Beziehungsstress Der Zwist der bockigen Belgier

Während Bianchi-Kapitän Jan Ullrich und Telekom-Fahrer Alexander Winokurow trotz ihrer großen sportlichen Rivalität abseits der Strecke Freunde geblieben sind, herrscht zwischen den Verantwortlichen ihrer Teams Funkstille. Dabei waren Rudy Pevenage und Walter Godefroot bis vor wenigen Monaten noch enge Vertraute.

Von Till Schwertfeger, Pau


Rudy Pevenage (mit Jan Ullrich): "Wie man mich behandelt hat, ist beschämend"
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Rudy Pevenage (mit Jan Ullrich): "Wie man mich behandelt hat, ist beschämend"

Pau - Ein einziger Satz Walter Godefroots spricht Bände, wie es um das Verhältnis zwischen dem Telekom-Teamchef und seinem früheren Angestellten Rudy Pevenage bestellt ist: "Ich würde mich sehr für Jan Ullrich freuen, wenn er die Tour gewinnen sollte, aber nur für ihn, nicht für Pevenage." Bis vor acht Monaten sprach Godefroot stets fast liebevoll von "Rudy", jetzt nennt er den Sportlichen Leiter vom Bianchi-Team barsch "Pevenage". Wenn er überhaupt einmal über ihn spricht.

Aus dem Freund ist ein unliebsamer Bekannter geworden. Beim Meeting der Teamleiter vor dem Prolog der Jubiläums-Tour in Paris - es ist die 90. Auflage in 100 Jahren - gingen sich die beiden Belgier aus dem Weg, würdigten sich keines Blickes. "Es gibt ein Problem zwischen den beiden", sagt Olaf Ludwig. Der frühere Telekom-Kapitän und jetzige Teamsprecher kennt Godefroot und Pevenage seit vielen Jahren. Ob sie sich jemals wieder versöhnen? Ludwig zieht die Schultern hoch - und schweigt.

Seit 1992 betreibt Walter Godefroot, 60, mit seiner Firma BVBA das Team Telekom. Als Radprofi trug der gelernte Schreiner den Spitznamen "Rakete von Dongen". Er sammelte mehrere Klassiker-Erfolge, wurde belgischer Meister gegen Eddy Merckx und gewann 1975 die Schlussetappe der Tour de France, die damals erstmals auf den Champs-Elysées endete.

Auch sein Landsmann Rudy Pevenage, 49, war ein sehr passabler Sprinter. Von 1977 bis 1979 fuhr er im Ijsboerke-Rennstall für den Mannschaftsführer Godefroot. Sein erfolgreichstes Jahr als Radprofi hatte der Mann aus Geraardsbergen 1980, als er bei der Frankreich-Rundfahrt das Gelbe Trikot trug und in Paris die Punktewertung gewann. Godefroot war inzwischen sein Teamchef.

1994 holte Godefroot seinen früheren Helfer und Schützling zu Team Telekom und machte ihn zu seinem Stellvertreter als Sportlicher Leiter. Die beiden Freunde formten die Bonner Betriebssportgruppe zu einem der erfolgreichsten Rennställe der Welt. Pevenage entwickelte sich dabei zum Mentor Jan Ullrichs, der 1997 als 24-Jähriger die Tour de France gewann. Godefroot zog sich danach peu á peu ins Management zurück und überließ seinem engsten Vertrauten 2001 die Sportliche Leitung der magentafarbenen Truppe.

Walter Godefroot: "Die Sache Pevenage ist abgeschlossen"
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Walter Godefroot: "Die Sache Pevenage ist abgeschlossen"

An der tiefen Lebenskrise des am Knie schwer verletzten Ullrich - Alkohol am Steuer, Fahrerflucht und Drogenkonsum mit anschließender Dopingsperre - aber zerbrach im vergangenen Jahr die Freundschaft der beiden Belgier. Der von seinem teuersten Profi schwer enttäuschte Teammanager Godefroot ließ Ullrich ziehen. Pevenage hielt das für einen Fehler. Seine enge Beziehung zu Ullrich hat der gewiefte Taktiker einmal so beschrieben: "Wenn es Jan gut geht, geht es auch mir gut. Wenn es Jan schlecht geht, geht es auch mir schlecht." Pevenage ging es sehr schlecht. Zwei Tage vor dem Jahreswechsel folgte er seinem Schützling, um gemeinsam zum Coast-Team zu wechseln. Godefroot fühlte sich verraten.

"Absprachen sind wie ein Vertrag. Und wenn die nicht eingehalten werden, ist eine Grenze überschritten", zürnte Telekoms Teammanager, "ich bin fertig mit dem Menschen Pevenage." Dieser verteidigte sich. Er habe von Telekom Ende August 2002 ein Ultimatum erhalten: entweder sofortige Kündigung und Verzicht auf alle Bezüge oder Weiterarbeit. Weil Ullrich zu diesem Zeitpunkt vor dem Wechsel zum dänischen CSC-Team des ehemaligen Telekom-Fahrers Bjarne Riis gestanden habe, wo er selbst keinen Arbeitsplatz hätte bekommen können, so Pevenage, habe er sich entschieden, vorerst weiter für Team Telekom zu arbeiten.

Verbitterung auf beiden Seiten

Doch dann war CSC plötzlich aus dem Spiel und Ullrich sich mit Coast handelseinig, der Vertrag freilich noch nicht unterschreiben. Pevenage folgte dem Olympiasieger. Godefroots heftige Reaktion auf Pevenages überstürzten Abschied enttäuschte letzteren schwer. "Wie man mich nach neunjähriger erfolgreicher Arbeit nach meiner Kündigung behandelt hat und in der Öffentlichkeit darstellt, ist beschämend", beschwerte sich Pevenage damals.

"Die Sache Pevenage ist abgeschlossen. Mehr sage ich zu diesem Thema nicht", betonte Godefroot während der diesjährigen Tour de France. "Das ist etwas, das nur die zwei betrifft. Es geht darum, wer wem wann was versprochen hat", sagt Telekom-Mann Ludwig. Immerhin tragen die Fahrer keinen Stellvertreterkrieg für ihre bockigen Teamchefs aus. Obwohl die früheren Mannschaftsollegen Jan Ullrich (Bianchi) und Alexander Winokurow (Telekom) dieser Tage um den Tour-Sieg mitfahren, gehen die beiden stets fair miteinander um - auf und abseits der Strecke.



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