche Straftaten genau überprüfen, bevor die Behörde überhaupt tätig wird. Im wiederholten Missbrauchsfall müssen Staaten eben von solchen Institutionen ausgeschlossen werden.
der_rookie 16.05.2019
3. Hm
Es ist bekannt, dass die Türkei die red notices von Interpool missbraucht. Es sollte also für ein Land möglich sein, vorab zu entscheiden einzelne dieser red notices zu prüfen und gegebenenfalls nicht zu verfolgen. Kanadas Regierung weisst dankenswerterweise regelmäßig international auf Menschenrechte hin. Unabhängig von sportlicher Wahrscheinlichkeit könnte Kanada hier in der Tat politisch ein Signal senden (wollen) und solch eine Zusage geben. Gleichzeitig sollte Interpol den Missbrauch der red notices zu begrenzen. Bisher kann jedes Land beliebig viele Menschen per red notice zur internationalen Fahndung ausschreiben. Wieso nicht die Regeln ändern und jedem Land z.B. 500 red notices im bisherigen Sinne zugestehen. Bei jedem weiteren Antrag nach so einem ˋinternationalen Haftbefehl´ müssen dagegen ausreichend Indizien vorgelegt werden. Dies würde natürlich bedeuten, dass die Polizeibehörde Interpol um eine Art internationale Staatsanwaltschaft ergänzt wird, die diese Indizien prüft bevor dann ein echter internationaler Haftbefehl ausgestellt wird. Ist natürlich nur ein Traum: Die Mehrheit der Staaten dieser Welt wollen ihre Strafanzeigen nicht von internationalen Gremien bewerten lassen.
pizzerino 16.05.2019
4. Wydens Brief ist nicht ganz ohne.
Dritter Absatz, erster Satz. Das geht unter dem Blickwinkel diplomatischer Gepflogenheiten weit über das vordergründige Ziel des Briefes, Zusicherung freien Geleits, hinaus. Wenn Trudeau dem freien Geleit zustimmt, so stimmt er auch der Formulierung zu, dass E die Türkei auf einen "dunklen autoritären Weg" führt. Keine Frage, dieser Meinung kann man sein (bin ich auch), aber so eine Meinung schiebt man nicht unnötigerweise öffentlichkeitswirksam einem Staatschef unter. Bin auf die Antwort gespannt.
archi47 16.05.2019
5. so wie sich Erdogan zu seinem Prinzip des Demokratieausstieges bekennt
Zitat von pizzerinoDritter Absatz, erster Satz. Das geht unter dem Blickwinkel diplomatischer Gepflogenheiten weit über das vordergründige Ziel des Briefes, Zusicherung freien Geleits, hinaus. Wenn Trudeau dem freien Geleit zustimmt, so stimmt er auch der Formulierung zu, dass E die Türkei auf einen "dunklen autoritären Weg" führt. Keine Frage, dieser Meinung kann man sein (bin ich auch), aber so eine Meinung schiebt man nicht unnötigerweise öffentlichkeitswirksam einem Staatschef unter. Bin auf die Antwort gespannt.
und auch gegenüber eigenen Demokraten und Politikern anderer Länder übergriffig geworden ist, so ist es nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht demokratischer Politiker die Dinge beim Namen zu nennen. Auf diplomatische Regeln, die Erdogan permanent verletzt, kann er sich nicht berufen. Er hat das Recht hierauf verwirkt. Es wäre mal interessant über Gülen mehr zu erfahren. Ist ein islamischer Scharfmacher, der Glaubenindoktrination betreibt, oder ist er ein Laizist? Ich befürchte, er würde endgültig einen Religionsstaat einrichten, wie es der Iran ist. Soweit mein Informationsstand. Wenn jemand mehr oder was anderes darüber weis, dann wäre es gut, wenn es mal publiziert würde. Der laizistischen Weg, den Atatürk der Türkei verordnet hat ist bereit nachhaltig zerstört. Die Türkei wird in das "Nichtwissenszeitalter" zurückfallen ...
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