Boule-Event "Marseillaise" Die geben sich die Kugel

Im Schatten der Fußball-EM findet in Marseille ein Mega-Event statt: 13.000 Boule-Fans aus der ganzen Welt treten gegeneinander an. Ihr nächstes Ziel: die Olympischen Spiele.
Boule-Kugeln

Boule-Kugeln

Foto: Bernd Weissbrod/ dpa

Gebückter Rücken, Schiebermütze ins Gesicht gezogen, die Zigarette im Mundwinkel, in den Händen ein Stofftuch mit einem Paar hochglänzender Stahlkugeln: Unter der warmen Nachmittagssonne an der Rue des Arènes stehen ein Dutzend Rentner in der ehemaligen Römischen Arena - einem versteckten Park im fünften Pariser Arrondissement.

Die Füße hinter einem in den Sand gezogenen Halbkreis, konzentrierter Blick - dann ein metallisches Klicken. Das mit lockerem Arm geworfene Geschoss treibt die am Boden liegenden Kugeln auseinander. Beifall vom eigenen Team, Grummeln von den Kontrahenten. "Reines Glück", mokiert sich Robert, 72, über den gegnerischen Punktgewinn und greift zum Picknickkorb.

"Je tire ou je pointe?" - Schießen oder Legen? Die Strategie des Boule-Spiels lässt sich mit dieser Frage zusammenfassen, erklärt der Pensionär bei einem Schluck Rotwein. Denn das Ziel besteht darin, möglichst viele der eigenen Boules nahe am "Schweinchen", der kleinen, hölzernen Zielkugel, zu platzieren. Dafür haben die Teams aus meist drei Personen insgesamt sechs Kugeln. Gewonnen hat, wer 13 Punkte erreicht.

Boule, Baguette, Baskenmütze

Boule gehört zu Frankreich wie Baguette oder Baskenmütze, mit Wurzeln, die in die Antike zurückreichen: Schon die Griechen warfen mit runden Steinen, die Römer brachten die Kugeln nach Gallien. Im Mittelalter bildeten sich Eigenheiten heraus: In Frankreich spielte man auf Sand, in England auf Rasen; mal wurden Holzkugeln lackiert, mal mit Nägeln versehen. Nach der Französischen Revolution wurde Boule, einst mehr Amüsement der Aristokratie, zum populären Volksvergnügen.

Doch was bis heute auf Dorfplätzen oder am Strand als kontemplativer Zeitvertreib betrieben wird, ist zugleich ein organisierter Hochleistungssport mit Vereinen und Boule-Klubs, mit nationalen Turnieren und Meisterschaften unter internationaler Beteiligung: So treffen sich Anfang Juli Boule-Fans aus der ganzen Welt in Südfrankreich zur "Marseillaise".

Für Frankreichs knapp 300.000 organisierte Spieler (15 Prozent Frauen) ist das Mega-Event in der Hafenstadt seit 1962 eine Art "Roland Garros" des Boule-Sports, so Präsident Michel Montana: Teilnehmer aus über 20 Ländern, darunter Teams aus den USA, China, Japan, Madagaskar, Australien und Deutschland.

"Verankerte Füße"

Ausgetragen wird das Turnier nach den Regeln des Pétanque. Der Begriff steht für "pés tanqués", provençalisch für "verankerte Füße": Dabei werden die Kugeln - Durchmesser bis zu acht Zentimeter, Gewicht zwischen 600 und 800 Gramm - nicht aus dem Laufschritt geworfen, sondern aus dem Stand. Gespielt wird auf einem Terrain von 12 bis 15 Metern Länge und einer Breite zwischen drei und fünf Metern.

Die charmante Besonderheit der "Marseillaise", die derzeit vom 3. bis 7. Juli stattfindet: Anders als bei der Fußball-EM ist der Wettbewerb offen für jedermann. Zwar gibt es einen Grand-Prix für Frauen, Jugendliche oder Senioren, aber die Dreier-Teams können auch gemischt antreten, es gibt nicht einmal Altersauflagen. Wichtiger noch: Die knapp 13.000 Teilnehmer treffen nach dem Losverfahren aufeinander, Amateure können schon beim ersten Spiel auf Spitzensportler treffen. Einzige Voraussetzung: 18 Euro Startgeld.

Finale im Alten Hafen

Ausgetragen wird der Wettbewerb nicht nur rund um den Park von Schloss Borély, dessen Grünflächen während der "Marseillaise" zum gigantischen Open-Air-Picknick geraten. Gespielt wird auch im Hippodrome, auf den Boulodromes von Klubs, in städtischen Anlagen. Das Finale findet im Alten Hafen statt, dem malerischen Zentrum von Marseille.

"Die unterschiedlichen Plätze - Sand, Lehm oder Piste - zählen zu den besonderen Herausforderungen der Marseillaise", sagt Anna Maillard. "Hinzu kommt die Nähe von Sportlern und Publikum in den Vorrunden, die Hitze, der Lärm", so die 24-Jährige aus dem Kader des Französischen Nationalteams.

Doch Anna, die seit dem elften Lebensjahr Boule spielt, fühlt sich "gut vorbereitet". Die junge Frau gehört zu einem dreiköpfigen Team, jede Expertin in Wegschießen oder Heranrollen. Anna ("Ich trainiere beide Disziplinen") übt bis zu vier Stunden täglich mit den Boule-Kugeln, daneben hält sie sich mit Schwimmen und Basketball fit.

"Körperliche Ausdauer, Koordination und Konzentration sind für solch ein Event entscheidend", sagt Nachwuchsstar Anna, die im Oktober bei den Weltmeisterschaften in Tahiti für Frankreich antreten will. Und sie hofft, dass der Wettbewerb mit den Kugeln endlich als Hochleistungssport anerkannt wird - mit den höchsten Weihen. "Boule als olympische Disziplin - das wäre wirklich cool."