Todessturz im Vielseitigkeitsreiten "Hundertprozentige Sicherheit wird es nie geben"

Exbundestrainer Martin Plewa überwacht auf dem Turnier in Luhmühlen als Technischer Delegierter die Sicherheit des Parcours. Der tödliche Sturz von Benjamin Winter ist ihm unerklärlich.

Vielseitigkeitsreiter in Luhmühlen: Sportart in der Kritik
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Vielseitigkeitsreiter in Luhmühlen: Sportart in der Kritik

Ein Interview von Olaf Stampf


SPIEGEL ONLINE: Der Parcours beim Vielseitigkeitsturnier in Luhmühlen war leichter als in früheren Jahren. Doch ausgerechnet diesmal kam es zu einem halben Dutzend Stürzen an Baumstämmen, Hecken oder Tischen. Der deutsche Reiter Benjamin Winter starb, als er mit dem Kopf aufschlug. Wie ist eine solche Unglücksserie zu erklären?

Plewa: Das ist auch für mich ein Rätsel. Fast alle Stürze ereigneten sich dabei auch noch an Hindernissen, die eigentlich zur Erholung zwischen den schwierigen Wasserteichen gedacht waren. Wir bewegen uns offensichtlich auf einem schmalen Grat: Sind die Anforderungen zu leicht, werden die Reiter womöglich zu nachlässig - was paradoxerweise die Sturzgefahr erhöhen kann.

SPIEGEL ONLINE: War das Hindernis, an dem der junge deutsche Reiter Benjamin Winter tödlich verunglückte, auch ein leichter Sprung?

Plewa: Der aus Baumstämmen gezimmerte Tisch sah zwar recht wuchtig aus, 1,16 Meter hoch und 1,90 Meter weit. Aber in der Tat war das ein total sicheres, kontrastreiches Hindernis, für die Pferde gut zu bewältigen. Keiner von uns wäre jemals auf die Idee gekommen, dass es ausgerechnet dort zu einem Sturz kommen könnte. Die Videoaufzeichnungen zeigen, dass der Wallach zu spät absprang - was bei einem solchen Hindernis eigentlich unerklärlich ist. Vielleicht ließ sich das Pferd im entscheidenden Moment durch die Zuschauer ablenken.

SPIEGEL ONLINE: Warum verfügen die bei Vielseitigkeitsturnieren errichteten Naturhindernisse nicht über Sollbruchstellen, um tödliche Unfälle zu verhindern - ähnlich wie im Springsport, wo im Notfall die bunten Stangen herunterfallen?

Plewa: Bei einigen Hindernissen haben wir inzwischen Sollbruchstellen eingebaut. Aber das geht nicht bei jedem der festen Hindernisse im Gelände. Wenn so ein überdimensionaler Holztisch in sich zusammenfiele und die Hindernisteile zwischen die Pferdebeine gerieten, könnte es erst recht zu schweren Unfällen kommen. Experimente in England haben gezeigt, dass die Sollbruchstellen nicht zu schnell nachgeben dürfen und auch nicht überall geeignet sind.

SPIEGEL ONLINE: Wie genau sehen solche Sollbruchstellen aus?

Plewa: Baumstangen liegen auf Metallrohren, die brechen, wenn hoher Druck draufkommt. Die herunter fallenden Stangen werden dann von einem Drahtgeflecht aufgefangen, damit sie nicht in der Gegend herumfliegen.

SPIEGEL ONLINE: Reiter machen Fehler. Würden alle perfekt reiten, gäbe es ja auch keine Sieger und Verlierer. Doch ist ein Sport akzeptabel, bei dem Fehler mit dem Tode bestraft werden?

Plewa: Natürlich nicht! Wir haben aus früheren Unglücken gelernt. Die Hindernisse werden deshalb heute so konstruiert, dass es nach menschlichem Ermessen nicht mehr zu schweren Stürzen kommen kann. Fehler sollen möglichst darin bestehen, dass ein Pferd vorbeiläuft oder den Sprung verweigert. Um das zu erreichen, sind die Geländehindernisse im Laufe der Jahre immer schmaler geworden. Auf diese Weise soll der Reiter gezwungen werden, sein Pferd sehr kontrolliert auf die Sprünge zuzusteuern. Nur: Hundertprozentige Sicherheit wird es in unserem Sport nie geben, ein Restrisiko bleibt.



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