Box-WM Klitschko beschwört die großen Geister

Marciano, Ali, Lewis - wenn Wladimir Klitschko morgen seinen Schwergewichts-Titel verteidigt, geht es auch um das Erbe der ganz Großen: Nach einem Sieg gegen Brock wäre Klitschko den Box-Göttern ganz nah. Nach einer Niederlage wäre der nette Junge aus der Ukraine schnell vergessen.

Von Bertram Job, New York


Im globalen Geschäft des Preisboxens sprechen Titelhalter auch durch Anzeigen zur Öffentlichkeit. Diese hier ist vom amerikanischen Pay-TV-Sender HBO und wurde am Donnerstag unübersehbar in der renommierten "Sports Illustrated" veröffentlicht. Sie zeigt einen durchtrainierten Boxer, der vor der nachts illuminierten Skyline von Manhattan in seiner Ringecke sitzt und den Betrachter mit selbstbewusster Miene herausfordert. Dazu passt der markante Text, den man ähnlich wie eine Sprechblase im Comicstrip auf Kopfhöhe platziert hat: "Es ist nur für einen Schwergewichts-Champion Platz". Unmittelbar darunter wird man belehrt, wer hier spricht: "Wladimir Klitschko, Schwergewichts-Champion".

Mit dem wirkungsvollen Inserat möchte der Sender auf den WM-Kampf zwischen Klitschko und seinem Herausforderer Calvin Brock hinweisen, der am Samstagabend (Sonntag, 4.30 Uhr MESZ, live bei RTL) aus dem New Yorker Madison Square Garden in mehr als 100 Länder übertragen wird. Doch Klitschko kommt dabei nicht ohne eine Portion Wunschdenken aus. Denn der IBF-Titelträger ist eben noch nicht alleiniger Champion, sondern nur einer von vier anerkannten Weltmeistern in seiner Gewichtsklasse. Und auch wenn er den 50. Vergleich in seiner zehnjährigen Profikarriere für sich entscheiden sollte, bleibt er vorläufig einer unter mehreren. Vom Himmel der gewichtigsten Faustkämpfer gehört ihm dann weiter nur ein Viertel.

In den einsamen Wäldern

Die Aufspaltung in konkurrierende Titelträger ernährt seit dem Rücktritt des allseits anerkannten Champions Lennox Lewis 2003 eine ganze Palette von Profiteuren. Doch ein ehrgeiziger Mediengigant wie HBO empfindet das als Gift fürs Marketing seines Vorzeige-Produkts. Den Fans dieses Sports ist bis heute nicht zu vermitteln, wie man mehreren Schwergewichts-Göttern gleichzeitig huldigen kann. Also tut man in diesen Tagen so, als gäbe es im Grunde sowieso nur den einen, auch wenn das ein paar Dollar kostet. Überlebensgroß wie einst Lennox Lewis prangt nun Klitschkos Konterfei am Haupteingang zum geschichtsträchtigen Madison Square Garden. Von den Konkurrenten oder seinem aktuellen Herausforderer fehlt dagegen jede Spur.

Der urbane Rummel um seine Person ist exakt das Gegenteil jener Ruhe, die Wladimir Klitschko bis vor ein paar Tagen noch beim Trainingslager in den Pocono-Mountains in Pennsylvania genoss (am Donnerstag wurde wegen eines zusätzlichen Radio-Interviews sogar die Wiege-Zeremonie nach hinten verschoben). Die eine wie die andere Szenerie vermittelt ihm jedoch das erhabene Gefühl, auf den Spuren der Größten zu wandeln. In den einsamen Wäldern hat sein Coach Emanuel Steward vor ihm auch schon Lennox Lewis ins Schwitzen gebracht. Und im "Garden" sind seit jeher aus Weltmeistern echte Champions geworden, wie Klitschko auf der pompös inszenierten Pressekonferenz am Mittwoch selber vortrug. Marciano, Ali, Holyfield - jeder Name diente "Dr. Steelhammer" dabei als eine Beschwörung großer Geister.

Sich eines Tages endlich in diese Liga der dominierenden Champions einreihen zu können - das ist heute Klitschkos Vision, die perfekt mit den Vorstellungen des amerikanischen Senders harmoniert. Darum hat er sich den Ort legendärer Kämpfe bewusst ausgewählt, wie seine Promoter und Betreuer bei jeder sich bietenden Gelegenheit kolportieren. Und darum wird ihn auch die für Samstag angekündigte Präsenz von Muhammad Ali, dessen Tochter Laila im Vorprogramm auftritt, nur um so mehr inspirieren. "Ich bin noch längst nicht am Ziel", hat der IBF-Weltmeister einem Reporter des "Wall Street Journal" in dieser Woche anvertraut, denn "ich werde nicht glücklich sein, bevor ich die Schwergewichts-Titel vereinigt habe".

Sheriff im Westernkaff

Solch einen ausführlichen Artikel kann man in dem vornehmen Börsenblatt nicht alle Tage über ein Phänomen aus dem Boxsport entdecken. Doch im "Big Apple" hat der 30-jährige Ukrainer in diesen milden Spätherbst-Tagen offenbar reichlich Kredit. Hier schauen selbst abgebrühte Journalisten bisweilen so erwartungsvoll zu ihm auf, als sei er der Sheriff, der in einem korrupten Westernkaff mal so richtig aufräumen könnte. Und unhaltbar sind sie wirklich, die Verhältnisse in diesem Sport, weshalb es ihn auch aus seinem einstigen Epizentrum weitgehend vertrieben hat: Von den vielen Gyms und Boxbars, mit denen Manhattan in der Ära eines Rocky Marciano gepflastert war, sind nicht mal eine Handvoll übrig geblieben.

Am Samstagabend aber muss Dr. Wladimir Klitschko, Botschafter der Unesco und Sheriff der Guten, erstmal den Showdown mit dem ungeschlagenen Calvin Brock überstehen. Danach darf er sich im Erfolgsfall unter dem gestiegenen Interesse Amerikas an die Vereinigung der konkurrierenden Titel machen. Andernfalls wird er hier am Sonntag, wenn die Footballer der New York Giants ihr Prestigematch gegen die Chicago Bears spielen, beinahe schon vergessen sein - ein nettes Gesicht aus irgendsoeiner Anzeigenkampagne.



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