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Basketballer Staiger und Benzing Das fliegende Klassenzimmer

Sie sind jung, hoch talentiert und haben große Pläne: Robin Benzing und Lucca Staiger repräsentieren die junge Generation in der Basketball-Nationalmannschaft. Bei der EM in Polen sollen sie dem DBB-Team helfen - ohne auch nur eine Sekunde in der Bundesliga gespielt zu haben.

Wenn Dirk Bauermann den Blick durch die Trainingshalle schweifen lässt, sieht er Gegenwart und Zukunft des deutschen Basketballs bereits erstaunlich harmonisch kombinieren. Die Vorbereitung auf die Europameisterschaft in Polen ab 7. September ist in vollem Gange, etablierte Kräfte wetteifern mit frischen Talenten um die begehrten Plätze im Kader. Während der Bundestrainer seine zackigen Anweisungen durch die Halle schickt, lauschen Jung und Alt an der Außenlinie.

In einer Szene, für Sekunden nur, stützt sich Lucca Staiger an der Schulter von Robin Benzing ab. Zusammen sind beide gerade einmal sieben Jahre älter als Center-Veteran Patrick Femerling (34), kombiniert haben sie bisher exakt null Spiele in der Basketball-Bundesliga absolviert.

Beide sind nicht nur Mitglieder, sondern, wenn man die EM-Vorbereitung als Maßstab nehmen darf, sogar Vorreiter einer neuen Generation im DBB-Team. Leistungsträger wie Pascal Roller, Robert Garrett und Mithat Demirel haben ihren Rücktritt erklärt, die NBA-Profis Dirk Nowitzki und Chris Kaman stehen zumindest für die EM nicht zur Verfügung. Dafür drängen im Rahmen des von Bauermann angekündigten "Umbruchs" neue Athleten in den Kader: Tibor Pleiß (zuletzt Köln 99ers), Elias Harris (Gonzaga University) oder Per Günther (Ulm) - und eben das Duo an der Seitenlinie.

Dabei standen sowohl Benzing als auch Staiger vor nicht allzu langer Zeit vor der Gretchenfrage, die sich beinahe jeder hoch talentierte deutsche Basketballer am Anfang seiner Karriere stellen muss: Wie hältst du es mit dem US-College? An der Uni lockt eine gute Ausbildung, auf und abseits des Feldes. Ein Profivertrag verspricht dagegen finanzielle Sicherheit, auch wenn, gerade in der BBL, ein regelmäßiger Einsatz alles andere als garantiert ist.

Erst der Wechsel ans College - dann der Schock

Lucca Staiger entschied sich 2007 für den Sprung an die renommierte Iowa State University. Kaum in der US-Provinz angekommen, folgte auf den Kulturschock die sportliche Hiobsbotschaft: Staiger war in Deutschland für das Team Ehingen/Urspringschule aufgelaufen, ohne Bezahlung. Da jedoch einige seiner Teamkollegen Geld erhalten hatten, entzogen die strengen College-Offiziellen Staiger seinen Status als Amateur - mit einem Jahr Sperre als automatischer Konsequenz.

Der damals 19-Jährige durfte zwar die Trainingseinrichtungen nutzen, bei Auswärtspartien aber nicht einmal auf der Tribüne sitzen. Auch eine Online-Petition seiner Kommilitonen, die tausendfach unterzeichnet wurde, half nicht. "Natürlich war das frustrierend. Aber ich habe mich dann auf die Schule konzentriert und mich individuell verbessert", sagte Staiger während der Vorbereitung auf die Europameisterschaft. Nach überstandener Leidenszeit durfte der 1,95 Meter große Guard endlich sein Debüt feiern, das Drama um seine Suspendierung hatte sogar den US-Sportsender ESPN auf den jungen Deutschen aufmerksam werden lassen. 8,2 Punkte erzielte Staiger in seiner ersten Saison für Iowa im Schnitt, wurde zweimal zum Neuling der Woche in seiner College-Division gewählt. Auf diesen Erfolg will der 21-Jährige langfristig aufbauen: "Mein Ziel bleibt die NBA. Aber wenn das nicht klappt, spiele ich auch in Europa."

Staigers College-Sperre als abschreckendes Beispiel

Robin Benzing hat den sportlichen Werdegang seines DBB-Teamkameraden aufmerksam verfolgt und seine Lehren aus der rigiden Regelauslegung des College-Verbandes gezogen. Obwohl Angebote renommierter US-Unis vorlagen, wird der 2,08-Meter-Mann ab der kommenden Saison in Ulm auf Korbjagd gehen. BBL statt NCAA, also. "Die Entscheidung war schwierig, aber jetzt bin ich bereit für den nächsten Schritt und freue mich auf Ulm", sagt Benzing. Während Staiger, positionsbedingt, perspektivisch als Nachfolger der langjährigen Aufbauspieler Roller und Demirel gelten kann, gehen die Vergleiche bei Benzing eher in Richtung Dirk Nowitzki. Wie der NBA-Star ist der 20-Jährige bei stattlicher Größe mit einem exzellenten Distanzwurf ausgestattet und kann sich so Vorteile gegenüber den Kontrahenten, vor allem auf der Position vier, verschaffen. Bis er dort als vollwertige Alternative durchgehen kann, muss Benzing aber sicher noch einiges an Muskelmasse aufbauen.

Die Vergleiche mit Nowitzki schmeicheln dem Bundesliga-Debütanten dennoch schon jetzt: "Er ist mein Vorbild und ich kann mir bei ihm sicher die ein oder andere Bewegung abgucken." Durch die Absage des Mavericks-Profis kann sich Benzing beim EM-Turnier auf mehr Einsatzzeit auf den Forward-Positionen freuen - und auf präzise Anspiele von Lucca Staiger.

Obwohl beide Nachwuchskräfte verschiedene Wege gewählt haben, können sie nun in Polen gemeinsam dafür sorgen, dass Bundestrainer Bauermann beim Blick auf und in die DBB-Zukunft ganz entspannt bleiben kann.