Box-WM "Rocky" und der "Tiger" beschimpfen sich nicht mehr

Als "asozial" und "dummer Pole" hatten sich Graciano Rocchigiani und Dariusz Michalczewski zuletzt angefeindet. Bei der Pressekonferenz vor ihrem WM-Kampf um die Krone im Halbschwergewicht schienen die beiden Streithähne plötzlich verstummt - was ist da los?


Hannover - Die rund 100 erwartungsfreudigen Pressevertreter im Copthorne Hotel von Hannover glaubten, ihren Ohren nicht mehr trauen zu können. Fünf Tage vor ihrem Rematch um die Halbschwergewichts-WM saßen Graciano Rocchigiani und Dariusz Michalczewski am Montag auf der Pressekonferenz in Hannover, und es passierte: nichts. Keine Hass-Tiraden, keine Beleidigungen, keine Vorwürfe. Geradezu frostig lief die 30-minütige Fragerunde.

Rocchigiani: "Das Vorgeplänkel geht mir langsam auf den Keks"
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Rocchigiani: "Das Vorgeplänkel geht mir langsam auf den Keks"

"Die Vorbereitung lief ohne Missgeschicke ab. Ich kann am Samstag topfit in den Ring steigen", kündigte Rocchigiani an, der seine Augen hinter einer dunklen Sonnenbrille verbarg. "Die Brille ist einfach nur Show", meinte der Berliner, der in Begleitung seines Bruders Ralf mit 15-minütiger Verspätung zur Pressekonferenz erschien. Im Januar beim ersten verbalen Schlagabtausch, als Rocchigiani seinen Gegner als "dummen Polen" beschimpft hatte, hatten die Medienvertreter noch 30 Minuten warten müssen.

Auch Michalczewski sprach von eine "Super-Vorbereitung", in der alles nach Plan gelaufen sei. Der Weltmeister hat auf Cran Canaria, in den Bergen der Hohen Tatra bei Zakopane und in Hamburg trainiert, während sich Rocchigiani unter Anleitung von Weltmeister-Trainer Emanuel Steward im Kronk-Gym in Detroit und in den Pocono Mountains im USA-Bundesstaat Pennsylvania vorbereitet hat. "Unser Konzept ist aufgegangen. Dariusz ist topfit. Wir werden einen Riesenkampf sehen", versprach Michalczewskis Trainer Fritz Sdunek.

Auf ihr erstes Aufeinandertreffen befragt, gaben beide Boxer nur ausweichende Antworten. Im Skandalkampf vom 10. August 1996 in Hamburg war Rocchigiani nachträglich von der WBO wegen Nachschlagens disqualifiziert worden. Zum Zeitpunkt des Abbruchs lag der gebürtige Duisburger nach Punkten vorn. "Emotionen sind ganz sicher da. Die sollte man außen vor lassen. Der alte Kampf zählt nicht mehr", meinte der 36 Jahre alte "Rocky" und maulte: "Das Vorgeplänkel geht mir langsam auf den Keks." Auch Michalczewski, der den Berliner zuvor als Asozialen bezeichnet hatte, zwang sich zu Ruhe und Gelassenheit: "Emotionen müssen zu Hause bleiben. Die darf man nicht mit in den Ring nehmen."

In seiner über zweijährigen Kampfpause sieht Rocchigiani keinen Nachteil: "Ich bin topfit und glaube, dass ich gut zurechtkommen werde." 45 Kämpfe hat das Enfant terrible der deutschen Boxszene bislang absolviert, 40 davon gewonnen, vier verloren. Michalczewski, der seine 41 Profi-Kämpfe allesamt als Sieger beendete, hat 16 Titelverteidigungen erfolgreich bestritten. Seit dem Duell gegen Rocchigiani gewann er neun WM-Kämpfe. "Ich habe dazu gelernt und bin ein besserer Boxer geworden", versicherte der in Danzig geborene Titelverteidiger. Taktisch werde er im erneuten Aufeinandertreffen der beiden besten deutschen Halbschwergewichtler "auf jeden Fall etwas ändern", sagte Michalczewski, lehnte nähere Erläuterungen aber ab.



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