Box-Revanche gegen Maske Hill, das Knie und sein Kampf um die Ehre

Virgil Hill hat groß aufgefahren: Zu seiner Pressekonferenz brachte der WBA-Champ mehrere Zeugen mit, die der Öffentlichkeit glauben machen sollten, er habe bei seiner Niederlage gegen Henry Maske mit einer Knieverletzung gekämpft. Hill fordert deshalb eine Revanche.

Von Klaus Raab, München


So sieht ein Mann aus, der einem anderen gerade die größte Niederlage des Lebens zugefügt hat. Rötlich erhebt sich eine eiförmige Schwellung am Außenrand seiner linken Augenbraue; es scheint, als müsse man nur mit einer Nadel hineinpieksen, damit das Blut sich daraus ergießt. Trotzdem grinst der Mann auf dem Foto. Er weiß: Eiförmige Schwellungen schwellen wieder ab. Den unter Schmerzen errungen Sieg aber, den nimmt ihm keiner mehr.

Boxer Hill: "Meine Integrität wurde angezweifelt"
DPA

Boxer Hill: "Meine Integrität wurde angezweifelt"

Zehneinhalb Jahre sind die Fotos alt, die den Boxer Virgil Hill so zeigen, aufgenommen im November 1996 in der Münchner Boxfabrik, wo sie heute im Treppenhaus hängen. Er hatte damals gerade Henry Maske besiegt. Heute ist Hill wieder in der Boxfabrik. Wieder ist er angeschlagen, sein Meniskus ist eingerissen. Doch diesmal sieht man nichts von Hills Verletzung. "Ich bin ein harter Kerl", sagt er und grinst künstlich selbstbewusst in die Kameras. Nur ist es diesmal das Lachen eines Verlierers.

Denn seine Niederlage im Rückkampf gegen Maske nimmt ihm auch keiner mehr. Er will jetzt einen dritten Kampf. Denn "er hat einen gewonnen", sagt Hill und meint Maske, "und ich habe einen gewonnen. Ein dritter Kampf – it just. . . it makes sense.“ Es macht Sinn - in Hills unversehrten Augen. Zweimal ist der Amerikaner gegen Maske angetreten. Beim zweiten Mal, vor 18 Tagen in München, ging es um nichts als das Spektakel. Beide sind 43 Jahre alt, Hill ist amtierender WBA-Champion, Maske ist amtierender Ex-Boxer und wollte eine Revanche für die einzige Niederlage seiner Karriere, erlitten 1996, ausgerechnet in seinem letzten Kampf.

Hill gewährte sie ihm im März. Und dass er dabei, wie Maske, viel Geld verdiente – Hill bekam 1,2 Millionen Euro, Maske rund 3 – ist die eine Sache. Die andere Sache ist: Er boxte nicht wie ein Champion, sondern wie ein Sandsack. Diese Kombination macht ihm zu schaffen. Denn so blühten im Internet danach die Spekulationen: Sollte Hill absichtlich verloren haben, damit in einem dritten Kampf noch einmal beide – Hill und Maske – groß abkassieren können?

"Meine Integrität wurde angezweifelt", sagt Hill, "ich wurde persönlich angegriffen. Aber ich war nicht gekauft, ich wurde nie gekauft. Alles, was ich deshalb sage, ist: Look, let's do it again." Hill will einen dritten, einen entscheidenden Kampf, angeblich, um seine Ehren zu retten. Dafür hat er ein paar Argumente mitgebracht: Niko Schöpf, einen Sparringspartner. Roland Suttner, den Chef der Boxfabrik und gleichzeitig, wie er sagt, "ein Freund und Berater". Seinen Trainer Al Larsien und Andreas Imhoff, einen Kniespezialisten vom Münchner Klinikum Rechts der Isar, der ihn morgen am Meniskus des rechten Knies operieren wird. Und alle sagen dasselbe: Hill sei schon verletzt in den Kampf gegangen. "Mein rechtes Bein", sagt Hill, "ist mein drive leg, ich konnte nicht doublesteppen. Ich kam völlig aus dem Plan, den wir für das Match hatten."

Das Problem ist nur: Er sagt das erst jetzt, 19 Tage später.

In den vier Tagen zwischen vermeintlicher Verletzung und Kampf hat er keinen Mediziner aufgesucht. "Ein Arzt", sagt Suttner, der einen dritten Kampf mit seiner Box-Promotion "Pro Box" am liebsten selbst ausrichten möchte, "hätte nur davon abgeraten anzutreten. Auch ich habe ihm abgeraten. Aber Virgil wollte kämpfen." Hill ist in dieser Zeit noch mit einem Fernsehteam die 306 Stufen des "Alten Peters" in München hinaufgestiegen. "Es war nicht schwer, da hinaufzukommen", sagt Hill, "ich habe es probiert, und es ging." Und Andreas Imhoff sagt, es sei möglich, mit einem kaputten Meniskus Treppen zu steigen. "Ich hätte ihm das natürlich nicht empfohlen, aber er hat das anders gespürt, anders gefühlt. Ich kann nur sagen, dass er heute einen Meniskusriss hat", sagt Imhoff. Wann der aufgetreten ist, wisse er aber nicht.

Und so wurden Hill und Larsien, sein Trainer, schließlich gefragt, ob sie angesichts der fehlenden Klarheit denn Verständnis für Leute hätten, die zweifelten und Geld als Hauptmotiv für weitere Show-Boxkämpfe betrachteten. "Wir sind doch nicht naiv", sagt Larsien, und zum einzigen Mal wird er ein klein wenig laut dabei. "Boxen ist ein professioneller Sport. Natürlich geht es um Geld. Aber ich sage Ihnen, worum es bei dieser Pressekonferenz geht. Darum, den Leuten zu sagen: Greift nicht die Integrität dieses Mannes an!"

Hill selbst legt die Stirn in Falten. Er wirkt wie ein freundlicher Mann, dem man gerne alles glauben würde. Ein Profi, der die sympathische Sprache eines Boxers spricht, mit grammatikalischen Eigenheiten und leicht nuscheligem Einschlag. Hill sagt: "Ich bin hier, weil es um meine Ehre geht. Aber da drüben sitzt meine Frau." Er deutet hinüber. "Natürlich geht es auch um Geld, auch für sie." Die Familie versorgen, ein integeres Ziel.

Roland Suttner hat nur ein Problem: Henry Maskes Manager Werner Heinz sei seit drei Tagen nicht erreichbar, sagt er. Gestern hatte Suttner noch in einer Erklärung verbreitet, er würde bereits mit Heinz verhandeln. Er hat schon Ideen für Hills Ehrenrettung im Boxring. Fernsehsender spielen da eine Rolle, Austragungsorte, Vorkämpfe. Und siebenstellige Summen. Ehre und Geld. So weit auseinander liegt das im Endeffekt nämlich gar nicht. Und ein paar Fotos für die Wand in seinem Münchner Box-Gym dürften auch dabei herausspringen.



insgesamt 75 Beiträge
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Landegaard 01.04.2007
1.
Zitat von sysopNach zehn Jahren stellte sich Henry Maske seinem einstigen Bezwinger Virgil Hill - und verließ diesmal als Sieger den Ring. Wie beurteilen Sie die Leistung des Gentleman-Boxers?
Das war ganz grosses Boxkino und Ringschach vom feinsten. Maske war entweder derart glücklich und gelöst, dass er anschließend mehr rumhüpfte, als während des Kampfes. Gratulation.
reaktion, 01.04.2007
2. Boxen, Auto, Sponsor, oleee!
Vorneweg: Ich persönlich hätte es Maske nicht zugetraut. Dass er diesen Kampf gewonnen hat ist eine große Leistung und spricht für sein können. Allerdings hätte ich ihm auch nicht zugetraut, dass der Mann, der sich als Gentleman bezeichnen lässt, noch einmal eine Lobeshymne auf seine Sponsoren hält. Vielleicht hätte man mal die Dezibellautsträrke messen sollen, nachdem er sich ausführlich bei allen großen Sponsoren bedankt hat. Anerkennung dafür, dass Maske gewonnen hat. Respekt dafür, dass er im Endorphinrausch geplappert hat worum es bei diesen Boxkampf auch ging. Schlicht und ergreifend auch um Kohle. Danke Maske und danke Hill.
Leah, 01.04.2007
3.
Zitat von sysopNach zehn Jahren stellte sich Henry Maske seinem einstigen Bezwinger Virgil Hill - und verließ diesmal als Sieger den Ring. Wie beurteilen Sie die Leistung des Gentleman-Boxers?
Es war ein technisch durchdachter, sehr konzentrierter Kampf den Henry Maske da bestritten hat. Er hat sich nicht von Virgil Hill einlullen lassen, sondern sein Ding durchgezogen,Henry hat den Gegner kommen lassen und reagierte auf seine Fehler mit wirklich guten Treffern. Für das Auge war es weniger spektakulär, weil es in dem Sinne kein Draufhauen war, Henry hat Gentlemanlike gekämpft und verdient gewonnen. Es war aber weniger ein Comeback ,sondern eher das Begleichen einer ´Rechnung bzw. eine Korrektur des Ergebnisses von vor über 10 Jahren. Ich denke nicht, daß er weiter macht,für ihn war nur genau dieser Sieg wichtig.
Resiak, 01.04.2007
4. Respekt ...
Nach zehn Jahren Wettkampfpause sicher eine Leistung die in der Form wohl kaum einer erwartet hatte, vielleicht nichteinmal Maske selber ... Am meisten überrascht war wohl Gegner Hill ... der hätte wohl mit einer derartigen Leistung nicht gerechnet. Fazit: Respektable Leistung aber genau der selbe langweilige Boxstil wie vor zehn Jahren. Den Satz des Kommentators "Da können sich sog. junge Boxer ein Beispiel nehmen" halte ich für übertrieben. Für einen Titel reicht das nicht mehr.
Tyr_ex, 01.04.2007
5. Geld stinkt nicht...
Die körperliche Leistung war wohl okay und wenn er es für den schnöden Mammon tat, kann ich es auch nachvollziehen. Sollte er aber tatsächlich wg. verletztem Stolz, Ehre oder ähnlichem Quark angetreten sein, so hat er wohl in seinen früheren Kämpfen schon zuviele Schläge an den Kopf bekommen. Dann ist es nur noch lächerlich. Aber Kohle für eine gute ärztliche Behandlung wird er nun ja haben. Viel Spaß noch, Henry!
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