Box-Ausscheidungskampf Das Geheimnis des Powetkin

Erfolg dank Flexibilität: Eine Taktikänderung während des Kampfes hat Schwergewichtler Alexander Powetkin zum Sieg gegen Eddie Chambers geführt. Nun naht der WM-Kampf gegen Wladimir Klitschko. Doch der könnte für den unerfahreren Russen zu früh kommen.

Von Martin Krauß, Berlin


Alexander Powetkins linkes Auge war blau und geschwollen. Müde, geschafft und so ganz ohne Siegerlächeln beantwortete der 28-jährige Schwergewichtsboxer aus Russland die Fragen, wie er es geschafft hatte, nach hartem Kampf den Amerikaner Eddie Chambers zu schlagen. "Das einzige, was ich dazu sagen kann, ist, dass der Kampf sehr schwer für mich war", brachte Powetkin heraus. Seinem Gegner, Eddie Chambers, ging es da nicht anders. Mit blutunterlaufener linker Wange saß der 25-Jährige da und sah etwas zerknittert aus: "Ich kann niemand anklagen, Alexander war sehr stark, und ich habe es vergeigt."

Sieger Powetkin (r.): "Zu früh, an Klitschko zu denken"
Getty Images

Sieger Powetkin (r.): "Zu früh, an Klitschko zu denken"

Powetkin hat sich in dem Kampf, den der Weltverband IBF pathetisch als "The Final Eliminator" - ins Sachliche übersetzt: als letzten Ausscheidungskampf - angekündigt hatte, das Recht erkämpft, demnächst um die Schwergewichts-WM zu boxen. Den IBF-Titel hält zurzeit Wladimir Klitschko, doch der Ukrainer muss ihn am 23. Februar in New York gegen Sultan Ibragimov aus Russland verteidigen – ein Titelvereinigungskampf, denn Ibragimov ist Weltmeister der WBO. Für den jüngeren Klitschko-Bruder, das war einhellige Meinung im Berliner Tempodrom, wäre Powetkin nach seinen erst 15 Profikämpfen noch nicht reif. Nicht mal Powetkin, der bei den Amateuren, Europa-, Weltmeister und Olympiasieger war, wollte das anders sehen. "Es wäre jetzt zu früh, an Klitschko zu denken", sagte er noch im Ring, und auch zwei Stunden später, wollte er die K-Frage nicht an sich heranlassen: "Ich denke jetzt noch nicht darüber nach."

Da war Powetkin noch mit der Analyse des aktuellen Kampfes beschäftigt, den er zwar verdient, aber keineswegs so klar gewonnen hatte, wie die Punktrichter meinten. Einer hatte gar den Russen mit 119:109 vorne gesehen, seine zwei Kollegen waren mit 117:111 und 116:112 etwas realistischer. "Die ersten Runden waren sehr gut, aber dann habe ich es nicht geschafft aufzudrehen", sagte Chambers. Sein russischer Gegner hatte den gleichen Kampf gesehen: "Vielleicht war ich in der ersten Runde etwas verloren und habe einiges eingesteckt. Da habe ich kein gutes Boxen gezeigt." Erstaunlich ruhig und abwartend war Chambers, der den Kampfnamen "Fast Eddie", der schnelle Eddie, trägt, gestartet. "Damit hatte ich nicht gerechnet", bekannte Powetkin, "ich hatte einen anderen, einen schnelleren Eddie Chambers erwartet."

Immer wieder schlug der Russe auf Chambers’ Doppeldeckung, und der konterte schnell und wirkungsvoll. In der dritten Runde kam Chambers mit einer rechten Geraden durch, in der vierten konnte er einen hart geschlagenen Haken an Powetkins Kinn unterbringen. Erst ab der sechsten Runde wurde Powetkin (Kampfname: "weißer Löwe") besser. "Erst während des Kampfs habe ich bemerkt, dass die Schläge über die mittlere Distanz besser kommen", sagt er später. Sowohl im Infight als auch auf die Distanz war Chambers besser als Powetkin. Erst als der Russe es auch mit Außenschwingern versuchte und halbnah ranging, konnte er den Kampf dominieren. Eddie Chambers Senior, Vater und Trainer, sah das mit Sorge. "Ab der dritten bis sechsten Runde habe ich gesehen, dass sich im Kampf etwas verändert."

Dass sein Sohn den Kampf, den er anfangs so souverän gestaltete, doch noch aus der Hand gab, lag nach Meinung des Seniors im mentalen Bereich: "Der Schlüssel war, ob einer wirklich gewinnen wollte." Das, davon konnte man sich überzeugen, wollte Powetkin zumindest mehr als Chambers. Müde, angeschlagen und so gefordert wie noch nie in seiner noch nicht allzu langen Profilaufbahn, rappelte sich der Russe immer wieder auf, machte Tempo, malträtierte die Doppeldeckung des Amerikaners und kam so auch das ein oder andere Mal durch. Für die Müdigkeit hatte Powetkins deutscher Manager, Wilfried Sauerland, eine überraschende Erklärung: "Das ist ein Geheimnis, das wir bis vor dem Kampf gehütet haben: Noch vor zehn Tagen wollten wir den Kampf verlegen: Alexander hatte nämlich Grippe und musste Antibiotika nehmen."

"Wir werden auf unser Recht pochen"

Mit einem solchen Geheimnis sollte Powetkin nicht in seinen nächsten Kampf gehen, egal ob er gegen Wladimir Klitschko oder Sultan Ibramigow antritt. "Nur sehr gut vorbereitet und topfit werde ich gegen Klitschko kämpfen", bequemte er sich in der Nacht doch noch dazu, etwas über den zurzeit von den meisten Experten als besten Schwergewichtler der Welt betrachteten Ukrainer zu sagen. Powetkins russischer Co-Manager, Wladimir Hrjunow, war da noch lange nicht so weit. Ob er lieber Klitschko oder Ibragimov haben wolle? "Die Frage ist mir jetzt zu emotional. Ich kann sie nicht beantworten."

Wie schnell es zu einem Kampf Powetkins gegen Klitschko kommen könnte, vorausgesetzt der Ukrainer gewinnt die Titelvereinigung im Februar, vermag noch niemand zu sagen, nicht mal Wilfried Sauerlands Bauch. "Mein Gefühl sagt mir, dass Wladimir Klitschko den Kampf noch nicht machen will", sagte der Manager. "Das hat sein Anwalt gesagt. Aber es gibt Regeln, und wir werden auf unser Recht pochen." Wenn Sauerland so pocht, wie Alexander Powetkin es auf Eddie Chambers Doppeldeckung getan hat, gibt es die Chance auf den großen Kampf.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.