US-Basketballer in Deutschland Von der NBA geträumt, Neustadt bekommen

Weil es nur wenige in die Profiliga NBA schaffen, suchen jedes Jahr Hunderte US-Basketballer ihr Glück in Europa. Brandon Roberts landete in Niedersachsen. Fabienne Hurst und Patrick Wulf haben ihn eine Saison lang begleitet.


"Wow", ruft der Amerikaner in die Nacht. "Ich bin in Germany, Mann!" Die hohen Häuser, die breite Autobahn vor ihm, die vielen Lichter. So hat sich Brandon Roberts Deutschland gar nicht vorgestellt. Doch als die Lichter immer kleiner werden, die Straßen dunkler und fast leer, dreht sich der Amerikaner etwas besorgt zum Fahrersitz. "Coach?" sagt er. "Der Ort, an den wir fahren - ist der urban oder eher ländlich?" Basketballtrainer Allen Smith muss ein Lachen unterdrücken. "Er ist definitiv nicht urban."

Brandon Roberts, 23 Jahre alt, 1,78 Meter groß, fährt mit seinem neuen Trainer vom Flughafen Hannover nach Neustadt am Rübenberge. Eine kleine Stadt auf großer Fläche, 45.000 Einwohner, aber sehr viele Felder. Hier spielen die Neustadt Shooters in der ersten Regionalliga. Point Guard Brandon soll beim Aufstieg in die zweite Bundesliga helfen.

Wer es nicht in die NBA schafft, geht ins Ausland

Zuhause in Alabama hat Brandon an einem kleinen College gespielt. Als Hochschulsport ist Basketball in den USA riesig: Mehr als 1000 Colleges haben ihre eigenen Mannschaften, die Meisterschaften werden jedes Jahr von mehr als 20 Millionen Zuschauern im Fernsehen verfolgt. Viele Spieler träumen von einem Vertrag in der Profiliga NBA. Wer das schafft, verdient Millionen. Doch die Konkurrenz ist riesig. Denn jeden Sommer werden nur 60 Spieler für die NBA ausgewählt. Nur etwa die Hälfte spielt tatsächlich in der darauffolgenden Saison. Und abseits der Profiliga lässt sich in den USA mit Basketball kein Geld verdienen. Es gibt keine Vereinsstruktur wie in Deutschland.

Wer trotzdem Profi werden will, geht wie Brandon ins Ausland. Auch in untere Ligen, in der Hoffnung, aufzusteigen oder entdeckt zu werden. In den meisten deutschen Mannschaften von der Regionalliga aufwärts spielen US-Amerikaner. Oft werden die "400-Euro-Amis" als Naivlinge belächelt. Aber es gibt immer wieder Spieler, die es nach oben schaffen. Ricky Hickmann etwa, der sich eine Saison beim Regionalligisten BG 74 Göttingen verdingte - und heute mit Bamberg in der Champions League spielt. Solche Karrieren halten den Traum am Leben.

Eigentlich war der Traum schon abgehakt

Der Kontakt zwischen Brandon und Coach Smith entstand über einen gemeinsamen Bekannten. Brandon hat den Vertrag unterschrieben, ohne jemals in Neustadt gewesen zu sein. Hier gibt es keine große Halle, keine Cheerleader, Namenssponsor ist der Malerbetrieb Temps.

Eigentlich hatte Brandon den Traum, Profi zu werden, schon abgehakt. Er hat in einem Baumarkt gearbeitet, Regale gefüllt und Kisten geschleppt. Seine kleine Tochter war gerade sechs Monate alt, als die Anfrage aus Niedersachsen kam: Das Team voranbringen - für rund 900 Euro im Monat. Wenn er zusätzlich als Jugendtrainer jobbt. Brandon sagte sofort zu. Nichts sei für ihn wichtiger als Basketball.

An einem Sommerabend in der Neustädter Turnhalle steht die Luft. 45 Grad, keine Klimaanlage. Coach Smith jagt sein Team beim Linienlauf durch die Halle. Aber Brandons Augen leuchten: Endlich hat er einen Ball in der Hand und bekommt Geld dafür. Außer ihm ist nur ein weiterer Spieler fest angestellt. Die anderen sind Studenten, Auszubildende, Minijobber. Oft seien Amerikaner arrogant, heißt es in der Mannschaft, hielten sich "für die Coolsten". Aber Brandon etabliert sich schnell in der Mannschaft, gilt als ehrgeiziger, aber freundlicher Teamspieler, der die anderen anspornt.

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Doch seine Mannschaft startet schwach in die Saison, verliert die ersten Spiele. Und schon vor der Winterpause sind die Aufstiegsträume geplatzt. In der Rückrunde geht es sogar darum, nicht abzusteigen. Brandon fühlt sich unter Druck. "Der Typ von der Lokalzeitung hat geschrieben, dass ich die Teamleistung negativ beeinflusse", sagt er. "Dass ich die Erwartungen an einen Importspieler nicht erfülle." Es ärgert ihn. "Immer, wenn das Team verliert, ist automatisch der Amerikaner schuld."

Manche Vereine halten in Verträgen fest, dass verletzte oder erkrankte Spieler ohne Weiteres nach Hause geschickt werden können. Dann kommt eben ein Neuer. Das Angebot ist groß genug: Selbst kleine Vereine wie die Neustadt Shooters erhalten vor der Saison zwischen 20 und 30 Anfragen von Spielern am Tag.

Brandon will um jeden Preis durchhalten, seine Chance in Deutschland nutzen. Wenn alles gut läuft, wird es nicht sein letztes Jahr in Deutschland. Denn dann beginnt hier seine Profikarriere. Einen Plan B gibt es nicht.

Die freien Journalisten Fabienne Hurst und Patrick Wulf haben Brandon Roberts für die NDR Sportklub Story eine Saison lang begleitet: Die 30-minütige Dokumentation "Deutschland für ein Jahr - der große Traum vom Profibasketball" läuft am Sonntag, den 5. Mai um 23:35 Uhr im NDR Fernsehen - und in der Mediathek.

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spon-facebook-10000012354 05.05.2019
1. Eine gute Option
Zumindest in NRW sind schon in der Oberliga häufig die US Amerikaner die Leistungsträger. Basketball ist eben in den USA so populär wie hier in der BRD Fußball und deshalb die ist die Leistungsdichte in den USA ungleich höher. Übrigens ist dies fast in allen Staaten Europas so. Insofern profitieren beide Seiten davon: die deutschen Spieler können gegen athletisch und technisch gute Spieler trainieren, die US-Amerikaner ihre technischen und athletischen Kompetenzen nutzen. Auch wenn es für die NBA nicht reicht, handelt es sich für europäische Verhältnisse um sehr gute Spieler. Einer der besten war sicherlich Malcolm Delaney, der jetzt wieder in der NBA spielt, nachdem er etliche Meisterschaften in Europa gewonnen hatte. https://de.wikipedia.org/wiki/Malcolm_Delaney
lincoln33t 05.05.2019
2. Vielleicht sollte man auch die eigene Jugend stärker fördern
Statt günstige Amis einzustellen? Zb könnte man damit anfangen in den Städten vernünftige öffentlich zugängliche Basketball Plätze zu bauen. Die einzelnen Körbe die es so bei uns gibt sind ein Armutszeugnis und wurden von Leuten aufgestellt die von Basketball nichts verstehen. Wer schon mal als Basketball interessierter in den USA war weiß wie gute Plätze aussehen, und wie viele es davon gibt. Genau dort, auf der Straße, fangen die Profi-Karrieren an.
Anna156464641156 05.05.2019
3. Langfristige Bindung an den Verein
Mit Basketball hab ich absolut nichts am Hut, kenne aber die Situation aus dem Football und denke das es dort vergleichbar ist. Importe aus NA funktionieren meistens dann nicht, wenn ein Coach eine zu hohen Erwartungshaltung hat und unzufrieden mit den eigenen Spieler ist. Wenn der Coach versucht die Defizite der eigenen Mannschaft damit auszugleichen indem er salopp gesagt lieber der Ami dann auf für ihn fremde Postionen stellt, da diese meistens durch die Art und Weise das Spiel zu lesen, die Athletik und die Erfahrung von Kindesbeinen an immer noch besser ist. Das importieren klappt aber dann wenn der Verein gezielt mit den Spieler eine Strategie entwickelt und versucht diesen bestmöglich zu integrieren und langfristig ohne Träumereien etwas aufzubauen. Da müssen aber beide Seiten zusammen passen und eine langfristige Strategie scheitert gerne am Geld bei den chronisch klammen Kassen in den unteren Liegen.
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