Box-Fotostrecke "Klitschko ist der Held"

Durch den umstrittenen Abbruchsieg nach sechs Runden hat Schwergewichts-Champion Lennox Lewis seinen WM-Titel verteidigt. Die Herzen der Fans aber gewann Herausforderer Witalij Klitschko, dem eine tiefe Risswunde am Auge zum Verhängnis wurde. SPIEGEL ONLINE zeigt die eindrucksvollsten Bilder des spektakulären Kampfes.


Los Angeles - Lennox Lewis atmete auf. Nachdem der Ringarzt in der Pause zur siebten Runde im mit knapp 16.000 Boxfans nicht ganz ausverkauften Staples Center in Los Angeles dem Ringrichter den Abbruch empfahl, war klar: Er würde Weltmeister durch technischen K.o. bleiben - obwohl der Brite bis zu dem Zeitpunkt nach Punkten mit 56:58 hinten lag.


 Volltreffer gegen Lewis (r.): "Witalij hat gezeigt, welche Klasse er besitzt", lobte Klitschko-Promoter Klaus Peter Kohl  Offener Schlagabtausch: "Ich habe ihn einige Mal getroffen, häufiger als er mich", behauptete Weltmeister Lennox Lewis (l.)  Mit solchen Schlägen zog Witalij Klitschko (r.) das Publikum auf seine Seite: "Witalij hat hier einen ganz großen Kampf gemacht", zollte Klitschko-Trainer Fritz Sdunek seinen Respekt  Witalij Klitschko (r.) in der Offensive: Nach sechs Runden sahen ihn die Punktrichter knapp in Führung
 Witalij Klitschko (l.) angeschlagen: "Er konnte nicht mehr zu Ende boxen. Schaut ihm doch ins Gesicht", erklärte Lennox Lewis nach dem Kampfabbruch  Witalij Klitschko (r.): "Die Verletzung war nicht so schlimm. Vielleicht sah es so aus, aber sie war es nicht."  Witalij Klitschko als Verlierer durch technischen K.o.: "Das Auge sah wirklich übel aus. So etwas Schlimmes habe ich noch nie gesehen", sagte Ex-Weltmeister George Foreman, "aber abgesehen davon: Klitschko ist für mich der Held."  Lennox Lewis feiert sich selbst: "In den nächsten Runden hätte ich ihn weggeblasen. Ich bin die Nummer eins."
 Behandlung des verletzten Auges von Witalij Klitschko in der Ringpause: "Der Doktor hat sich vom Nahen die Wunde angeschaut", so Klitschko-Coach Fritz Sdunek, "vielleicht war es die Situation, den Kampf für Lewis zu retten."  Witalij Klitschko: "Ich war entsetzt. Ich wusste überhaupt nicht, warum der Doktor den Kampf stoppte. Jetzt fühle ich mich als Champion der Leute."  Harter Infight: "Du siehst scheiße aus, du bist fertig", schrie IBF-Champion Chris Byrd, der bis dahin einzige Bezwinger Witalij Klitschkos, Weltmeister Lewis (l.) zu  Kampf bis zum Umfallen: Bereits nach wenigen Runden hatten sich die beiden Boxer so sehr verausgabt, dass sie sich kaum noch auf den Beinen halten konnten.
 Wirkungstreffer: Erst von der dritten Runde an konnte Titelverteidiger Lennox Lewis (r.) mithalten  Tumulte im Ring: Witalij Klitschko ist zornig über den Kampfabbruch  "Wenn man einen Kampf durch eine Verletzung verliert, ist das doppelt bitter", erklärte Klitschko-Promoter Klaus-Peter Kohl die Wut und Enttäuschung seines Schützlings  Witalij Klitschko nach dem Kampf: "Der Ringrichter hätte schon früher abbrechen müssen", so Ex-Champion George Foreman. "Es ist unverständlich, dass der Kampf abgebrochen wurde", so Klitschko-Promoter Klaus-Peter Kohl



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Als der Ringrichter die Entscheidung verkündete, reagierte das enttäuschte Publikum mit minutenlangen "Bullshit!"-Rufen. Im Ring kam es zu tumultartigen Szenen. Klitschko stürmte durch den Ring, drohte Lewis mit den Fäusten. Es brauchte schon seinen Bruder Wladimir, um ihn zu bändigen. "Ich war zerstört. Ich war total entäuscht, entsetzt, völlig irritiert", erklärte Witalij Klitschko anschließend auf der Pressekonferenz seine ohnmächtige Wut, "wenn der Arzt mich nicht gestoppt hätte, hätte ich den Fight gewonnen." Auch sein Trainer Fritz Sdunek schimpfte über die Entscheidung ("Wir wurden beschissen") und mutmaßte, diese sei gefallen, um den Weltmeister vor der Niederlage zu retten.

Lewis, der nicht austrainiert wirkte und sich im Vergleich zu früheren Kämpfen schwerfällig bewegt hatte, stand derweil stoisch in seiner Ecke und ließ das Pfeifkonzert und die Buhrufe der Zuschauer über sich ergehen, die klar zu dem vor dem Kampf in den USA verspotteten "Weichei" Klitschko hielten. Der frühere Weltmeister George Foreman sprach vielen aus der Seele: "Klitschko ist für mich der Held. Ich glaube, Lewis war schockiert. Er hat die Treffer von Klitschko nicht erwartet. Für mich ist Klitschko der Weltmeister."

Schon in der ersten Runde hatte der Ukrainer aus Hamburg gezeigt, dass er dem Weltmeister einen großen Fight liefern würde. Klitschko traf den Weltmeister mit einem rechten Cross so hart am Kinn, dass der ins Taumeln geriet und sich nur durch Klammern vor einem möglichen Niederschlag bewahrte.

Es folgte ein offener Schlagabtausch in hohem Tempo - fast als seien die beiden Kolosse Mittelgewichtlicher. Die Boxer vernachlässigten die Deckung, suchten die Entscheidung. Immer wieder kam Klitschko mit seiner Rechten durch, musste aber auch zwei krachende Aufwärtshaken Lewis' einstecken, die andere Boxer ins Reich der Träume befördert hätten. Schon zur Mitte des Kampfes waren beide Kämpfer schwer gezeichnet und ausgepumpt.

Die Vorentscheidung fiel in der dritten Runde, als Lewis Klitschko offenbar durch einen unabsichtlichen Kopfstoß eine tiefe, klaffende Wunde über der linken Augenbraue beibrachte. Fortan blutete der Herausforderer, aber seine Betreuer in der Ringecke konnte die Verletzung in den Pausen immer wieder unter Kontrolle bekommen. Dennoch brach der Referee nach der sechsten Runde den Fight ab. "Als ich das zweite Mal in den Ring kam, habe ich Witalij gesagt, er möge mich anschauen. Als er den Kopf hob, habe ich gemerkt, dass die Wunde seine Sicht behinderte", erklärte Ringarzt Paul Wallace, der die Empfehlung zum vorzeitigen Kampfende ausgesprochen hatte. "Ich hatte keine andere Wahl, als den Kampf zu stoppen."

Lewis verstieg sich nach dem Kampf zu der Behauptung, er habe alles unter Kontrolle gehabt und erst im zweiten Teil des Kampfes so richtig loslegen wollen. "Er hat doch Glück, dass es so zu Ende gegangen ist. In den nächsten Runden hätte ich ihn weggeblasen. Es war doch nur eine Frage der Zeit", tönte der Titelverteidiger. Klitschko, 31, sprach von einer tiefen Enttäuschung und einem ungerechten Urteil. Sein fünf Jahre jüngerer Bruder Wladimir stand ihm wie immer bei: "Ich bin unendlich stolz. Er hat Seele und Herz eines Boxers gezeigt. Nach so einem Kampf kann es nur eins geben: Fortsetzung folgt."

Ob es einen Rückkampf geben wird, ist allerdings ungewiss. "Show me the money, baby!", rief Lewis, 37, den Fragestellern zu, "dann zertrümmere ich ihm die andere Gesichtshälfte." Der Brite will noch einmal groß abkassieren. Sein Lieblingsgegner ist der US-Amerikaner Roy Jones. Aber der Hamburger Universum-Boxstall rechnet mit einem Rematch Lewis-Klitschko noch in diesem Jahr. "Ich will ihn nochmal vor die Fäuste kriegen und zwar bald", erklärte Witalij Klitschko, der trotz seiner Niederlage viele neue Fans gewann, "einer wie Lewis kann mich nicht aufhalten. Irgendwann werde ich Weltmeister, früher oder später."



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