Box-Weltmeister Sturm Abgebrüht wie eine Hundemutter

Das ist der neue Felix Sturm: Der Mittelgewichtler lässt sich im Ring nicht mehr aus der Ruhe bringen, wie er bei seinem K.-o.-Sieg im WM-Kampf gegen Herausforderer Jamie Pittman eindrucksvoll zeigte. Ein anderer Boxer bringt den 29-Jährigen dagegen in Rage.

Von Susanne Rohlfing, Düsseldorf


Ein kurzes Lächeln, ein Kuss auf die eigene Rechte, ein paar Muskelspiele mit dem Bizeps - so schnörkellos kann Siegesjubel sein. Wie erleichtert Felix Sturm nach seinem K.-o.-Sieg über den Australier Jamie Pittman tatsächlich sein muss, wird erst gut anderthalb Stunden später klar, als der Mittelgewichts-Weltmeister nach Version des Verbandes WBA einen Satz sagt, der schon aus seinem Repertoire verschwunden zu sein schien: "Ich kann jeden besiegen." Der alte Felix Sturm. Aber mit neuer Besonnenheit. Denn er fügt an: "Ich kann auch verlieren."

Den alten Felix Sturm, den Techniker, der Boxen in ästhetischer Perfektion betreibt, hat auch sein Trainer Michael Timm in den sechs Runden und 36 Sekunden gesehen, die Sturm Samstagnacht im ausverkauften Düsseldorfer Burg-Wächter Castello brauchte, um seinem Herausforderer das Gesicht zu zerbeulen, ihn mehrfach zu Boden und schließlich nach Hause zu schicken. "Diese Variabilität, das war wie früher, das hat mir sehr imponiert, Felix hat eine großartige Leistung gezeigt, danke", sagte Timm. Pittman, dessen rechtes Auge nach dem Kampf nicht mehr aussah wie ein Auge, sondern eher wie ein geduldig weich geklopftes Stück rohes Fleisch, machte ebenfalls keinen Hehl aus seinem Respekt für Sturm: "Felix hat mich mit seinen schnellen Beinen und seinem guten Jab besiegt, er hat mich dazu gebracht, zu schlagen, ohne ihn wirklich zu treffen."

Unabsichtlicher Kopfstoß

Der 26-jährige Australier war vor 4500 Zuschauern zu Werke gegangen wie ein junger Hund, der noch nicht gelernt hat, dass seine Kräfte endlich sind. In den ersten Runden ging er Sturm mit überschäumendem Elan an, der Rundengong vermochte ihn kaum zu stoppen. "Ich habe nicht damit gerechnet, dass er so loslegt und aus allen Rohren feuert", gestand Sturm später. Aber der 29-Jährige hat seine Lektion in den vergangenen Jahren gelernt. Er trat mit der Abgebrühtheit einer Hundemutter auf, die zulässt, dass ihr Welpe sich austobt - und ihn dann in seine Schranken weist. Bereits in der zweiten Runde schwoll Pittman das Auge an, in der dritten ging die Wunde nach einem unabsichtlichen Kopfstoß auf. "So etwas passiert", meinte der Australier im Anschluss, "aber zugeschwollen ist das Auge nicht deshalb, sondern wegen der vielen Treffer von Felix."

Mit seiner präzisen Führhand hatte Sturm immer wieder verschiedenste Schlagkombinationen vorbereitet. Technisch war der Australier dem Titelverteidiger klar unterlegen. Aber dem alten Felix Sturm hätte er gefährlich werden können. Denn er nutzte auch die Waffe der Provokation. Nach dem Gong am Ende der dritten Runde lief Pittman Sturm mit wütendem Gebaren in dessen Ecke hinterher. "Ich habe ihm gesagt, dass er mich so einfach nicht los wird, ist wollte ihn von seiner Linie abbringen", erzählt der bis dato ungeschlagene Australier später, "aber das ist der Grund, warum Sturm der wahre Champion ist, er hat das einfach ignoriert."

Das war nicht immer so. Sturm hat sich auch schon aus der Ruhe bringen lassen. Und verloren. Einmal umstritten gegen US-Superstar Oscar de la Hoya und einmal durch K.o. gegen Javier Castillejo. Oder, wie zuletzt gegen Randy Griffin, unentschieden geboxt. Seine neue Reife erklärt Sturm so: "Ich habe alles erlebt, was man im Boxen erleben kann." Vom "rasanten Aufstieg" bis zum "kräftig auf die Schnauze" fallen. "Felix ist wirklich gereift", sagt sein Trainer. So sehr, dass er entgegen seiner üblichen Zurückhaltung gar private Gefühle in aller Öffentlichkeit zeigte. In Düsseldorf dankte er noch im Ring seiner Frau Jasmin. "Sie ist der großartigste Mensch, den ich jemals kennengelernt habe."

Verbale Attacke gegen Arthur Abraham

Wenn es um Arthur Abraham geht, kann sich Sturm allerdings schon mal weniger freundlich in Rage reden. Der zweite in Deutschland ansässige Mittelgewichts-Weltmeister vom konkurrierenden Berliner Sauerland-Stall ist ein rotes Tuch für Sturm, und auch für seinen Manager Klaus-Peter Kohl. "Arthur wäre einer der leichteren Gegner für mich", sagt Sturm, "seine letzte Leistung hat gezeigt, dass er noch lange, lange, lange niemals da hinkommen wird, wo ich bin." Seine einzigen Stärken seien Kraft und sein Punch. "Das reicht nicht, um sich lange an der Spitze zu halten."

Immerhin hat Abraham 21 seiner 26 Kämpfe durch K.o. gewonnen, bei Sturm sind es jetzt 13 von 32. "Das spricht überhaupt nicht für ihn", sagt Sturm. "Wen hat er denn geboxt? Er hat niemanden geboxt. Wen hat er K.o. geschlagen? Irgendwelche Gegner, von denen man vorher nie etwas gehört hat und von denen man heute auch nichts mehr hört. Wann habe ich Weltmeisterschaften geboxt? Wann war ich schon in den USA? Wann war ich wieder Weltmeister? Wen habe ich schon alles geschlagen?" Darunter sei mit Maselino Masoe ein viel größerer Puncher als Abraham gewesen.

Erneutes Duell mit Javier Castillejo ist möglich

Boxen kann so einfach sein, geradlinig, schön. Sturm machte es in Düsseldorf vor. Und Boxen kann so kompliziert sein. Bestimmt von Geldern, Fernsehrechten und Eigeninteressen der Manager. Seinem Widersacher Sauerland warf Kohl vor, immer dann mit dem Thema Sturm gegen Abraham zu kommen, wenn schon andere Termine gemacht sind. Als nächstes soll Sturm seinen Titel schließlich gegen den Sieger des Duells Javier Castillejo gegen Sebastian Sylvester (19. April) verteidigen. Ein paar Sätze später, als es um ein mögliches Duell mit dem dritten Mittelgewichts-Weltmeister, dem Amerikaner Kelly Pavlik geht, sagt Kohl aber auch: "Eine Unification geht immer vor." Immer – wenn man will.



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