Mauritius bei der Beachvolleyball-WM Die Geschichte hinter der höchsten WM-Niederlage

Maita Cousin und Nathalie Letendrie kassierten die höchste Niederlage der WM-Historie im Beachvolleyball. Ein Gespräch über fehlende Strukturen auf Mauritius und warum das Turnier trotzdem ein Erfolg für sie war.

Maita Cousin und Nathalie Letendrie
FIVB

Maita Cousin und Nathalie Letendrie

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Es war eine Meldung, bei der man zunächst nicht wusste, ob man schmunzeln sollte, oder Mitleid haben. Maita Cousin und Nathalie Letendrie mussten am Sonntag bei der Beachvolleyball-WM in Hamburg (noch bis 7. Juli) die höchste WM-Niederlage jemals hinnehmen. Das Duo vom Inselstaat Mauritius im Indischen Ozean verlor gegen die US-Amerikanerinnen Kerri Walsh Jennings und Brooke Sweat Youngquist 2:21, 2:21.

Doch hinter dieser hohen Niederlage stecken auch Geschichten. Zum Beispiel die von fehlenden Beachvolleyball-Strukturen in Afrika. Oder die eines Sports, der für beide Spielerinnen bisher nur Hobby ist: Cousin ist 38 Jahre alt und zweifache Mutter. Sie arbeitet in Vollzeit als Verwaltungsfachangestellte. Letendrie, 30 Jahre alt, ist im Personalwesen zuständig und hat ebenfalls zwei Kinder. Die WM in Hamburg war für beide das erste Turnier außerhalb Afrikas. Alle drei Vorrundenspiele haben sie verloren.

SPIEGEL ONLINE: Frau Letendrie, Frau Cousin, wie hat sich die höchste WM-Niederlage der Geschichte für Sie beide angefühlt?

Nathalie Letendrie: Nicht gut.

Maita Cousin: Wir sind natürlich nicht glücklich darüber. Aber auf der anderen Seite spielen und trainieren wir auf einem ganz anderen Level als die anderen Teams hier. Wenn man sich unser Niveau, unsere Trainingsmöglichkeiten, unsere gesamten Rahmenbedingungen anschaut, repräsentiert das Resultat ganz einfach die Realität.

Lentendrie: Die traurige Realität.

Cousin: Auf Mauritius hat der Sport leider keine große Priorität, wir haben keine professionellen Strukturen. Wir tun, was wir können. Die Mannschaften aus unserer Gruppe sind so gut, dass sicher eine von ihnen Weltmeister wird.

Letendrie: Ja, aber wir hätten uns besser schlagen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Jürgen Wagner, Trainer der Olympiasiegerinnen Laura Ludwig und Kira Walkenhorst, hat während der WM 2017 in Wien nach einem hohen Sieg gegen Marokko gesagt, das solche Spiele nichts für die Entwicklung seines Teams bringen.

Cousin: Das ist sehr unfair. Wie sollen wir sonst besser werden, wenn wir uns nicht mit anderen messen dürfen? Man muss Afrika erlauben, den nächsten Schritt zu machen. Sonst werden wir uns nie entwickeln. Wir brauchen Unterstützung. Events wie die WM helfen uns, die Lücke irgendwann zu schließen.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange bereiten Sie sich auf die WM vor?

Cousin: Wir beide spielen erst seit zwei oder drei Wochen zusammen. Nathalie hat sich eigentlich zusammen mit Liza Bonne für die WM qualifiziert, indem sie den zweiten Platz beim African Nations Cup erreicht haben. Aber was Liza nicht wusste, war, dass sie laut den Regularien des Weltverbandes noch mehr offizielle Turniere hätte spielen müssen, um bei der WM startberechtigt zu sein. Das hat sie erst vor Kurzem vom Afrikanischen Verband erfahren. Deswegen bin ich eingesprungen.

Letendrie: Das Problem ist nur, wir sind beide Blocker, spielen also eigentlich dieselbe Position. Das passt nicht so gut, aber wir kriegen es irgendwie hin.

Cousin: Wir genießen einfach die Zeit und nehmen so viel wie möglich mit.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß ist Beachvolleyball auf Mauritius?

Cousin: Es wird noch nicht lange gespielt, eigentlich erst seit 2010. Wir hatten ein Team aus Mauritius (Anm. d. R.: Natach Rigobert und Elodie Li Yuk Lo), das die European Tour gespielt hat, aber die haben beide nicht auf der Insel gelebt, sondern in Frankreich und Kanada. Sie haben sich für Olympia in London 2012 qualifiziert. Das war der Startschuss für Beachvolleyball auf Mauritius.

SPIEGEL ONLINE: Wie unterstützt Sie Ihr Verband?

Letendrie: Das Land und der Verband übernehmen alle Kosten für die WM. Wir wissen nicht genau, wer was bezahlt, aber wir sind es nicht. Wir bekommen allerdings auch kein Geld. Wir haben beide Urlaub genommen, um hier dabei zu sein.

Cousin: Ja, wir sind beide arbeitende Mütter, haben jeweils zwei Kinder. Ich bin in der Verwaltung tätig und Nathalie arbeitet im Human Resource Management. Wir trainieren viermal die Woche nach der Arbeit. Aber auch erst seit knapp zwei Jahren regelmäßig. Beachvolleyball ist ein Hobby, nicht unser Beruf.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet Ihnen die WM-Teilnahme?

Cousin: Es ist ein wahrgewordener Traum. Ich hätte niemals gedacht, dass ich gegen all diese Teams spielen darf, die ich sonst nur von YouTube kenne. Nicht viele Menschen bekommen so eine Chance.

SPIEGEL ONLINE: Was müsste passieren, damit Sie dauerhaft auf der FIVB World Tour mitspielen?

Cousin: Sponsoring, darauf läuft es hinaus. Wir bräuchten jemanden, der alles bezahlt. Wenn wir nicht mehr arbeiten müssten, hätten wir Zeit, um auf einem professionellen Level zu trainieren. So einfach ist das. Momentan kostet es uns Geld, Beachvolleyball zu spielen. Wir spielen vielleicht zwei Turniere im Jahr, immer in Afrika. Ich hoffe für die nächste Generation, dass wir unter anderem mit unserer WM-Teilnahme den Weg bereiten, dass andere nach uns die Chance haben, professionell Volleyball zu spielen.

SPIEGEL ONLINE: Was steht nach der WM an?

Letendrie: Die African Games in Marokko im August. Da werden wir aber wahrscheinlich nicht zusammen spielen, aber das haben die Trainer noch nicht entschieden. Der Gewinner qualifiziert sich für Olympia in Tokio 2020.

Cousin: Ich glaube, ich werde meine Karriere nach diesem Jahr beenden. Ich bin 38, muss arbeiten und habe eine Familie.



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pjotrmorgen 03.07.2019
1. Guter Artikel, sympathische Sportlerinnen
Ja es gibt nicht nur "Ausnahmesportler*Innen" auf diesem Planeten, die durch Millionen von Dollars und Euro und sehr wahrscheinlich kilogrammweise Dopingmittel Weltmeister und Olympiasieger werden. Die beiden Frauen aus Mauritius sind vielleicht nur eine Randnotiz, eine Kuriosität, aber für mich besser und sympathischer als jede Siegerin nach der seelenlosen US-Mentalität mit Kapitalismusgen. Eines Tages, wenn jedes Doping durch entsprechende wissenschaftliche Analyse-Methoden unmöglich wird, haben die beiden oder ihre Kindeskinder eine Chance zu den echten Siegerinnen zu gehören, die auch einmal bei WM und Olympia triumphieren werden.
olli_b 03.07.2019
2. nicht nur Doping
Zitat von pjotrmorgenJa es gibt nicht nur "Ausnahmesportler*Innen" auf diesem Planeten, die durch Millionen von Dollars und Euro und sehr wahrscheinlich kilogrammweise Dopingmittel Weltmeister und Olympiasieger werden. Die beiden Frauen aus Mauritius sind vielleicht nur eine Randnotiz, eine Kuriosität, aber für mich besser und sympathischer als jede Siegerin nach der seelenlosen US-Mentalität mit Kapitalismusgen. Eines Tages, wenn jedes Doping durch entsprechende wissenschaftliche Analyse-Methoden unmöglich wird, haben die beiden oder ihre Kindeskinder eine Chance zu den echten Siegerinnen zu gehören, die auch einmal bei WM und Olympia triumphieren werden.
Selbst ohne Doping (verbotene Substanzen und verbotene Methoden) gäbe es Unterschiede. Training, Betreuung Nachwuchsförderung, ob das Geld für eine Profikarriere reicht usw.
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