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Extrembergsteiger Böhm "Der Tod ist Teil dieses Sports"

In Weltrekordzeit hat Benedikt Böhm den achthöchsten Berg der Welt bezwungen. Knapp 24 Stunden brauchte er bis zum Gipfel des Manaslu und wieder hinunter. Doch freuen konnte er sich nicht: Eine Woche zuvor waren am Berg elf Menschen gestorben - Böhm und seine Freunde hatte die Leichen geborgen.

Die Fingerspitzen waren erfroren, er kümmerte sich nicht drum. Benedikt Böhm spürte schon seit Stunden seinen Körper nicht mehr. Keine Schmerzen, keinen Hunger, alles taub. Mechanisch grub er ein Loch in den Schnee, legte einen Karabinerhaken hinein und einen Schal dazu: Vergraben am Gipfel des Mount Manaslu, 8163 Meter über dem Meer.

Es war der 30. September, als Böhm mit der schnellsten Begehung des achthöchsten Bergs der Erde ein neuer Weltrekord gelang, 23,5 Stunden. Sieben Tage zuvor waren an gleicher Stelle elf Menschen bei einem Lawinenunglück gestorben. Es wären wohl mehr gewesen, wären Böhm und sein Team nicht rechtzeitig da gewesen.

15 Stunden brauchte der 35-Jährige eine Woche nach der Tragödie vom Basislager des Himalaja-Berges in Nepal bis auf die Spitze des Manaslu, zu Fuß und auf Skiern, ohne künstlichen Sauerstoff. Doch als er auf dem Gipfel angekommen war, riss er nicht die Arme in die Luft, stieß keinen Jubelschrei aus. Zusammengekauert ließ er sich von anderen Bergsteigern vor der blendenden Sonne fotografieren und kletterte nach wenigen Minuten wieder runter. "Plötzlich hatte der Berg für mich dieses schwere Schicksal. Ich spürte Demut, keine Freude", sagt Böhm.

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Extremsportler Böhm: Wenn der Berg ruft

Foto: DYNAFIT-Gore-Tex Team

Der Karabiner gehörte einem Opfer des Lawinenunglücks. "Ob die Person überlebt hat oder nicht, weiß ich nicht", sagt Böhm. Für ihn sei die symbolische Beerdigung des Hakens ein guter Weg gewesen, mit dem Unglück umzugehen. Doch die Bilder und Geräusche des 23. September werden ihn sein Leben lang verfolgen - und seine außergewöhnliche sportliche Leistung immer begleiten.

Als Skilangläufer begann Böhm mit dem Extremsport, im Sommer trainierte er Bergläufe. Von 2003 bis 2006 war der Münchner Mitglied der Nationalmannschaft im Skibergsteigen und nahm an der Weltmeisterschaft teil. In Oxford und Massachusetts studierte Böhm Wirtschaftswissenschaften, mittlerweile arbeitet er als Geschäftsführer bei einer Outdoorfirma. Und nebenher besteigt er die höchsten Berge der Welt, stellt einen Geschwindigkeitsrekord nach dem anderen auf.

Alle Geretteten überlebten

Gemeinsam mit fünf Kameraden befand Böhm sich in der Nacht des Unglücks in der Nähe von Hochlager 3, auf etwa 6400 Metern Höhe. Das Team kannte den Manaslu schon von einer abgebrochenen Expedition vor fünf Jahren und wählte auf seiner Akklimatisierungstour deshalb einen Schlafplatz in einiger Entfernung vom Lager, in dem andere Expeditionen campierten. "Wir hatten Respekt vor dem Berg, vielleicht sogar Angst", sagt Böhm. Die hat ihm und seinen Freunden womöglich das Leben gerettet.

Um 4.30 Uhr hörten sie die Lawine abgehen. Durch die enorme Druckwelle war ihnen sofort bewusst, dass es keine gewöhnliche war. Beim Blick aus dem Zelt sahen sie Stirnlampen, hörten Hilfeschreie. Die Schneemassen hatten das benachbarte Lager 3 erwischt.

15 Minuten später war die Gruppe am Lawinenfeld, bis zum Morgen versorgte sie Verletzte und barg Tote. "Eine Frau starb uns in den Armen. Sie hatte durch Eisbrocken innere Verletzungen erlitten", sagt Böhm. Auch für zehn weitere Bergsteiger kam jede Hilfe zu spät. Alle anderen Verwundeten wurden von Helikoptern abtransportiert - und überlebten. Die gute Nachricht erreichte die Ersthelfer noch am selben Abend im Basislager. "Es tat gut zu hören, dass das da oben nicht alles umsonst gewesen war", sagt Böhm. "Das hat uns wieder aufgebaut."

In den folgenden Tagen diskutierte die Gruppe: aufsteigen oder abbrechen? Drei Bergsteiger beendeten die Expedition, Böhm und zwei andere, Sebastian Haag und Constantin Pade, entschieden sich, weiterzumachen. Er habe dem Berg nicht einfach den Rücken kehren wollen, nicht nach all den Strapazen des Trainings, nicht mit den frischen Eindrücken des Unglücks, sagt Böhm. Er wollte auf den Gipfel, trotz - oder gerade wegen - der Lawinenopfer. "Jeder weiß, dass der Tod Teil dieses Sports ist. Er ist immer eine Option", sagt er.

Allein auf den Gipfel

Am frühen Abend des 29. September machten sich die verbliebenen Gruppenmitglieder vom Basislager aus auf den Weg, ausgerüstet mit 2,5 Litern Flüssigkeit und etlichen Packungen Nahrungsgels. "Wegen des Sauerstoffmangels hat man keinen Appetit und muss sich jede Stunde daran erinnern, etwas zu essen. Die Höhenluft tötet alle Gelüste und Gefühle ab", sagt Böhm. Auch deshalb habe er an nichts anderes als an den Aufstieg gedacht - "sonst bringst du dich in Lebensgefahr". Nur manchmal seien rechts und links des geistigen Tunnels Bilder vom Lawinenfeld aufgeflackert.

Die drei Extremsportler hatten vereinbart, dass jeder sein eigenes Tempo gehen, niemand dem anderen hinterherhetzen oder auf jemanden Rücksicht nehmen sollte. "Wenn du nicht deinen eigenen Rhythmus läufst, hast du verloren", sagt Böhm. Schon vor Lager 3 war er den anderen voraus. Er lief allein weiter durch Gletscherbrüche und einen Sturm, kämpfte gegen Kälte und Müdigkeit. Überholte auf seinem Weg zur Spitze kommerzielle Expeditionen mit Atemmasken und Sherpas, die die Ausrüstung der zahlenden Kundschaft schleppten.

Rund 200 Meter unterhalb des Gipfels, als er schon wieder auf dem Rückweg war, traf er auf seine Kameraden. "Sie waren extrem erschöpft. Sie haben sich entschieden umzukehren. Nach allem, was passiert war, war ich froh darüber, gemeinsam mit den Skiern abzufahren", sagt Böhm. Doch die Abfahrt von knapp 8000 Metern stellte sich als Höllentrip heraus. Knapp sechs Stunden brauchten die drei, um wieder ins Basislager zu kommen. "Es war, als führe man durch ein aufgewühltes, festgefrorenes Meer", sagt Böhm. "Ein Sturz wäre ein Absturz gewesen." Es ging gut.

Zwei Tage später, am 2. Oktober, landeten Böhm und sein Team wieder in München, am Abend hatte eine Freundin einen Tisch auf dem Oktoberfest reserviert. "Es fühlte sich an, als bekäme ich mein Leben plötzlich wieder geschenkt", sagt Böhm: "Es war das Zurückkommen ins Paradies." Seine Fingerspitzen spürt er noch immer nicht ganz.