BDR-Präsident im Faktencheck Die fragwürdigen Aussagen von Rudolf Scharping 

Am Samstag kommt es zum Duell um die Führung im deutschen Radsportverband. Während die Herausforderin Sylvia Schenk zumindest Reformabsichten formuliert, bleibt Amtsinhaber Rudolf Scharping still. Seine wenigen Aussagen sind allerdings bedenklich. Ein Faktencheck.

BDR-Präsident Scharping (Archiv): "Seit Jahren keinen Dopingfall mehr"
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BDR-Präsident Scharping (Archiv): "Seit Jahren keinen Dopingfall mehr"


In einem "Plädoyer für den Radsport in Deutschland" hat die ehemalige deutsche Radsport-Präsidentin Sylvia Schenk kurz vor der Wahl ihre zentralen Reformabsichten formuliert. Darin nennt die Frau, die am Samstag Rudolf Scharping vom BDR-Thron stoßen will - wenn auch wenig konkret - fünf Verbesserungsvorschläge für die zukünftige Arbeit im deutschen Radsportverband.

Ihr Gegenüber, der ehemalige SPD-Kanzlerkandidat Scharping, fährt eine andere Strategie: Wenig bis gar keine Kommunikation mit der Öffentlichkeit. Einen Fragenkatalog von SPIEGEL ONLINE ließ er unbeantwortet und lehnte ein Interview ab. Öffentliche Äußerungen erfolgen nur auf Wegen, die Scharping selbst bestimmt hat. Nun prüft SPIEGEL ONLINE einen Tag vor der Wahl einige von Scharpings Äußerungen.

"In Deutschland gibt es seit Jahren keinen Dopingfall mehr (Patrik Sinkewitz war der letzte) und wir tun alles, dass das so bleibt."

Das ließ Rudolf Scharping, der seit acht Jahren BDR-Präsident ist, am 26. Januar 2013 im Chat auf rad-net.de, dem laut Satzung "amtlichen Organ des BDR" wissen. Der Dopingfall des ehemaligen Telekom-Profis Sinkewitz ist datiert auf das Jahr 2007. Doch alleine bis 2012 folgten 32 weitere Dopingvorgänge im BDR, die in den Jahresberichten der Nationalen Antidoping-Agentur Nada dokumentiert sind.

Scharping sagt die Unwahrheit - und muss sich den Vorwurf gefallen lassen, die Dopingproblematik im Radsport herunterzuspielen.

"Das Wachstum der Mitgliederzahlen ist ein mehr als ausgezeichnetes Ergebnis."

Dieses Urteil fällt Scharping im Berichtsheft zur Bundeshauptversammlung 2013. Ein oberflächlicher Blick auf die Mitgliederentwicklung gibt dem ehemaligen Verteidigungsminister Recht: Seit seiner Amtseinführung wuchs der BDR um etwa 11.000 Mitglieder. Dennoch kommuniziert Scharping in diesem Zusammenhang nicht alles, erwähnt den problematischen Aspekt dieser Entwicklung nur in Nebensätzen. Die Zahl der lizenzierten Mitglieder (beispielsweise Radprofis oder Trainer) sank in den vergangenen acht Jahren um 16 Prozent. Im Jugendbereich (bis 18 Jahre) ist die Entwicklung noch dramatischer. Im Vergleich zum Jahr 2005 verlor der BDR etwa 22 Prozent seiner Lizenzfahrer.

Scharping sagt also nur die halbe Wahrheit.

"Als BDR haben wir schon gesagt: wer von Doping wusste oder an seiner Vertuschung beteiligt war, sollte kein Ehrenamt bekleiden."

So äußerte sich Scharping im Januar ebenfalls im rad-net Chat. Damals bezog er sich auf den viel kritisierten UCI-Präsidenten Pat McQuaid. In seinem eigenen Team beschäftigte er bis Ende 2011 mit Burckhard Bremer als Leistungssportdirektor des BDR ebenfalls eine hoch umstrittene Persönlichkeit, bis dieser aus Altersgründen aus dem BDR ausschied. Bremer wurde vorgeworfen, in einem konkreten Fall einen "Dopingverdacht vertuscht" zu haben, wie das Berliner Kammergericht im April 2010 urteilte. Bremer hatte dies auch danach stets bestritten.

Nach Recherchen von SPIEGEL ONLINE arbeitet Bremer 2013 wieder im Radsport und dies in einer BDR-nahen Funktion. "Herr Bremer unterstützt die rad-net.sports GmbH bei der Gewinnung und Betreuung von Sponsoren", bestätigt der Geschäftsführer der rad-net sports GmbH, Ulrich Müller, SPIEGEL ONLINE. Eine brisante Personalie, da diese Kapitalgesellschaft als Träger des "rad-net ROSE Teams" fungiert. Das Team wurde 2013 auf Initiative des BDR gegründet, um den Ausdauerbereich des deutschen Bahnradsports zu stärken. Auf Nachfrage bestritt Müller eine sportliche Einflussnahme von Bremer auf das Team.

Dem widerspricht Robert Bartko, der sich am Samstag um die Position "Vizepräsident Leistungssport" bewerben wird: "Herr Bremer hat einen massiven Einfluss auf das Team. Dieses Team wäre das erste, was ich wieder einstellen würde, um die Verschwendung von Mitteln wieder zu stoppen." Die personelle Entwicklung im Bahnteam ist auch deswegen brisant, weil das rad-net ROSE Team zum Teil mit öffentlichen Geldern finanziert wird. Auch zu Bremer äußerte sich der BDR auf Nachfrage nicht.

Es besteht Klärungsbedarf. In den letzten Tagen betonte Scharping, dass er nur weitermachen möchte, wenn er sein Funktionärsteam behalten könne. Ob er die genaue Rolle von Bremer im BDR-nahen Förderteam dann untersuchen wird, bleibt abzuwarten.

Bisher ist fraglich, dass Scharping seine zitierte Aussage konsequent umsetzt.

Der Präsident des Hamburger Radsportverbandes und "Tagesschau"-Sprecher Marc Bator sieht in der Kommunikation eine Schlüsselaufgabe für die zukünftige Führungsspitze des BDR, unabhängig von der Person müsse er ein transparentes Image gewinnen: "Ich bin der Meinung, dass der BDR Versäumnisse auf dem Gebiet der Kommunikation gehabt hat. Er muss in Zukunft neben seiner Erfolge auch die Schwierigkeiten kommunizieren."

Herausforderin Schenk zeigt sich auskunftsfreudiger, gilt deswegen aber nicht als unumstrittene Präsidentschaftskandidatin. Sollte sie gewählt werden, muss sie die Fragen beantworten können, wie sie mit ihren anderen Funktionsämtern im Sport umgeht. SPIEGEL ONLINE teilt sie mit: "Ich habe die Geschäftsführung von Transparency International Deutschland informiert, dass mein Amt (Schenk ist Mitglied des Vorstands; die Red.) ab sofort ruht." Über ihre Rolle als Richterin des internationalen Sportgerichtshofs Cas möchte sie nachdenken und sich informieren, ob Präsidenten aus anderen Sportverbänden gleichzeitig beim Cas tätig seien.

Seit Donnerstag tagen die Delegierten der Bundeshauptversammlung. In den Sitzungen wird Scharping versuchen, die unschlüssigen Landesverbände für sich zu gewinnen. Eine enge Wahlentscheidung gilt als wahrscheinlich. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE könnte dabei dem fünftgrößten Landesverband Baden eine Schlüsselrolle zukommen. Die Stimmen der anderen großen Verbände sind bereits zwischen den Befürwortern von Scharping und Schenk verteilt.

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insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
StFreitag 23.03.2013
1. Rudirente!
Sofort. Es reicht.
stedaros 23.03.2013
2. Change
Ich finde in deutschen TV Medien so gut wie keinen Radsport mehr, was Gründe hat. Der BDR nimmt das nicht zur Kenntnis und arbeitet die Dopingvergangenheit nicht auf. Herr Scahrping sonnt sich auf seinem Posten. Nur zu Wahlen hört man was von ihm. Ansonsten ist er ein Totalausfall und kann gewiss keine neuen Impulse setzen. Ob das Frau Schenk kann, ist auch nicht sicher. Warten wir auf Robert Bartko und schicken den Scharping in den "wohlverdienten" Ruhestand. Bitte lieber BDR, tut es für den deutschen Radsport.
archivdoktor 23.03.2013
3. Ach ja...
Zitat von sysopDPAAm Samstag kommt es zum Duell um die Führung im deutschen Radsportverband. Während die Herausforderin Sylvia Schenk zumindest Reformabsichten formuliert, bleibt Amtsinhaber Rudolf Scharping still. Seine wenigen Aussagen sind allerdings bedenklich. Ein Faktencheck. http://www.spiegel.de/sport/sonst/bdr-praesident-rudolf-scharping-im-faktencheck-a-890385.html
....der Scharping, den gibt`s ja immer noch. Ist das Amt des BDR-Präsidenten ein Ehrenamt oder wird da auch richtig Kohle verdient?
goethestrasse 23.03.2013
4. Da darf es einem doch übel werden ...
Klüngelei und Profilierungssucht. Einer so schlimm wie der andere und über Doping wird erst gesprochen, wenn die Fälle verjährt sind oder die Karriere beendet.
woodeye 23.03.2013
5. Am besten an den Luegendetektor anschliessen !
Bei Luegerei: Stromstoss, der sich gewaschen hat.
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