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02. November 2018, 19:18 Uhr

Präsidentenwahl beim Olympischen Boxverband

"Gefährlicher Gangster"

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Am Samstag wählt der Boxverband Aiba einen neuen Präsidenten. Favorit ist Gafur Rachimow. Seine Geschichte liest sich wie ein Krimi, es geht um Korruption und Heroinhandel.

Im weltberühmten Moskauer Hotel Ukraina, einem der Prachtbauten aus der Stalin-Ära, entscheidet sich in diesen Tagen die Zukunft des olympischen Boxsports. Der Weltverband Aiba bittet dort zum Kongress mit der Präsidentenwahl am Samstag: Interimspräsident Gafur Rachimow aus Usbekistan tritt gegen den ehemaligen Europameister Serik Konakbajew aus Kasachstan an.

Eine faire Wahl ist allerdings kaum zu erwarten. Die jüngere Geschichte der Aiba ist durchzogen von Korruptionsskandalen und dubiosen Figuren. Und niemand ist dubioser als der klar favorisierte Rachimow.

Sollte Rachimow gewählt werden, erhöhe sich die Gefahr, dass Boxen bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio aus dem Programm gestrichen werde. Das hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) angekündigt. Für die jüngste IOC-Session in Buenos Aires wurde Rachimow zur unerwünschten Person erklärt.

Rachimow, 67, wird von Kriminalisten und Mafia-Experten seit Mitte der Neunzigerjahre als Mafioso beschrieben, zwischenzeitlich soll er einen Großteil des Drogenhandels in den ehemaligen mittelasiatischen Sowjetrepubliken kontrolliert haben. Zu den Olympischen Spielen 2000 in Sydney wurde Rachimow die Einreise verweigert. Australiens damaliger Premierminister John Howard bezeichnete ihn als "Gefahr für die Sicherheit des australischen Volkes".

Damals hat sich die IOC-Führung unter dem Präsidenten Juan Antonio Samaranch noch stark gemacht für Rachimow. Dieser wurde seinerzeit von Usbekistans Diktator Islam Karimow protegiert. Mit dem wiederum hatte Samaranch merkwürdige Deals eingeleitet, wie Ende der Neunziger in Frankreich im Rahmen des gigantischen Korruptionsprozesses gegen den Mineralölkonzern Elf Aquitaine publik wurde.

Rachimow war lange Zeit wichtigster Verbindungsmann Usbekistans in die olympische Welt, er fungierte viele Jahre nicht nur als Vizepräsident der Aiba, sondern zugleich als Vizepräsident des Olympic Council of Asia (OCA). Auch gegen dessen Führung wird ermittelt.

Eingefrorene Konten

Der ehemalige britische Botschafter in Usbekistan, Craig Murray, bezeichnete Rachimow einst als eine der "wichtigsten Figuren im globalen Heroinhandel" und als "gefährlichen Gangster". Rachimow verweist darauf, nie verurteilt worden zu sein und einige Verleumdungsklagen gewonnen zu haben. Von der Interpol-Fahndungsliste wurde er inzwischen gestrichen. Das US-Finanzministerium allerdings führt ihn seit 2012 auf einer Sanktionsliste von mutmaßlichen Mafiapaten und hat seine Geschäfte und Konten eingefroren.

Rachimow erklärt das mit einer Verschwörung alter Rivalen gegen sich und sagt, die Vorwürfe seien haltlos. In Usbekistan hatte er vor einigen Jahren den Machtkampf gegen Gulnara Karimowa verloren, Tochter des langjährigen Staatspräsidenten Islam Karimow. Rachimow flüchtete nach Dubai. Aus dem Exil arrangierte er weiter seine weltumspannenden Geschäfte und war für die Aiba federführend beim Aufbau der World Series of Boxing (WSB), die von Fahndern als Geldwäscheprojekt betrachtet wird. Aus Dubai meldete sich Rachimow einst auch zu Wort und behauptete, bei der Wahl von Sotschi zur Olympiastadt 2014 im IOC Stimmen besorgt zu haben.

Bestens vernetzt

Inzwischen ist Karimow gestorben, Gulnara steht seit Jahren unter Hausarrest und sieht sich in der Schweiz mit Geldwäschevorwürfen konfrontiert. In Usbekistan wurde der Bann gegen Rachimow aufgehoben. Rachimow will nun in der Aiba "Transparenz, Integrität und Demokratie" einführen, wie er sagt. Alles andere als sein Wahlsieg in Moskau wäre eine Überraschung. Denn natürlich ist er auch in Russland bestens vernetzt.

Da wäre der kremlnahe Milliardär Alischer Usmanow, ein Bekannter aus Jugendtagen, viele Jahre reichster Russe, Präsident des Fecht-Weltverbandes FIE und Chef der Gazprominvestholding.

Da wäre Schamil Tarpischtschew, den Rachimow aus seiner Kindheit in Taschkent kennt. Tarpischtschew qualifizierte sich 1994 als Tennislehrer und Sportminister des russischen Präsidenten Boris Jelzin für eine IOC-Mitgliedschaft, die er noch bis 2028 wahrnehmen kann. Dass unter ihm einst rund zwölf Milliarden Dollar aus einem Sportfond verschwanden, hat im IOC nie Fragen ausgelöst. Wer in Russland damals Fragen stellte oder gar plaudern wollte, lebte gefährlich: zwei ehemalige Gefährten Tarpischtschews und Chefs des Sportfonds wurden ermordet.

Auch Alimsan Tochtatunow ist ein Jugendfreund Rachimows. Er wird auf der halben Welt gesucht und strafrechtlich verfolgt. Gegen Tochtachunow wurde beispielsweise ermittelt wegen des Verdachts auf Verschiebung der Eiskunstlauf-Entscheidungen bei den Olympischen Spielen 2002 in Salt Lake City. Verurteilt wurde er nicht.

Reformen sind unmöglich

In diesem Umfeld bewegt sich der Aiba-Kongress im Hotel Ukraine. Rachimow fungiert seit Januar als Interimspräsident des Verbands, nachdem der langjährige Präsident Ching-Kuo Wu wegen angeblicher Misswirtschaft aus dem Amt gejagt wurde. Obwohl inzwischen von der Aiba lebenslang suspendiert, blieb der Taiwaner Wu jedoch IOC-Mitglied, verlor dort nur seinen Platz im Exekutivkomitee. Gegenüber dem SPIEGEL wollte sich Wu kürzlich in Buenos Aires nicht zur Causa Aiba äußern: "Es ist ein schwebendes Verfahren."

Wu war einst als Erneuerer der Aiba angetreten. 2006 löste er den korrupten pakistanischen Präsidenten Anwar Chowdhry ab. Bei jenem Wahlkongress in Santo Domingo stürzte ein Delegierter aus ungeklärten Gründen im Aufzugsschacht des Hotels in den Tod. Bei der Aiba-Wahl in Antalya konnte man die exakten Wahlergebnisse schon tags zuvor an der Hotelbar auf einem Zettel einsehen. So lief das stets in der Aiba - seit 1986 auf Betreiben des damaligen Adidas-Chefs Horst Dassler der Adidas-Angestellte Chowdhry zum Präsidenten gekürt wurde. Über jene Jahre ist viel berichtet worden, auch im SPIEGEL, es waren die Jahre, als der heutige IOC-Präsident Thomas Bach in der sportpolitischen Abteilung von Adidas arbeitete.

Grundlegende Reformen sind in der Aiba im Grunde unmöglich. Wie oft wurde beispielsweise das Punktrichtersystem reformiert - und trotzdem werden immer wieder olympische Boxkämpfe verschoben, zuletzt 2016 in Rio. Als Ching-Kuo Wu 2006 die Macht übernahm, musste er sich mit Rachimow verbünden. Den Schatten des Usbeken wurde er nie los.

Und dann ist da noch Ho Kim. Der Südkoreaner war bis 2015 Aiba-Generaldirektor, dann entließ Wu ihn. Kim revanchierte sich, indem er entlarvende Dokumente über die finanziellen Usancen der Aiba an Journalisten und Funktionäre verschickte. Das war der Anfang vom Ende der Ära Wu.

Kim ist ebenfalls lebenslang für Tätigkeiten im Aiba-Bereich gesperrt. Doch er beriet zuletzt den Herausforderer Rachimows, den Kasachen Konakbajew, und sammelte Stimmen. Kurz vor der Wahl schlossen die amtierende Aiba-Führung und Kim nun einen Deal: Der lebenslange Bann wurde aufgehoben gegen das Versprechen, dass Kim seine Tätigkeit als Wahlkampfmanager des Herausforderers Konakbajew sofort einstellt. Ho Kim willigte ein.

So läuft das in der Aiba.

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