Neue Funktion im deutschen Tennis Breakball Becker

Boris Becker kehrt ins deutsche Tennis zurück - als Head of Men's Tennis. Der Titel ist neu, die Rolle auch. Doch die Chance zum Erfolg ist da. Der Job ist auf die Kompetenzen Beckers zugeschnitten.
Neue Funktion im deutschen Tennis: Breakball Becker

Neue Funktion im deutschen Tennis: Breakball Becker

Foto: KAI PFAFFENBACH/ REUTERS

Draußen, auf den Stufen vor dem Frankfurter Römer, posierte ein Hochzeitspaar für Fotos zur Dokumentation des vermeintlich schönsten Tag des Lebens. Drinnen, im Plenarsaal, stand Boris Becker. Eingezwängt zwischen Fotografen und Sponsorenwand. Er hätte sich gerne gesetzt. "Besser wird's nicht", sagte er. Es blitzte trotzdem noch eine Weile. Zu groß dieser Moment, den der Deutsche Tennis Bund einen "Meilenstein" nennt, und Becker, der neue "Head of Men's Tennis" des Verbands, selbst "eine runde Sache".

Als Becker dann Platz nehmen durfte, saß neben ihm Dirk Hordorff. Vor rund 18 Jahren hatten sich beide noch in der Öffentlichkeit gezankt. Becker trat Ende 1999 nach nur zwei Jahren als Davis-Cup-Teamchef zurück. Auch Hordorff ging - wenn auch nur vorübergehend. Es war der unrühmliche Schlusspunkt eines ersten Versuchs mit Becker als Funktionär im deutschen Tennis. Becker spricht inzwischen vom "alten DTB", mit dem er "ein paar Problemchen" hatte.

Nun folgt der zweite Anlauf. Diesmal mit dem "neuen DTB", so Becker, was man ja alleine daran sehe, dass er sich schon vor Wochen in seinem Zuhause in Wimbledon mit dem Verband einig war - übrigens per Handschlag mit: Dirk Hordorff. "Früher wäre das einen Tag später an der Öffentlichkeit gewesen", glaubt Becker. Nun war lange Zeit Ruhe, bis zur Einladung zur Pressekonferenz. Sie wurde am vergangenen Montag rausgeschickt.

Ritter wird Head of Women's Tennis

Die Vorstellung in Frankfurt schließt einen "18-monatigen Bewerbungsprozess" ab, wie Hordorff, inzwischen DTB-Vizepräsident, die zurückliegenden Gespräche mit Becker nennt. Wer sich bei wem bewerben musste, das wird an diesem Tag nicht ganz klar. "Ich habe in den letzten zwei Tagen mehr Glückwünsche bekommen als zu meinem 60. Geburtstag", erzählt der 61-jährige Hordorff.

Und der zwölf Jahre jüngere Becker spricht davon, dass er mit seiner Trainertätigkeit für die langjährige Nummer eins, Novak Djokovic, mit der er sechs Grand-Slam-Titel gewann, dem Verband gezeigt habe, dass er auch im modernen Tennis mitreden könne. "Ein Ausrufezeichen" sei das gewesen. Es sieht ganz so aus, als böte die neue Zusammenarbeit viel Potenzial für beide Seiten. Becker sagt: "Das Timing passt sehr gut."

DTB-Präsident Ulrich Klaus sieht die Personalie Becker in Verbindung mit der Berufung der langjährigen Fed-Cup-Teamchefin Barbara Rittner zur Head of Women's Tennis als "entscheidende Stärkung". Es gebe eine Differenz aufzuholen gegenüber anderen Nationen wie Frankreich, Spanien oder Kanada. Klaus vernimmt eine "Aufbruchstimmung", insbesondere im Hinblick auf die Erfolge von Angelique Kerber im vergangenen Jahr und von Alexander Zverev, Nummer sechs der Welt, in diesem Sommer. Da kommen die "zwei Lichtgestalten" Becker und Rittner gerade recht, wie Hordorff meinte.

Barbara Rittner (l.), Boris Becker

Barbara Rittner (l.), Boris Becker

Foto: KAI PFAFFENBACH/ REUTERS

Becker vermutet, dass das deutsche Tennis seit zwanzig Jahren nicht mehr eine derartige Aufmerksamkeit genossen habe. Was er nicht sagte: Nach einem hektischen Sommer mit vielen Meldungen über vermeintliche persönliche Finanzschieflagen ist auch ihm die sportliche Ausrichtung der neuen Schlagzeilen durchaus genehm. Außersportliche Fragen waren bei der Pressekonferenz nicht zugelassen. So hat sich allein dafür die Verpflichtung für beide Seiten gelohnt.

Wobei Verpflichtung der falsche Begriff sein könnte für die ehrenamtliche Zusammenarbeit. Becker wird außer Spesen kein Geld vom Verband bekommen. Dafür sind die Vorgaben auch sehr frei. Becker wird weiter in London wohnen bleiben und im Gegensatz zu Rittner, die ihren Schwerpunkt als Verantwortliche des Frauen-Tennis in der Organisation und Koordination sieht, in erster Linie als Berater der deutschen Profis fungieren. "Sie werden mich endlich frei anrufen können. Fragen nach Vorhand und Beinarbeit sind nun offiziell erlaubt." Er hätte, so Becker, weiter als Experte "altklug erzählen" können - oder eben "nochmal in die Bütt".

Becker: "Tennis ist eine Herzensgelegenheit"

Dort wird er sich nun in neuer Rolle beweisen müssen. Einer Rolle, deren Aufgabengebiet zugeschnitten ist auf die Stärken Beckers, der einst im Spiegel sagte: "Business ist wie Tennis, man schlägt sich ein paar verbale Returns um die Ohren, und im richtigen Moment setzt man ein As." Heute, ein paar schlechte Erfahrungen später, weiß er: "Tennis ist eine Herzensangelegenheit. Das ist das, was ich am besten kann."

Und so reist er Mitte September zum Davis-Cup-Duell in Portugal, um Teamchef Michael Kohlmann zu unterstützen. Er wird Trainingslager für den Nachwuchs abhalten, die Stützpunkte in Hannover, Stuttgart und München besuchen. Und er wird daran arbeiten, dass aus dem "zukünftigen Superstar" Zverev, 20, ein Superstar wird.

Bis Olympia 2020 in Tokio soll die Zusammenarbeit zunächst dauern. Bei den Sommerspielen in Rio im vergangenen Sommer habe er, so Becker, viel Zeit im serbischen Haus verbracht. "Irgendwie im falschen Team" habe er sich gefühlt. So reifte der Wunsch der Zusammenarbeit, der am Ende mit der Schöpfung einer neuen Position im Verband erhört wurde. "Ich liebe diesen Sport, ich liebe dieses Land", sagte Becker. Er fragte sich selbst: "Warum hast du so lange gewartet?" All das hörte sich an wie: Besser wird's nicht.